Michael Roher: Tintenblaue Kreise

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦◊
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Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 12 Jahren

184 Seiten, Taschenbuch um € 15,-

Themen: Freundschaft, Familie, Zusammenhalt, erste Liebe, Krankheit, Mobbing

 

In Michael Rohers Jugendroman Tintenblaue Kreise entfaltet sich die wundervolle Liebesgeschichte zwischen Biene und Philip. Während Biene eine liebevolle Familie, einen fürsorglichen Bekanntenkreis und die beste Freundin Shirin um sich hat, lebt Philip ein Eigenbrötlerleben zwischen geschiedenen Eltern. Als ein ihr bekanntes Kind mit dem Tod ringt, stellt sich Biene die Frage, wie es ist, wenn man stirbt. Philips Tante hatte eine Nahtoderfahrung, und so besucht Biene Philip. Der unglaublich talentierte Junge zeigt ihr seine Malkünste, und die Tante berichtet von ihrem beinahe Tod. Fortan treffen sich die benachbarten Teenager immer wieder. Besonders süß ist die Szene, in der Philip seinen Geheimplatz in der Au zeigt, wo Biene seinen Arm mit Kugelschreiber bemalt. Die tintenblauen Kreise sind ein Schutzzauber, ein Mutsymbol und ein Zeichen ihrer Freundschaft.

 

Irgendwann fällt sein Blick auf die lange Linie, die der Stift quer über seine Handfläche hinterlassen hat, als er mir so abrupt den Arm entzogen hat.

„Ist das auch Elfenschrift?“

„Das heißt: Tenka ist ein Arsch!“, sage ich trocken.

Philip lacht laut auf.

„Ja!“, ruft er. „Das stimmt. Aber cool, dass es sogar ein elfisches Wort dafür gibt!“

Wir lachen beide (126-127).

Dieser Tenka ist ein Klassenkollege der beiden, und er blamiert den Halbiren Philip, den er „Milchbubi“ nennt, wo er nur kann. Philip wehrt sich allerdings nie und spricht nicht mit seinen Eltern darüber, und das kann Biene so gar nicht verstehen. Sie und Shirin stellen sich bei einem dieser Mobbingfälle auf Philips Seite, doch dadurch wird alles noch viel schlimmer, und Tenka rächt sich auf hässliche Weise. Kann Philip Biene trotz dieser Blamage noch in die Augen schauen?

 

Eine rührende, herzerwärmende und sehr empfehlenswerte Geschichte über die erste Liebe, das Leben nach dem Tod und Mobbing in der Schule. Obwohl die im Buch auftauchenden Probleme keine leichte Kost sind, gelingt es Roher, einen witzigen, frohen Roman zu schreiben. Er zeigt den jugendlichen und erwachsenen Lesern, dass die Schicksalsschläge des Lebens mit Zusammenhalt, Liebe und Fürsorge bewältigt werden können. „Mut statt Wut“ könnte Biene ihrem Philip in tintenblauen Schwüngen auf den Arm gemalt haben.

 

Michael Roher. Tintenblaue Kreise. Wien: Luftschacht, 2017.

Frances Hodgson Burnett. Der geheime Garten

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
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Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 10 Jahren
320 Seiten, gebundene Ausgabe um € 4,95
Themen: Freundschaft, Familie, positives Denken, Garten, Natur, Geheimnis

Die Kraft des positiven Denkens wird in diesem Buch auf wundervolle Weise beschrieben. Das Waisenkind Mary wird nach Misselthwaite Manor zu ihrem Onkel Archibald Craven gebracht, wo sie von nun an leben soll. Allerdings ergeht es ihr so, wie schon zuvor in Indien, als ihre Eltern noch lebten: Niemand kümmert sich um sie. Sie bekommt zwar Essen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf, aber ansonsten ist sie auf sich allein gestellt. Natürlich bemitleidet sie sich selbst und geht ruppig mit anderen um.
Alles ändert sich, als sie einen geheimen Garten entdeckt und sich um die Pflanzen dort kümmert. Indem sie sich um andere Lebewesen kümmert, erwacht ihre eigene Lebensfreude. Sie gewinnt menschliche, tierische und pflanzliche Freunde, wird langsam netter zu den Angestellten und findet zuletzt sogar am düsteren Herrschaftshaus Gefallen.

Der zehnjährige Sohn ihres Onkels, ihr Cousin Colin, vegetiert derweil abgeschottet in einem anderen Teil des Schlosses dahin. Bei seiner Geburt starb seine Mutter, was weder er noch sein Vater je verwunden haben. Der Junge befürchtet, sterbenskrank zu sein und bucklig zu werden, und er ist ein wahrer Tyrann. Zufällig trifft er auf Mary, die beiden freunden sich an und auch ihn verändert der geheime Garten. Plötzlich hat er etwas, auf das er sich freut, ein Ziel, das der schwache und deshalb an den Rollstuhl gefesselte Junge erreichen möchte. Ihr Geheimnis schweißt die beiden und den Bauernjungen Dickon, der ihnen aufgrund seiner positiven, liebevollen, freundlichen und naturbezogenen Lebensart ein großes Vorbild ist, eng zusammen. Zu guter Letzt erliegt auch noch der depressive Onkel Archibald dem Zauber des Gartens und die Kraft des positiven Denkens und der Liebe entfaltet ihre Wirkung.

Ein wirklich empfehlenswerter Klassiker aus dem Jahr 1911, geschrieben von der Autorin des Kleinen Lord. Trotz der über hundert Jahre, die dieses Buch auf dem Buckel hat, ist das Thema des Ich-bezogenen bzw. depressiven Kindes sehr aktuell und die Lösung (ein Fleckchen Erde, das die Kinder bearbeiten) wunderbar einfach. Mary bestärkt ihren Cousin zudem mehrmals, positiv zu denken. Das ganze Geschehen spielt sich vor dem Hintergrund der englischen Zweiklassengesellschaft von 1900 ab: Die reichen Adeligen beschäftigen sich nicht mit ihren Kindern, der armen Bäuerin aus der Nachbarschaft, Dickons Mutter, gelingt es trotz knapper Finanzen, ihre Kinder zu versorgen und ihnen Liebe zu schenken. Das ist auch heute noch aktuell: Anstatt die Kinder mit Geschenken, Urlaubsreisen und Nachmittagsprogramm zu überhäufen, empfiehlt es sich, ihnen in die Augen zu schauen, mit ihnen zu sprechen und gemeinsam hinaus in die Natur zu gehen, denn es hat ja wohl kaum einer von uns einen geheimen Garten zuhause – oder vielleicht doch?

Frances Hodgson Burnett. Der geheime Garten. Übersetzt von Felix Mayer. Köln: Anaconda Verlag, 2013.

Sebastian Meschenmoser: Die verflixten sieben Geißlein

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Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: 4 bis 8 Jahre – eigentlich auch alle über 8 🙂

32 Seiten, gebundenes Buch um € 13,-

Themen: Märchen (reloaded), Wolf, Geißlein, Unordnung, Saustall, Wimmelbuch

 

Hut ab vor dem kunterbunten Wunderwerk Die verflixten sieben Geißlein, witzig getextet und grandios illustriert vom Berliner Künstler Sebastian Meschenmoser.

Der Wolf hat Großes vor: sich als Geißenmutter zu verkleiden, von den sieben Geißlein ins Haus gelassen zu werden und dann ein Festessen zu genießen (die Gebrüder Grimm lassen grüßen). Doch sobald der Wolf  im Ziegenhaus ist, erlebt er sein blaues Wunder. Dort herrscht nämlich so ein Schweinestall, dass er, um die Geißlein zu finden, erst einmal aufräumen muss. In jedem Raum macht er klar Schiff, dabei gilt es für die kichernden LeserInnen, die versteckten Ziegenkinder zu entdecken. Ein Mordsspaß, doch am Ende, als er mit dem Putzen fertig ist und die Rasselbande vor ihm steht, wird es für den Wolf ernst – und für die Leser kommt der Lachhöhepunkt.

Was für ein frischer Zugang zum alten Märchen! Sebastian Meschenmosers Geschichte ist urkomisch und seine Illustrationen sind ein Hammer. Bevor die Handlung ihren Lauf nimmt, sehen wir, wie sich der Wolf Dragqueen-mäßig aufputzt und seine selbstgebastelten Hörner ansteckt. Auch die Geißlein sind detailreich gezeichnet: Jedes Kitz hat ein lustiges Outfit, was dann beim Suchen und Finden in den Wimmelbildern sehr hilfreich ist. Und welche erwachsenen Vorleser werden sich nicht augenblicklich mit dem Wolf identifizieren, der Ordnung in das Chaos bringt, während die Geißlein auf dem Staubsauger reiten oder auf den gerade erst geordneten Pfandflaschen tanzen? Das erfrischende, unerwartete Ende (es darf verraten werden, dass keinem Ziegenkind auch nur ein Haar gekrümmt wird) ist dann noch das Sahnehäubchen auf diesem bezaubernden Bilderbuch, das für den deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war.

Sebastian Meschenmoser. Die verflixten sieben Geißlein. Stuttgart: Thienemann–Esslinger Verlag, 2017.

Renate Welsh: Das Vamperl

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Zielgruppe: Kinder von 6 – 8 Jahren

112 Seiten, Taschenbuch um € 5,95

Themen: Freundschaft, alte Dame, Vampir, Wut, Freundlichkeit, Schullektüre

 

Das Vamperl von Renate Welsh ist das erste Buch, das meine Große für die Schule lesen „musste“.  Dieses geniale Kinderbuch ist höchst unterhaltsam, auch für Erwachsene. Frau Lizzi, eine 67-jährige, gutmütige, alleinstehende Stadtbewohnerin, findet einen kleinen Vampir, den sie mit einer Milchflasche aufzieht und heiß und innig liebt. Rundherum begegnen den beiden fiese Wüteriche (z.B. vampirfeindliche Nachbarinnen, hänselnde Kinder und karrieregeile Wissenschafler), doch das Vamperl ist die Rettung: Er beißt in den Bauch der Bösen, saugt ihnen das Gift aus der Galle und schwups sind die Zornzwerge freundliche Mitmenschen. Das sorgt natürlich für sehr lustige Momente. Ich liebe die Szene, in der ein Einbrecher eine alte Frau in ihrer Wohnung ausrauben will, aber dann saugt ihm das Vamperl das Gift aus. Sein nettes Ich trifft nun auf die resolute alte Dame, die sich zunächst ordentlich empört: „Und was wollen Sie hier? … Sie sind ja ein Dieb! … Sie sollten sich schämen“ (Seite 53). Das tut er auch. Und weil er schon mal da ist, schickt ihn die Lady gleich einkaufen, denn sie ist schon seit einer Woche krank und der Kühlschrank schrecklich leer. Herrlich!

Nach vielen lustigen Episoden verplappert sich Frau Lizzi eines Tages. Sie erzählt einem Krankenhausarzt von Vamperls Heldentaten. Der Wissenschaftler überredet Frau Lizzi, das Vamperl ins Krankenhaus zu bringen. Es wird unter einen Glassturz gesteckt und erforscht. Doch Frau Lizzi wäre nicht Frau Lizzi, wenn sie ihrem Vamperl nicht aus der Klemme helfen könnte.

Nicht nur wir Erwachsene, sondern auch unsere Kinder wünschen sich so ein Vamperl, das den bösen Leuten die Galle leert und für mehr Freundlichkeit und Wohlwollen sorgt. Dieser Blogbeitrag soll nicht nur die tolle österreichische Autorin Renate Welsh und den österreichischen Nationalfeiertag ehren, sondern im Sinne von #bookstagrammergegenrechts und #vielfaltstatteinfalt für ein freidliches Zusammenleben werben. #wirsindmehr und #mutstattwut könnten schließlich von Frau Lizzi und ihrem Vamperl stammen!

Das 1979 publizierte Vamperl gibt es übrigens als Little Vampie auch auf Englisch: Zum ersten Englischlesen oder -hören (Renate Welsh war lange Jahre als freiberufliche Übersetzerin tätig). So können die Kinder gleich in eine andere Sprache und Kultur eintauchen, ein doppelter Gewinn! Zum Vamperl gibt es auf Antolin praktischer Weise gleich zwei Quizmöglichkeiten, also doppeltes Punkteabräumen. Und es gibt noch einige Vamperl-Bände mehr, denn von Vamperl kann man einfach nicht genug bekommen!

 

Renate Welsh. Das Vamperl. München: dtv junior, 2011.

Carson Ellis: Wazn Teez?

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Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: 4 – 8 Jahre

48 Seiten, gebundenes Bilderbuch um € 16,50

Themen: Insekten, die Jahreszeiten, Freundschaft, Forschen, Abenteuer, Natur

Neuerlich hat mir eine Bibliothekarin ein extrem tolles Buch gezeigt. Vielen Dank, liebe Martina! Wazn Teez? ist bezaubernd, wunderbar, total gelungen – ja, Leute, ich bin sowas von begeistert: Die klaren, in Naturtönen gehaltenen Illustrationen sind wunderschön, die Geschichte toll, und nach dem Lesen gibt’s noch jede Menge lustigen Gesprächsstoff mit den Kids.

 

Aber fangen wir mal vorne an:

Die Story: Im Frühling sprießt ein grünes Pflänzchen aus dem Boden und viele vorbeikommende Insekten fragen sich: „Wazn teez?“ (Das heißt natürlich: „Was ist das denn?“) Erste Antwort: „Mi nanüt.“

Was? Du sprichst kein Insektisch? Kein Problem! Deine Kinder werden Dir alles perfekt übersetzen, und dabei gibt’s viel zu lachen! Man kommt natürlich auch als Erwachsene(r) in diese Fantasiesprache rein: „an Plumpse“ = eine Pflanze/Blume, „an Sprossel“ = eine Leiter, usw. Die Übersetzung der wüsten Beschimpfung der Spinne, die die Pflanze samt darauf errichteter Festung in Beschlag nimmt, ist dabei sicher ein Highlight (im Original: „SCHROXXLER! TITTI SCHROXXLER!“). Keine Sorge, schon auf dem nächsten Bild löst ein großer Vogel dieses Problem ;-). Als es schließlich Herbst wird, ziehen sich die Insekten zurück, Blume und Festung verfallen, Schnee bedeckt das Land, bis dann im Frühling…

Meine Kinder und ich hatten große Freude an den bezaubernden Bildern und unglaublichen Spaß beim Entziffern der Insektensprache. Auch danach haben wir noch weitergelacht und selbst Wörter in Insektensprache erfunden. (Ich werde wohl nie mehr eine Leiter sehen und nicht „an Sprossel“ denken!)

Carson Ellis Wazn Teez? Buchempfehlung Buchtipp Kinderbuchblog Brigitte Wallinger geniales Buch Kinderbuch Bilderbuch

Ein gewaltig gutes Bilderbuch, große Empfehlung für dieses geniale Werk! Unbedingt lesen und scheckig lachen!

 

ENDE DER LOBESHYMNE, HIER DIE NACKTEN FAKTEN 🙂

Das Buch ist nur für Menschen geeignet, die Zeit haben, es mit ihren Kindern zu besprechen. Wer ein ratz-fatz-vorlesen-und-dann-ab-ins-Bett-mit-dir-Buch braucht (und solche Bücher benötigt man manchmal auch), der ist hier falsch.

Die Insektensprache ist eine super Vorleseübung für Schulkinder, denn hier muss auf den Buchstaben genau gelesen werden, und die Kids können Wörter nicht „erraten“. Leider ist leider noch kein Quiz dazu auf Antolin abrufbar.

Und die Autorin? Carson Ellis, Jahrgang 1975, lebt mit ihrem Mann, dem Folkmusiker Colin Meloy, und ihren zwei Söhnen (sowie einer Katze, zwei Lamas, zwei Ziegen, einem Schaf, zehn Hühnern, einer Eulenfamilie und unzähligen Fröschen) auf einer Farm in Portland. Wazn Teez? ist ihr zweites Bilderbuch. Ihr erstes, Zuhause, ist auch schon auf Deutsch erschienen (also diesmal echt in Deutsch und nicht in Insektisch). Für einen Grammy war Carson Ellis übrigens auch schon mal nominiert: Sie hat 2016 ein wunderschönes Albumcover für die Band ihres Mannes, The Decemberists, kreiert.

Der Titel der Originalausgabe heißt Du Iz Tak. Das Buch hat unter anderem den E. B. White Lautlesepreis gewonnen. Ich habe ein bisschen in den englischen Originaltext hineingeschnuppert und muss sagen: Das ist das erste Buch, bei dem ich die deutsche Übersetzung noch besser finde als das Original! Hut aber vor den Übersetzern Jess Jochimsen und Anja Schöne!

Wazn Teez? war übrigens für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Gewonnen hat in der Kategorie Kinderbuch schließlich aber Megumi Iwasas Viele Grüße, Deine Giraffe (illustriert vom genialen Jörg Mühle) – und das ist auch ein klasse Buch! Aber dazu ein ander Mal mehr…

 

Carson Ellis. Wazn Teez? Zürich: NordSüd Verlag, 2018. Genial übersetzt aus dem Englischen von Jess Jochimsen und Anja Schöne.

Agnese Baruzzi: Große Überraschungen

Leselevel: ♦◊◊◊◊
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Humor: ♦♦♦◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: 1 – 3 Jahre

20 Seiten, Pappbilderbuch mit Klappen € 11,95

Themen: Fahrzeuge, Verwandlung, groß und klein, Farben

Auf zehn ausklappbaren Doppelseiten entdecken die kleinsten LeserInnen große Überraschungen. Ein kleiner Traktor wird zum Beispiel, nachdem man die Klappe ausgezogen hat, zu einer großen Erntemaschine und eine Rakete zu einem Bus. Es ist faszinierend, wie sich die Fahrzeuge verwandeln. Durch die in großer Schrift verfassten, einfachen Texte eignet sich dieses Buch ideal dazu, dass größere Geschwister ihren kleinen Brüdern oder Schwestern vorlesen. Es hilft auch beim Erlernen von Fahrzeugbegriffen, Farben, Formen und Größenunterschieden. Ein wirklich gelungenes Bilderbuch!

Als Tochter eines Schriftsetzers und einer Bibliothekarin ist Agnese Baruzzi, geb. 1980, seit ihrer Kindheit von Büchern umgeben. Seit 2001 arbeitet sie nun schon als Illustratorin und Kinderbuchautorin. Ihre Werke werden in vielen Ländern publiziert. Sie lebt nahe Bologna und schreibt gerne in ihrem kleinen Sommerhäuschen am Land, gut bewacht von ihren Hunden Zorba und Orso (siehe hier).

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Agnese Baruzzi: Große Überraschungen. Bargteheide: Michael Neugebauer Edition, 2017.

Kate de Goldi: Die Anarchie der Buchstaben

Leselevel: ♦♦♦◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦◊◊
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung:♦♦♦◊◊
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen:♦♦♦♦♦
Zielgruppe: ab 10 Jahren
151 Seiten, Kindle-Edition um € 9,99
Themen: Familie, Demenz, Tod, Freunschaft, Zuneigung, das ABC, positive Anarchie

Perrys Leben wird von ihren berufstätigen Eltern streng getaktet: vormittags Schule, nachmittags Malklasse, Klavierstunden, Klarinettengruppe, Musik- und Bewegungskurs und Förderunterricht. Samstags besuchen die Neunjährige und ihr Vater dessen demente Mutter Honora Lee im Altersheim – für ganze 40 Minuten. Sonntags geht die Familie zum Brunch ins „The Café“: Familienzeit. Doch plötzlich zerrt sich Brita von „Musik und Bewegung“ den Rücken, und der Kurs wird abgesagt. Was tun? Wohin soll das Kind nun am Donnerstagnachmittag geschickt werden? Perry schlägt vor, Oma Honora zu besuchen, und mangels Alternativen erlauben es ihr die Eltern widerwillig. Das Kind entwickelt eine wunderbare Liebe zur Oma, obwohl die alte Dame oft nicht einmal weiß, wer dieses Mädchen überhaupt ist und warum es einen Jungennamen trägt. Aber Perry verschreckt das schrullige Verhalten der Großmutter (und der anderen HeimbewohnerInnen) nicht. Ganz im Gegenteil: sie liebt die Zeit im Altersheim und beschließt, ein Abc-Buch darüber zu schreiben. Nur dass alphabetisches Vorgehen für senile Senioren schwierig ist und am Ende eher ein Acb- bzw. Bca-Buch dabei herauskommt. Aber diese Anarchie der Buchstaben (und die der Altenheimleute) ist für das eingeteilten Kind wie Balsam auf Wüstenhaut.

Alle, die schon einmal in einem Altenheim waren, können bestätigen, wie komisch manche Erlebnisse mit AltersheimbewohnerInnen sind. Und auch wie traurig. Und oft beides zusammen. Der neuseeländischen Kinder- und Jugendbuchautorin Kate de Goldi gelingt es, solche Momente wunderbar einzufangen. Sie erzählt einfühlsam, witzig und schlau. Gregory O’Briens fabelhafte Illustrationen runden dieses feine Meisterwerk ab. Und Ingo Herzke hat das englische Original gekonnt ins Deutsche übersetzt.
Hier eine bittersüße Szene aus dem Buch, die einen guten Eindruck vom Charakter des Textes gibt:

„Oma hat vergessen, wie man Ich sehe was, was du nicht siehst spielt“, verriet Perry Audrey [einer Pflegerin].
„Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist frech“, sagte Oma. Sie beugte sich zu Doris und flüsterte ihr ins Ohr: „Ich gewinne.“
„Viel Spaß!“, sagte Audrey. Sie ging auf die andere Seite des Gemeinschaftsraums, um Jeffrey zu helfen, der manchmal auf seinem Stuhl zur Seite sackte und dann mit alter, dünner Stimme „Schwester? Schwester?“ rief.
Oma stand auf. Krümel fielen ihr von der Brust. Doris stand ebenfalls auf. Sie reichte Oma bis zur Schulter. Sie hatte einen Marmeladenklecks auf dem Kinn, wie ein glänzender Schorf.
„Jeden Moment kommen die Schüler“, sagte Oma. „Die Zeit wartet nicht.“
„Die Zeit wartet nicht“, wiederholte Doris.
Auch Perry stand auf. Sie könnte ebenso gut mitgehen, dachte sie sich. (Seite 39).

Eine der genialen Nebenhandlungen des Buches dreht sich um den Tod, und zwar konkret um tote Hummeln, die Perry findet, aufhebt und schlussendlich begräbt. Der Nebenstrang mit dem zweijährigen Sohn von Perrys Kinderfrau, der sich im Prinzip wie die AltersheimbewohnerInnen verhält, zeigt auf wunderbare Weise, dass sich der Kreis schließt und alte Leute wieder wie Kinder werden. Und das Ende der Geschichte, ist es vorhersehbar?? Wer erwartet schließlich nicht, dass eine Oma-Enkelin-Geschichte, die im Altersheim spielt, traurig ausgeht? Ob das bei diesem Buch auch so ist, findet Ihr am besten selbst heraus ;-). Die Lektüre lohnt sich für alle ab 10!

Kate de Goldi. Die Anarchie der Buchstaben. Übersetzt von Ingo Herzke. Mit Bildern von Gregory O’Brien. Hamburg: Königskinderverlag (Carlsen), 2012.

Beatrice Alemagna: Ein großer Tag, an dem fast nichts passierte

Leselevel: ♦♦♦◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦◊◊
Humor: ♦♦♦◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: Kinder von 4 – 8 Jahren

46 Seiten, gebundene Ausgabe um € 14,95

Themen des vielfach preisgekrönten Buches: Langeweile, Computerspiele, Natur, Abenteuer, Herbst, Trauer, Familie, neonorangene Lebensfreude

Dieses geniale Kinderbuch wurde mir von unserer engagierten Gemeindebibliothekarin Anni empfohlen: Vielen Dank für diesen Tipp! Das Buch ist eine herausragende Kombination aus wunderschönen Illustrationen, spannender sowie poetischer Geschichte und pädagogisch wertvollem Inhalt. Ich kann Euch diesen Schatz nur wärmstens weiterempfehlen! Auf so eine funkelnde Bilderbuchperle trifft man ganz, ganz selten. ♥

Zum Inhalt: Ein Mädchen bezieht mit ihrer Mutter das angestammte Ferienhäuschen. Die Gegend ist trist, regnerisch, langweilig. Beide Figuren sind traurig (ich vermute, dass der Vater verstorben ist). Während sich die Mutter still ihrer Arbeit am Laptop widmet, tötet das Mädchen Marsmännchen auf ihrem Minicomputer und denkt an die schönen Dinge, die ihr ihr Vater früher draußen gezeigt hat.

Als ihr die Mutter das Spiel aus der Hand reißt und sie tadelt, weil sie erneut einen ganzen Tag lang mit Nichtstun vergeudet, holt sich das Kind heimlich den Minicomputer zurück und verlässt das Haus. Draußen wird sie von Matsch, strömendem Regen, Wind und der „Langeweile der ganzen Welt“ in Empfang genommen. Um das elektronische Gerät vor dem Regen zu schützen, steckt sie es in die Manteltasche. Das Mädchen läuft einen Hügel hinunter und sieht in einem Teich Steine, die sie an die Marsmännchenköpfe erinnern. Sie springt auf sie, und der Minicomputer plumpst dabei ins Wasser: „Das war das Schlimmste, was auf der Welt passieren konnte.“ – Oder vielleicht in Wirklichkeit das Beste? Plötzlich auftauchende Riesenschnecken sprechen nun mit ihr, ein Pilzmeer erinnert sie an Großvaters Keller, in dem ihr Lieblingsspielzeug lagert, sie greift nach Schätzen in der Walderde. Plötzlich reißt der Himmel auf, Lichtstrahlen und ein Regenbogen erhellen die Welt, sie atmet tief ein, klettert, unterhält sich mit Tieren und trinkt wie sie, springt herum. „Warum hatte ich das noch nie zuvor gemacht?“, wundert sie sich.

Zurück im Haus, sieht das Kind in den Spiegel und entdeckt ihren lächelnden Vater darin. Ihre Mutter verlässt den Arbeitsplatz und widmet sich der Tochter, die ihr eigentlich von ihrem wundersamen Abenteuer berichten möchte. Doch dann sitzen sie nur zusammen in der Küche bei einer Tasse heißer Schokolade und schauen sich an, ohne Worte. Sie spüren „diesem magischen, unglaublichen Tag voller Nichts“ nach.

Was für eine großartige, poetische Geschichte, komprimiert auf 46 Bilderbuchseiten: Ich bin total begeistert!

Nicht nur die Geschichte, sondern auch die Illustrationen sind herausragend. Die anfangs in Herbsttönen gehaltenen, zauberhaften Bilder vermitteln die vom Kind verspürte Langeweile auf wunderbare Weise. Nur die neonorangene Regenjacke der Ich-Erzählerin sticht heraus. Es wird sofort klar, dass diese Jacke ein großes Abenteuer verheißt. Später werden die Bilder heller und heller. Man sieht, wie die traurige Stimmung abflaut und ein Hoffnungsschimmer Mutter und Tochter erleuchtet. Als die Tochter heimkehrt, fallen der Mutter neonorangene Blumen neben ihrem Laptop auf, die zu Buchbeginn noch grau waren.

Dass das Kinderbuch aus der Ich-Perspektive des Mädchens erzählt wird, ist grandios! Damit, dass die Mutter nörgelt, weil man schon wieder vor dem PC hängt oder an Playstation, Nintendo und Handy herumdrückt, kann sich heutzutage ja fast jedes Kind identifizieren. Sicherlich vermittelt dieser Kunstgriff den Kids auch die Erkenntnis, dass die Natur abenteuerlicher ist als Computerspiele :-).

Beatrice Alemagna Ein grosser Tag, an dem fast nichts passierte großer Brigitte Wallingers Kinderbuchblog Bilderbuchtipp Buchempfehlung für Kinder geniales Buch

Aus pädagogischer Sicht ist dieses Buch wunderbar dazu geeignet, Depression und Tod zu besprechen, oder auch einfach nur, um Kindern bewusst zu machen, dass Naturabenteuer auf sie warten, wenn sie Nintendo, Playstation & Co. den Rücken kehren. Sie müssen ja nicht gleich das ganze Computerzeug im Fischteich versenken….

Die 1973 in Bologna geborene Beatrice Alemagna lebt heute in Paris und ist eine erfolgreiche Kinderbuchautorin und -illustratorin. Einige von Euch kenne sie sicher durch Im Land der Flöhe und Große Liebe. Im Alter von 8 Jahren beschloss sie, Buchautorin und Malerin zu werden: Das ist ihr auf geniale Art und Weise gelungen! Das vorgestellte Buch ist – völlig zurecht – vielfach ausgezeichnet: Es gewann die Goldmedaille der amerikanischen Society of Illustrators 2017. Die NY Times und die NY City Library haben es zu einem der zehn best-illustrierten Bilderbücher 2017 gekürt. Es hat 2017 auch in Frankreich abgesahnt: Un grand jour de rien, so der Titel der Originalausgabe, gewann den Goldenen Illustrationspreis 2017 und den Prix Landernau: Bestes Kinderbuch 2017. Der englischen Ausgabe, On a Magical Do-Nothing Day, wurde 2018 der English Association Book-Award verliehen.

Beatrice Alemagna. Ein großer Tag, an dem fast nichts passierte. Aus dem Französischen von Anja Kootz. Weinheim: Beltz & Gelberg, 2018.