Interview mit Agnese Baruzzi, BCBF 2019

Auf der diesjährigen Kinderbuchmesse in Bologna habe ich am 2.4.19 die renommierte Kinderbuchillustratorin Agnese Baruzzi getroffen. Mit ehrlichen Worten gewährt sie in diesem Interview einen tiefen Einblick ins Leben einer Illustratorin, in die Zusammenarbeit zwischen Verlag und Künstlerin, in ihr künstlerisches Schaffen und die finanzielle Komponente.

Als Tochter eines Schriftsetzers und einer Bibliothekarin ist die 1980 geborene Agnese Baruzzi seit ihrer Kindheit von Büchern umgeben. Seit 2001 arbeitet sie nun schon als Illustratorin und Kinderbuchautorin, und zwar höchst erfolgreich. Ihre über 100 Bilderbücher werden in vielen Ländern publiziert. Sie lebt nahe Bologna in einem kleinen Häuschen am Land, gut bewacht von ihren Hunden Zorba und Orso.

BW: Wie entstehen Deine Bücher? Beginnt alles mit einer Idee von Dir oder kommen die Impulse vonseiten des Verlags?

AB: Jedes Buch hat seine eigene Entstehungsgeschichte. Manchmal habe ich eine Idee und gehe damit zum Verleger. Dann besprechen wir sie. Diese Gespräche sind sehr wertvoll und nützlich, zum Bespiel mit Michael Neugebauer von Minedition. Zusammen können wir ein Projekt enorm verbessern. Wenn es schnell gehen muss und ich nur Dateien an den Verlag schicke, ohne eine ordentliche Besprechung mit dem Verleger, dann fehlt dem Projekt etwas. Sich auszutauschen ist ein wichtiger Teil der Zusammenarbeit. Üblicherweise fühle ich mich besonders jenen Buchprojekten verbunden, die aus einer meiner eigenen Ideen enstanden sind. Aber es kommt natürlich auch vor, dass mich ein Verlag bittet, ein Buch zu einem bestimmten Thema zu machen und sie das Format aussuchen, etc. Natürlich ist das auch okay, aber für diese Bücher brennt mein Herz ein klein bisschen weniger.

BW: Hier auf der Kinderbuchmesse in Bologna sieht man viele IllustratorInnen, die sich an Verlagsständen anstellen, um ihre Portfolios herzuzeigen und Aufträge an Land zu ziehen. Musst Du das auch noch machen?

AB: Nein. Ich vereinbare schon vor der Messe Termine mit den Verlagen, für die ich arbeite. Ich arbeite sehr gerne für meine Verlage und hoffe, dass sie auch gerne mit mir zusammenarbeiten. An die Zeit, als ich mich noch anstellen musste, kann ich mich aber noch gut erinnern. Ich wünsche den KollegInnen alles Gute, allerdings ist es sicher schwer für die Verlage, in so kurzer Zeit so viele Illustrationen zu beurteilen. Vielleicht ist dies doch nicht die beste Möglichkeit, sich und seine Bilder vorzustellen.

BW: Hast Du immer einen Notizblock dabei, allzeit bereit, neue Ideen festzuhalten?

AB: Ja. Allerdings nicht immer einen Notizblock, manchmal auch nur irgendwelche Zettel oder Ähnliches. Aber um die Wahrheit zu sagen: Ich arbeite sehr strukturiert. Meistens arbeite ich von 8 oder 9 Uhr bis Mittag und dann wieder am Nachmittag. Nachts arbeite ich so gut wie nie. Irgendwie nicht besonders spannend: Hört sich mehr nach Angestellter an als nach Künstlerin (lacht). Aber in der Phase der Ideenfindung geht es natürlich spontan zu. Da kann es schon vorkommen, dass ich auf dem Rad sitze oder schwimme oder an der Supermarktkasse stehe, wenn mir etwas einfällt.

BW: Arbeitest Du auf Papier oder benützten IllustratorInnen heutzutage nur den Computer?

AB: Beim Ideenfinden mache ich mir immer Muster aus Papier. In dieser Arbeitsphase muss man Papier in Händen halten um zu sehen, was verbessert werden kann.

BW: Deine Illustrationen und Bücher haben immer etwas Überraschendes und Unerwartetes. Sie binden die jungen LeserInnen ein und erlauben ihnen, aktiv zu sein. Ist das Deiner Persönlichkeit geschuldet oder machst Du das vorsätzlich, vielleicht aus pädagogischen Motiven?

AB: Das sprudelt einfach so aus mir heraus. Es macht mir Spaß, Veränderungen und Transformationsprozesse zu beobachten. Und ich liebe es, das zu tun, was mir selber Spaß macht.

BW: Was inspiriert Dich? Die Natur? Oder beobachtest Du Kinder?

AB: Für mich sind die Illustrationen anderer KünstlerInnen sehr wichtig. Meiner Meinung nach erschafft niemand etwas, das es zuvor noch nicht gegeben hat. Es ist ganz normal, sich von den Werken anderer, von Büchern, von der Natur, von Filmen und von Kunst inspirieren zu lassen. Es gibt viele Inspirationsquellen, aber für mich ist der Vergleich mit den Werken anderer KünstlerInnen wesentlich. Und es ist mir auch sehr wichtig zu beobachten, was die Kinder mit meinen Büchern machen. In einem meiner Kinderkurse hat sich ein kleines Mädchen eine schlaue Verwandlung von einem Drachen in einen Fuchs einfallen lassen. Ich habe sie gefragt, ob ich ihre Idee in mein neues Buch einbauen dürfe – und ich durfte. (Anmerkung: Die Rede ist von Agnese Baruzzis neustem Verwandlungsbilderbuch Hoppla, was kann das sein?, das am 23. April im Verlag minedition erscheint. Die erwähnte Drache-Fuchs-Kombi hat es letztendlich nicht ins Buch geschafft – es gab noch besser: Regenschirm zu Walfischflosse beispielsweise.)

BW: Hast Du einen Lieblingsillustrator oder ein Lieblingskinderbuch?

AB: Maurice Sendak. Sein Buch Wo die Wilden Kerle wohnen liebe ich ganz besonders. Und als Kind mochte ich Roald Dahl sehr.

BW: Du lebst in Imola, in der Nähe von Bologna. Ist diese Messe ein Heimspiel für Dich?

AB: Ja, absolut. Früher habe ich sogar in Bologna gewohnt – jetzt lebe ich auf dem Land. Ich bin damals mit dem Rad zur Buchmesse gefahren, während die anderen MessebesucherInnen mit dem Flugzeug aus allen Teilen der Welt angereist sind.

BW: Wie viele Bücher hast Du schon veröffentlicht?

AB: Ich zähle sie nicht, aber über hundert werden es schon sein.  

BW: Deine Scherenschnitt-Bücher sind faszinierend, zum Beispiel The Beauty and the Beast (erschienen 2016 im Verlag Sterling Publishing). Machst Du solche Bücher besonders gerne?

AB: Ja, sehr gerne. Das kommt daher, dass mein Vater, der eine Druckerei hat, eine Laserschneidanlage gekauft hat. In diese Maschine habe ich mich Hals über Kopf verliebt. Ich habe damit unglaublich viel Zeit verbracht, habe mir Bücher mit dieser Technik ausgedacht. Aber leider ist es sehr teuer, solche Bücher fertigen zu lassen. Aus wirtschaftlicher Sicht waren diese Bücher kein großer Erfolg, fürchte ich. Sie kosten einfach zu viel. Aber ich bastle noch immer an neuen Projekten mit weniger ausgeklügelten Schnitten, damit die Bücher dann weniger kosten und wirtschaftlich erfolgreicher sind.

BW: Du bist eine bekannte Illustratorin und arbeitest für Verlage in Deutschland, Italien, England, Japan, Portugal, Südkorea und den USA. Arbeitest Du mit den ÜbersetzerInnen Deiner Bücher zusammen?

AB: Nein. Einmal habe ich sogar ein Buch für ein englisches Verlagshaus gemacht, das ins Italienische übersetzt wurde, aber nicht von mir. Natürlich war der Text sehr einfach, aber es wäre doch naheliegend gewesen, dass ich dieses Buch übersetze. Ich hätte die Worte gerne selbst ausgewählt. Ich bin überzeugt davon, dass das Übersetzen sehr wichtig ist. Leider beherrsche ich keine Fremdsprache gut genug, um selbst zu übersetzen, aber mir ist die Bedeutsamkeit des Übersetzens bewusst.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei Agnese Baruzzi, die sich auf der geschäftigen Messe in Bologna die Zeit genommen hat, mit mir zu sprechen. Dem Verlag minedition (Michael Neugebauer Edition) danke ich sehr herzlich fürs Einfädeln dieses Interviews und für die Gastfreundschaft auf dem Minedition-Stand! Besonders Gudrun Albertsmeier gebührt ein großes Dankeschön!

Auf meinem Blog finden sich Rezensionen zu folgenden, sehr empfehlenswerten Bilderbüchern von Agnese Baruzzi:

Spiel mit mir!

Große Überraschungen

Stephan Schlensog und Carmen Hochmann: Komm mit, wir entdecken die Weltreligionen

Leselevel: ♦♦◊◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: für Kindergarten und Grundschulkinder (ab 3 Jahren)
12 Seiten; großes Pappbilderbuch mit Klappseiten um € 12,99

Themen: Religion, Wimmelbuch, Weltreligionen, Christentum, Islam, Judentum, Hinduismus, Buddhismus, keine Religionsgemeinschaft, Religionsgemeinschaften in Deutschland, religiöse Feste, Rituale und Symbole, spielerisches Lernen

Bevor ich mich dem Eierfärben, Osterlammbacken und Hasenbasteln widme, möchte ich Euch noch dieses wunderschöne, schlaue Religionsbuch empfehlen. Die Zielgruppe von Komm mit, wir entdecken die Weltreligionen sind Kindergarten- und Grundschulkinder: Für sie ist Gott bzw. Religion zu Ostern natürlich ein großes Thema.

In diesem Wimmelbuch finden sich im Klappentext die wichtigsten Informationen zum Fest und zum Christentum im Allgemeinen, aber was dieses Pappbilderbuch neben den ansprechenden Illustrationen und den lustigen Suchaufgaben besonders auszeichnet ist, dass auch die anderen Weltreligionen, also der Islam, das Judentum, der Hinduismus und der Buddhismus genauso ausführlich vorgestellt werden. Auch Menschen ohne Religionsbekenntnis sind Teil dieses Buches.

Ich finde es schön, den Kindern schon früh zu zeigen, dass es verschiedenste Religionsgruppen und Lebensweisen gibt. Das friedliche Zusammenleben ist das Herz aller Illustrationen, und so sind auf den einzelnen Doppelseiten der Religionsgruppe nicht nur Gläubige der jeweiligen Religion zu finden, sondern immer auch Vertreter der anderen.

Auf allen fünf Doppelbildern verstecken sich ein Mädchen ohne Religionsbekenntnis, ein christliches Mädchen, ein muslimischer Junge, ein jüdischer Junge, ein hinduistisches Mädchen und ein buddhistischer Junge. Diese gilt es im Wimmelbild zu entdecken genauso wie die Feste, Symbole und Rituale, die auf den Bildrändern abgebildet sind. So gelingt es diesem besonderen Religionsbuch, dass die Kinder jede Menge Wissen aufsaugen und dabei großen Spaß erleben!

Ich wünsche Euch ein frohes Osterfest und viele bunte Begegnungen an den Feiertagen!

Herzlichen Dank an den Gabriel Verlag aus der ThienemannEsslinger Verlagsgruppe und Henrike Blum für mein Rezensionsexemplar!

Stephan Schlensog und Carmen Hochmann: Komm mit, wir entdecken die Weltreligionen. Stuttgart: Gabriel Verlag im Thienemann-Esslinger Verlag, 2019.

Martina Fuchs und Agnes Ofner: Klarissa von und zu Karies. Vom Leben und Wirken einer Bakterie

BLOGBEITRAG MIT GEWINNSPIEL

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦♦♦
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: Jungs und Mädchen zwischen 3 und 8 Jahren

26 Seiten, gebundene Ausgabe um €16,95

Themen: Karies, Zähne, Zahngesundheit, Gesundheitserziehung, Mundflora, Bakterien, Gebiss, Zahnbürsten, Zahnarzt, Gesundheitsförderung

Bald ist Ostern, und der Hase wird uns sehr viel Schokolade im Garten verstecken. Da brauchen die Kids dringend Motivation zum gründlichen Zähneputzen: Klarissa von und zu Karies muss her! Im lustigen Zahnsachbuch verrät eine Kariesbakterie den Kindern, was es gerne verspeist, was ihm schadet und was beim Zahnarzt passiert. Das Buch verrät allerlei Wissenswertes zum Thema Zähne, ohne dass von „Zahnputzteufeln“ oder der „Zahnfee“ die Rede wäre. Die Kariesbakterie Klarissa gibt einfach ihr Insiderwissen preis, es wird nichts verkitscht oder verniedlicht. Die Kinder werden auf unterhaltsame Weise informiert. Die wunderschönen, amüsanten Illustrationen von Agnes Ofner veranschaulichen den spannenden Text von Martina Fuchs perfekt. Und auch wir Erwachsene können noch einiges lernen – oder wusstest Du, dass in jedem/jeder von uns 2 kg (!!) Bakterien herumwuseln?

Einige Erwachsene schütteln sich eventuell bei dem Gedanken an ein Zahnsachbuch, aber meine Kinder sind total scharf auf diesen witzigen Band. Ich glaube, die Kinder packen den dentalen Stier gerne bei den Hörnern: Je mehr sie wissen, desto weniger Angst haben sie.Sie wollen unbedingt ganz genau wissen, was beim Plombieren passiert, wie die ersten Zahnbürsten vor 4000 Jahren so ausgesehen haben und was ein Zahnwurm ist (Letzteres weißt Du auch nicht, stimmt‘s?).

VERLOSUNG

Angesichts der großen Schokoflut zu Ostern verlose ich ein Exemplar dieses genialen Buches! Was musst Du tun?

Kommentiere diesen Blogbeitrag und verrate mir, ob Du Deinen Zahnarztterminen gelassen entgegensiehst oder davor Panik schiebst (so wie ich).

Wer über 18 Jahre alt ist und in Österreich, Deutschland oder der Schweiz wohnt, kann gerne in den Lostopf hüpfen. Das Gewinnspiel läuft bis zum 14.4.19 um 23:59. Am Montag danach verlose ich unter allen Teilnehmenden einen Band von Klarissa von und zu Karies. Der Rechtsweg und eine Barauszahlung sind ausgeschlossen. Zum Zweck des Versands werden die Daten des Gewinners oder der Gewinnerin an den Tyrolia Verlag weitergegeben. Herzlichen Dank an den Tyrolia Verlag für das Rezensions- und das Verlosungsexemplar!

Und Dir viel Glück für die Verlosung!

Deine Brigitte

David Hockney, Martin Gayford und Rose Blake: Die Welt der Bilder: Für Kinder

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: ab 8 Jahren
128 Seiten, gebundene Ausgabe um € 19,90

Themen: Kunst, Bilder, Fotografie, bewegtes Bild, Gemälde, Kunstgeschichte, KünstlerInnen, Erfindungen, Techniken, Kinder und Kunst

Frisch von Bologna mitgebracht habe ich dieses unterhaltsame Kunstbuch: David Hockneys und Martin Gayfords Die Welt der Bilder: Für Kinder, illustriert von Rose Blake und ins Deutsche übersetzt von Claudia Koch. Das amüsante Sachbuch bringt Kindern ab 8 Jahren näher, wie Künstlerinnen und Künstler es schaffen, unsere dreidimensionale Welt auf einer ebenen Fläche abzubilden. Was wollen sie ausdrücken und wie schaffen sie das mithilfe von Szenenaufbau, Licht und Schatten, feinen Linien und großflächigen Pinselstrichen? Kinder werden diese wunderbare Einstiegsluke in die Welt der Kunst lieben, denn das Buch enthüllt das Rätsel, was ein Bild, eine Fotografie oder ein Bewegtbild zu Kunst macht, wie so ein Kunstwerk aufgebaut ist und welche Überlegungen dahinterstecken.

Zudem enthält Die Welt der Bilder: Für Kinder alles, was man von exzellenten traditionellen Kunstbüchern kennt: Es präsentiert die wichtigsten Techniken, die Meilensteine der Kunstgeschichte, die prominentesten Kunstschaffenden und die bedeutendsten Erfindungen (von Aquarellfarben und Metalltuben bis hin zu Videospielen und Smartphones).

In einfacher Sprache werden komplexe Sachverhalte spannend und faszinierend erklärt. Wenn man verstehen möchte, worum es bei Kunst geht, und einen Schlüssel sucht, der einem einen Zugang zu Kunstwerken ermöglicht, sollte man dieses Buch unbedingt lesen. Es richtet sich zwar vorrangig an Kinder, aber auch für Erwachsene ist dieses Sachbuch ein Genuss. Zum großen Vergnügen trägt nicht nur der schlaue, kurzweilige Dialog zwischen Kunstkritiker Martin Gayford und Künstler David Hockney bei, sondern auch die bezaubernden, lustigen Illustrationen von Rose Blake, die es schaffen, die unterschiedlichen Kunstwerke und Erklärungen in ein harmonisches Ganzes zu verwandeln. Völlig zurecht wurde dieses Buch auf der BCBF-Kinderbuchmesse in Bologna mit dem renommierten Bologna Ragazzi Award ausgezeichnet!

Hätte ich dieses Buch nur schon gekannt, als ich letzten Oktober zwanzig GrundschülerInnen ins Museum der Moderne begleitete ( http://www.club-der-schlauen-fuechse.at/?p=1306 ). Dort habe ich nämlich händeringend versucht, den Kindern zu erklären, was Kunst ist. Sie haben mich genauso ausdruckslos angeguckt wie eine Kuhherde einen Wanderer. Zum Schluss fiel mir ein, dass der Titel eines Kunstwerks ein super Schlüssel für dessen Interpretation sein kann. Da stand ein Mädchen auf, ging zur Beschreibung des Bildes von Marisa Merz, vor dem wir gerade standen, und las laut vor: „Ohne Titel.“ Die Museumshalle dröhnte vor lauter Lachen, und ab da war der Bann gebrochen! Es kann eben ein großes Vergnügen sein, sich Kunst anzusehen und sich darüber auszutauschen. Und darauf macht auch das Buch Die Welt der Bilder: Für Kinder große Lust.

Ich danke dem Midas Verlag sehr herzlich für mein Rezensionsexemplar!

David Hockney und Martin Gayford. Die Welt der Bilder: Für Kinder. Zürich: Midas Verlag, 2019. Illustriert von Rose Blake. Übersetzt von Claudia Koch.

Kveta Pacovska: Die Nimmtes-Nimmtes-Frau

Leselevel: ♦♦◊◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦♦♦
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: alle
64 Seiten, gebundene Ausgabe mit Silberprägung und Papierbrücken um €45*

Themen: Märchen, Nimmtes-Nimmtes-Frau (kleptomanische, nicht bösartige Märchenfigur), Bären, Suppe, Löffel, Bett, Schlüssel, Honig

Die Nimmtes-Nimmtes-Frau der vielfach preisgekrönten tschechischen Künstlerin Kveta Pacovska ist eine märchenhafte Erzählung. Das titelgebende Fabelwesen hüpft ins Haus der drei Bären, die im Wald Honig sammeln. Sie setzt sich an deren Tisch, löffelt deren Suppe aus und legt sich dann ins Bett des kleinsten Bären. Bei ihrer Rückkehr geht es den drei Bären wie den sieben Zwergen aus „Schneewittchen“, doch schwups springt die Nimmtes-Nimmtes-Frau aus dem Bett und verschwindet. Und die Bären wollen von nun an alle Fenster schließen, wenn sie in den Wald zum Honigsammeln gehen.

Natürlich geht es in Bilderbüchern von KünstlerInnen für viele Menschen vor allem um die Bilder, in Pacovskas Fall wunderschöne, fantasievolle Bilder mit kräftigen Farben und geometrischen Formen, ein Spielplatz für das Auge. Aber für mich machen genau Pacovskas gute Geschichten den Unterschied aus: Auch wenn ihre Bilder Kunstwerke sind, bekommen die LeserInnen auch eine spannende Geschichte geboten und haben nicht das Gefühl, sich zwanghaft kunstpädagogisch fortzubilden. Jedes Pacovska Bilderbuch ist auch vergnüglich und spannend. Das Publikum darf sich einfach unterhalten lassen (hurra!). Und wenn jemand das Bedürfnis hat, eine Analyse dieser wunderschönen Kunst zu machen, ist er oder sie auch gut beschäftigt.

„Ein Bilderbuch ist die erste Galerie, die ein Kind besucht“: Dieses Zitat wurde zusammen mit anderen schlauen Pacovska-Sprüchen der Nimmtes-Nimmtes-Frau vorangestellt. Im Falle meiner eigenen Kinder trifft das voll zu. Sie haben wirklich Pacovskas herausragendes Bilderbuch Blau, rot, alle gelesen, bevor wir eine Marisa Merz-Ausstellung besucht haben. Und auch alle anderen Bilderbücher, die wir zuvor noch gelesen hatten, haben ihren und meinen „Kunstsinn“ (beziehungsweise unsere Fähigkeit, Schönes zu erkennen) beeinflusst. Und, liebe Eltern, auch alle Basteleien, die wir klebstoffverschmiert und schnipselüberströmt mit unseren Knirpsen fertigen, sind feinster Kunstunterricht – mögen die entstandenen Klopapierfiguren auch noch so hässlich sein. Also einfach werken und lesen, dann erleben wir und unsere Kinder gemeinsam eine schöne Zeit!

Hier gelangt Ihr zu dem Interview, das ich 2019 auf der Kinderbuchmesse in Bologna mit Kveta Pacovska führen durfte. Ich danke dem Verlag Michael Neugebauer Edition für seine Gastfreundschaft auf der Messe, besonders Gudrun Albertsmeier, die mir dieses Interview (und noch weitere) ermöglicht hat. Minedition hat Kveta Pacovskas Die Nimmtes-Nimmtes-Frau übrigens 2018 „als Ausdruck der hohen Wertschätzung für ihr künstlerisches Schaffen […] zu ihrem 90. Geburtstag“ herausgegeben (Zitat aus Werner Thuswaldners Klappentext).

*Ein Wort zum Preis: Mit €45 ist Die Nimmtes-Nimmtes-Frau mit Abstand das teuerste Buch, das ich bislang auf meinem Blog empfohlen habe. Und ich bedanke mich an dieser Stelle sehr herzlich für das wertvolle Rezensionsexemplar des Verlages Minedition! Ich wünsche mir, dass sich nicht nur reiche Familien dieses Buch zulegen, sondern auch viele öffentliche Büchereien. Dieses Buch ist von bester Machart und wird auch den intensiven Gebrauch einer Gemeinde- und Stadtbibliothek sehr lange mitmachen.

Kveta Pacovska. Die Nimmtes-Nimmtes-Frau. Bartgeheide: Verlag Michael Neugebauer Minedition, 2018.

Interview mit Kveta Pacovska, BCBF 2019

Kveta Pacovska, die kleine, zarte, über 90-jährige Dame, sitz am Tisch des knallroten Minedition Standes auf der Kinderbuchmesse in Bologna und guckt mich wach an (es ist der 3. April 2019). Sie sieht nach Künstlerin aus, schwarze Kleidung aus verschiedenen Materialien, Metallic-Nagellack, eine wunderschöne Frau. Dass sie etwas auf dem Kasten hat ist schon klar, bevor sie den Mund öffnet. Wir sprechen Englisch, doch dann fragt mich die Tschechin auf Deutsch, ob wir das Interview in deutscher Sprache machen wollen. Überrascht strahle ich sie an. Hinter mir reihen sich sofort weitere Pacovska-Fans ein, die nach meinem Interview um ein Autogramm bitten wollen. Eine asiatische Dame vor mir hatte Kveta um ein Selfie gebeten und ihr, noch bevor sie nein sagen konnte, ein Küsschen auf die Wange gedrückt. Andere Bewunderer filmen sie beim Signieren wie einen Panther hinter Gitterstäben. Meine Ausgabe von Pacovskas jüngstem Bilderbuch, Die Nimmtes-Nimmtes-Frau, das der Verlag Michael Neugebauer Edition 2018 zu Ehren ihres 90. Geburtstags herausgegeben hat, wird auch signiert. „Für Stella und Helena“ malt Pacovska in kraftvollen Strichen mit silbernem Metallicstift auf das schwarze Papier. Die Vornamen meiner Kinder werden wohl nie mehr schöner geschrieben werden, außer von ihnen selbst.


INTERVIEW