Markus Dietrich: INVISIBLE SUE Plötzlich unsichtbar

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Wissenssteigerung: ♦◊◊◊◊
Humor: ♦♦♦◊◊
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Gefühl: ♦♦♦◊◊
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 10 Jahren

160 Seiten, gebundene Ausgabe um € 12,90

Themen: Einzelgängerin, Freundschaft, Familie, Superheldin, Erfindungen, Superkraft, Nerd, IT-Genie, BMX-Champ, Hochbegabung, Außenseiter

Im Herbst 2019 kam der Kinofilm „Invisible Sue: Plötzlich unsichtbar“ heraus – den haben wir irgendwie nicht mitbekommen. Aber das Buch zum Film von Markus Dietrich finden meine Kinder und ich klasse!

Sue ist zwölf und wird von allen, außer ihrem Vater, ignoriert. Bei einem Unfall im Labor ihrer Mutter kommt sie eines Tages mit einer neu entwickelten Substanz in Berührung: Ab diesem Zeitpunkt kann sie sich unsichtbar machen – und wird gejagt.

Zwei Mitschüler, der BMX-Champ Tobi und die geniale Tüftlerin Kaya, helfen ihr in höchster Not und retten zusammen mit Sue deren entführte Mutter. Auf weitere Abenteuer der Drei darf man gespannt sein!

Markus Dietrichs Erzählweise ist zwar nicht so kunstvoll wie z. B. Katja Brandis‘ oder Eliot Schrefers, aber die Geschichte läuft so spannend ab wie ein Kinofilm* und unterhält mit viel Witz und Nervenkitzel bestens.

*Der Kinofilm hat übrigens den Preis der Kinderjury (Oulu Filmfestival 2018) und den Publikumspreis (FIFEM Montreal 2019) gewonnen.

Ich danke dem 360 Grad Verlag und Bücherwege für das Rezensionsexemplar!

Markus Dietrich. Invisible Sue: Plötzlich unsichtbar. Schriesheim: 360 Grad Verlag, 2019.

Steven Herrick: Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen

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Wissenssteigerung: ♦♦♦◊◊
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Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 13 Jahren

240 Seiten, gebundene Ausgabe um € 15

Themen: Familie, Freundschaft, erste Liebe, Stadtleben

Steven Herricks Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen, großartig übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn, hat 2019 den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis gewonnen. Es drängt sich die Frage auf, warum. Ist es besonders katholisch*? Nein. Ist es besonders gut? Oh, ja!!

Dieses unglaublich faszinierende Jugendbuch kombiniert die Gattungen Roman und Gedicht auf einzigartige Weise (und hier kommt der deutsche Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn wieder ins Spiel, denn ohne ihn hätte dieses Buch bestimmt keinen Buchpreis gewonnen!). Die Erzählung besteht aus gedichtartigen Szenen, die den LerserInnen bewegende Einblicke ins Leben des Jugendlichen Harry Hodby gewähren. Er lebt zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder Keith in einer australischen Stadt, ist in Linda verliebt und schlägt sich in der ärmlichen Nachbarschaft und der Schule durch.

Das Buch beginnt mit dem Gedicht „Die Farbe meiner Stadt“, das meiner Meinung nach dem Prolog in Shakespeares _Romeo und Julia_ hinsichtlich Vorausschau und Schönheit absolut ebenbürtig ist. (Wenn ihr mir nicht glaubt, lest bitte beides nach und nickt dann zustimmend!) Ich darf mal die letzten Zeilen dieses Gedichts zitieren, damit Ihr Euch selbst eine Vorstellung von diesem feinen Werk machen könnt:

Aus „Die Farbe meiner Stadt“:

„Braun

war den ganzen Sommer über das Gras,

eine tote Schlange,

platt gefahrene Riesenkröten

und unser mit Öl beschmiertes Haus;

nichts, was lebt,

nichts, was leuchtet.

Weiß

war Mums Nachthemd,

die Kreide, die Miss Carter benutzte,

um meinen Namen zu schreiben,

Krankenhauslaken

und die Farbe von Lindas Kreuz.“

(Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen, Seite 6-7)

Nun entfaltet sich vor unseren Augen Szene für Szene und Gedicht für Gedicht das Leben dieses scharfen Beobachters, der das Schöne auch im Hässlichen entdeckt und mit seiner anständigen Art gegen die Windmühlen seines Milieus kämpft, etwa wenn er die Lehrerin unschuldig fragt: „Warum haben Sie eigentlich / niemals geheiratet, / Miss Carter?“ (42), als sie seine Freundin Linda schikaniert und bezichtigt, sie träume davon, mit einem Jungen durchzubrennen.

Was Harry alles erlebt, ist schwer übersichtlich wiederzugeben: Menschen sterben, verletzten sich, ein Mädchen wird geschwängert, ein Haus geht in Flammen auf. Es ist das packende Leben eines normalen Jungen, den die Achterbahn des Lebens herumreißt, bis:

„Ich schließe das Tor,

gehe die Treppe hinauf,

setze mich

auf die oberste Stufe

und warte auf Dad

und auf Keith,

dass sie

nach Hause kommen

in der perfekten Stille

des Nachmittags.“ (238-239)

Großes Kino für feinfühlige Jugendliche und Erwachsene!

Das Buch wurde übrigens auch mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 ausgezeichnet und es wurde Jugendbuch des Monats Juni 2018 der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e.V..

*Gott wird im Buch zweimal erwähnt: Einmal nach einem schrecklichen Unfall des Vaters, einmal im Gedicht „Es war nicht Gott“, in dem sich Harry fragt, wo Gott war, als all die schrecklichen Dinge in seinem Leben passierten.

Heute habe ich zwar nicht für ein Rezensionsexemplar zu danken (selbstgekauft, grins), aber trotzdem danke ich dem Thienemann-Esslinger-Verlag, der so großartige Bücher ins Deutsche übersetzen lässt und herausbringt, damit auch die deutschsprachige LeserInnenschaft so etwas Schönes lesen kann!

Steven Herrick. Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen. Stuttgart: Thienemann Esslinger Verlag, 2018. Genial aus dem australischen Englisch übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn. Originaltitel: By the River.

Frida Nilsson: Siri und die Eismeerpiraten

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Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: 10 – 14 Jahre

368 Seiten, TB um € 9,95

Themen: Abenteuer, Mut, Piraten, Familie, Freundschaft, Bergwerk, Eismeer

Siri und ihre Schwester Miki leben als Halbwaisen zusammen mit ihrem gebrechlichen Vater auf einer Insel im Eismeer. Eines Tages wird Miki von Piratenkapitän Weißhaupt entführt, der Kinder für die Arbeit in seinen Bergwerken raubt. Kein Kind hat die Schufterei unter Tage bislang überlebt.

Was kein Erwachsener wagt, ist für Siri das einzig Mögliche: Sie bricht auf, um ihre Schwester zu retten. Auf ihrer Reise trifft sie auf Eiswölfe und Meerjungfrauen, auf „Seebären“, Fischer und Piraten. Mit einem guten Freund an ihrer Seite schafft sie es schließlich auf Weißhaupts Pirateninsel, doch wie soll sie nun Miki aus der Piratenfestung befreien?

Spannung bis zur letzten Seite verspricht dieser großartige Kinderroman von Frida Nilsson, die im Wald lebt und mit ihrem Hund spricht. Die 1979 geborene schwedische Schriftstellerin schreibt seit 2004 äußerst erfolgreich für Kinder. Nilsson kommt ursprünglich aus dem Theaterbereich und arbeitet auch als Moderatorin in Funk und Fernsehen. Sie war für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und gewann den Astrid-Lindgren-Preis 2014.

Siri und die Eismeerpiraten wurde mit dem Luchs von DIE ZEIT und Radio Bremen sowie der Nils-Holgersson-Plakette ausgezeichnet. Ein fantastisches, packendes Abenteuer in Buchform, sehr zu empfehlen!

Ich danke dem dtv-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Frida Nilsson. Siri und die Eismeerpiraten. München: dtv, 2019. Mit Illustrationen von Torben Kuhlmann. Übersetzt von Friederike Buchinger. Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel Ishavspirater.

Jan Bajtlik. Ariadnes Faden: Götter, Sagen, Labyrinthe

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Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: ab 8 Jahren
80 Seiten, gebundene Ausgabe um € 24

Themen: Griechische Sagen und Götter, die griechische Antike, das Labyrinth der griechischen Mythologie, die Häuser der alten Griechen, die Akropolis, die Olympischen Spiele, der Trojanische Krieg, Bestien, griechische Abenteurer und HeldInnen, das griechische Theater

Dieses Buch ist für mich eins der Top-Bücher des Jahres. Die besten Kapitel der griechischen Mythologie werden in Jan Bajtliks Ariadnes Faden: Götter, Sagen, Labyrinthe auf Doppelseiten bildlich (comicartig) dargestellt. Die unterhaltsamen Bilder beschreiben die griechische Götterwelt, die wichtigsten HeldInnen, die grusligsten Bestien, die schlausten AbenteurerInnen, die olympischen Spiele , das griechische Theater, die Akropolis und griechische Häuser, den Trojanischen Krieg und vieles mehr.

Beim Betrachten der Illustrationen und Lesen der Beschriftungen erlebt man die spannenden Geschichten hautnah und entdeckt viele coole Details. Am Ende des großformatigen Buches gibt es kurze Erläuterungen zu jedem der Bilder.

Seit Jahrhunderten fesseln uns die tollen Geschichten der griechischen Mythologie und dieses wunderbare Buch macht sie jungen LeserInnen zugänglich. Und alte LeserInnen, die diese Sagen schon kennen, entdecken sie durch die genialen Illustrationen neu. Beste Unterhaltung also für Klein und Groß! Wer eine Entdeckungstour durch das geniale Buch machen möchte, findet hier in der Leseprobe tolles Bildmaterial zum Durchklicken.

Der 1989 in Warschau geborene Grafikdesigner Jan Bajtlik veröffentlicht Bücher für Kinder und illustriert u.a. für das Time Magazine und die New York Times. „Ariadnes Faden. Götter, Sagen, Labyrinthe“ ist sein erstes Buch auf Deutsch, übersetzt von Thomas Weiler.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Moritz Verlag für mein Rezensionsexemplar und das Verlosungsexemplar für den Kinderbuchblogger-Adventskalender 2019, auf die Beine gestellt von Kinderbuchdetektive, mit wunderschönem Logo von Anne-Kathrin Biel. Ein herzliches Dankeschön auch an Euch zwei!

Kinderbuchblogger-Adventskalender 2019 Fearless Five Brigitte Wallingers Kinderbuchblog Jugendbuchblog Buchtipps für Kinder und Jugendliche Buchempfehlungen für Teens und Kids Buchperlen junge Literatur

PS: Am 23.12. darf ich hier auf www.wallinger.at mein zweites Lieblingsbuch des Jahres verlosen. Stay tuned!

Jan Bajtlik. Ariadnes Faden: Götter, Sagen, Labyrinthe. Frankfurt am Main: Moritz Verlag, 2019. Übersetzt von Thomas Weiler.

John Corey Whaley: Hochgradig unlogisches Verhalten

Leselevel: ♦♦♦♦♦
Wissenssteigerung: ♦♦♦◊◊
Humor: ♦♦♦♦♦
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: ab 13 Jahren

272 Seiten, TB um € 9,95

Themen: Freundschaft, Panikattacken, psychische Probleme, Agoraphobie, Angststörung, Liebe, Familie

Der 16-jährige Solomon Reed hat sein Zuhause seit über 3 Jahren nicht verlassen, denn er leidet an Panikattacken und Agoraphobie. Als seine ehemalige Mitschülerin Lisa ein Studienobjekt für einen Psychologieaufsatz braucht, drängt sie sich zusammen mit ihrem Freund Clark in Solomons ruhiges, schön kontrolliertes Leben. Sie werden zu einem eingeschworenen Trio, bis eine eifersüchtige Freundin Gerüchte sät: Hat sich Solomon in Clark verliebt?

John Corey Whaley (*1984) wuchs in Louisiana (USA) auf, besuchte dort das College und arbeitete fünf Jahre lang als Englischlehrer, bevor er Vollzeitautor wurde. 2014 erschien sein Debüt Hier könnte das Ende der Welt sein, das u. a. mit dem Michael L. Printz Award ausgezeichnet wurde. 2015 folgte Das zweite Leben des Trevis Coates, das sich unter den Finalisten für den National Book Award befand. Auch diese beiden Bücher wurden übrigens von Andreas Jandl übersetzt (hurra!). John Corey Whaley lebt in Südkalifornien.

Hochgradig unlogisches Verhalten ist Whaleys dritter Roman: Ein großartiges, tiefsinniges und humorvolles Buch für Jugendliche und Erwachsene, fein aus dem Englischen übersetzt von Andreas Jandl!

Ich danke dem Verlag dtv sehr herzlich für das Rezensionsexemplar!

John Corey Whaley. Hochgradig unlogisches Verhalten. München: dtv Reihe Hanser, 2019. Übersetzt von Andreas Jandl. Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel Highly Illogical Behavior.

Shaun Tan: Zikade

Leselevel: ♦♦◊◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
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Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: Erwachsene und Teenager ab 12 Jahren

32 Seiten, gebundene Ausgabe um € 17

Themen: Büroarbeit, moderne Arbeitswelt, Gefühlskälte, Mobbing, Migranten, Migration, Zugehörigkeit, Demütigung

Der berühmte australische Illustrator, Autor und Oscar-prämierte Filmemacher Shaun Tan beschäftigt sich in seinem neuen Bilderbuch Zikade erneut mit Zugehörigkeit und Migration. Seine ergreifende Graphic Novel Ein neues Land ist vielen von Euch sicher ein Begriff.

Zikade ist ein bildgewaltiges Meisterwerk rund um den eingewanderten Büroangestellten Zikade, der trotz fleißigen Bemühens und korrekter Arbeit stets gedemütigt wird. Ein letzter Mobbingakt bei Rentenantritt treibt ihn auf das Dach des Bürohochhauses; er blickt in den Abgrund. Gebannt blättert man um und rechnet mit dem Schlimmsten, doch die steingraue Hülle der Zikade spaltet sich und eine orange-rote Zikade fliegt gen Himmel: „Alle Zikaden fliegen zurück in den Wald. Denken manchmal an die Menschen. Müssen dann lachen. Tack Tack Tack!“

Eike Schönfeld hat dieses Bilderbuch grandios übersetzt. Sein großer Verdienst liegt darin, die Geschichte in einfacher und dennoch poetischer Sprache auszudrücken, und zwar nicht auf Hochdeutsch, sondern in gebrochenem „Migrantendeutsch“, das nur allzu leicht in vorurteilsgeladene, dem Lächerlichen preisgegebene Sprache hätte abdriften können.

Dass Shaun Tan ursprünglich aus der Science-Fiction-Ecke kommt, merkt man seinem dystopischen Bilderbuch durchaus an. Die Illustrationen in _Zikade_ lassen einen an Gregor Samsa (aus Franz Kafkas „Die Verwandlung“) und „Bartleby der Schreiber“ (von Herman Melville) denken. Auch Zikade ist verzweifelt, fühlte sich fremd inmitten der anderen Büromenschen, ausgeschlossen. Die erbarmungslose Gefühlskälte der Bürowelt wird durch das dominante Grau der Bilder betont. Steingraue Mauern allerorten, bis sich die feurige Zikade von ihrer grauen Hülle löst und losfliegt, zusammen mit unzähligen anderen Zikaden, in den grün-orangen, paradiesischen Wald. Shaun Tan hat sich übrigens für diese Bilder eine Skulptur mit beweglichen Gliedern gebaut, die er dann bewegte und fotografierte. Erst danach begann er mit dem Malen, wie der Guardian hier berichtet.

Dieses Bilderbuch liest sich wie ein Gedicht, und am Ende des Buches wird auch ein Gedicht von Matsuo Bashō zitiert: „Stille… / das Sirren der Zikaden sickert ein / in den Fels“. Im Buch wird der umgekehrte Prozess beschrieben: Die Zikade löst sich aus der felsgrauen Stille des Bürokomplexes und fliegt surrend zurück in den Wald. Ein faszinierendes, beeindruckendes und bewegendes Werk!

Shaun Tan wurde 1974 im australischen Fremantle geboren. Seine Familie stammt aus Malaysia. Er ist Illustrator und Schriftsteller, arbeitete unter anderem mit an den Trickfilmen Horton hört ein Hu! und WALL E – Der Letzte räumt die Erde auf (beide 2008). 2009 erhielt er für seine Graphic Novel Ein neues Land den Deutschen Jugendliteraturpreis, 2010 für seinen Kurzfilm Die Fundsache den Oscar, 2011 zeichnete man ihn mit dem Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis aus. Die Liste seiner Auszeichnungen scheint endlos.

Ich danke dem Aladin Verlag und Henrike Blum sehr herzlich für das Rezensionsexemplar!

Shaun Tan: Zikade. Stuttgart: Aladin im Thienemann-Esslinger Verlag, 2019. Übersetzt von Eike Schönfeld.

Judith Burger: GERTRUDE GRENZENLOS

Leselevel: ♦♦♦♦♦
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: ab 10 Jahren

240 Seiten, gebundene Ausgabe um € 12,95

Themen: Freundschaft, DDR / BRD, anders sein, beste Freundin, Schule, Politik, Staatsfeinde, Ausreise, Exil

Ina ist 11 Jahre alt und lebt in der DDR. Als Gertrude Leberecht an ihre Schule kommt, ändert sich Inas Leben gehörig: „Alles ist anders als vorher. So war es noch nie. Bei Gertrude habe ich immer das Gefühl, richtig zu sein“ (27). Ina und Gertrude werden beste Freundinnen, doch weil ihr Vater regimekritischer, christlicher Dichter ist und einen Ausreiseantrag stellt, wird Gertrude von der Klassenlehrerin gemobbt und eckt überall an. Die Lehrerin lässt Gertrude, die übrigens nach Gertrude Stein benannt ist, zum Beispiel vor der Klasse erklären, wie die Welt entstanden ist. „Die Welt ist mit dem Urknall entstanden,“ denkt Ina, „das weiß doch jeder!“ (42). Aber Gertrude zitiert den Anfang der Schöpfungsgeschichte und wird dafür von der Lehrerin und einigen Schülern ausgelacht. Ina wird klar: ein Plan muss her, das „Kommando Rose“ startet, damit Gertrude keine Außenseiterin mehr ist. Von nun an versuchen die beiden Freundinnen, regimetreue Aktionen zu setzen, etwa Altpapier zu sammeln und Timurhilfe zu leisten. Doch die Stasi-Spitzel und linientreuen Genossen nehmen dieses subversive Verhalten nicht hin…

Ein spannender Jugendroman, den man nicht mehr weglegen kann. Eigentlich ist es eine grandiose Freundinnengeschichte: Zwei Mädchen haben sich gern und kämpfen für ihre Freundschaft. Im Hintergrund zeigt sich jedoch ein riesiges Spinnennetz aus politischen Gedanken und zeithistorischen Ereignissen, das einen gefangen hält und nicht frei geben will. Was für ein exzellent gemachter, packender historischer Roman für alle ab 10 Jahren! Wer mit der DDR nicht gut vertraut ist, sollte vorher das Glossar lesen. Auch Judith Burgers Nachwort ist kein nutzloser Anhang, sondern gibt den jungen LeserInnen weitere Denkimpulse.

Es ist schwer vorstellbar, dass Gertrude Grenzenlos das Debut der 1972 geborenen Wahlleipzigerin Judith Burger ist. Hauptberuflich arbeitet sie für den MDR und schreibt Radio-Features, zuvor arbeitete sie lange Zeit als Werbetexterin. Diesen Sommer wurde ihr nächstes Buch, Roberta verliebt publiziert. Ich freue mich schon darauf, es zu lesen!

Ich danke dem Gerstenberg Verlag für das Rezensionsexemplar.

Judith Burger. Gertrude grenzenlos. Hildesheim: Gerstenberg Verlag, 2018. Mit Bildern von Ulrike Möltgen.

Michael Ende: Die Unendliche Geschichte

Leselevel: ♦♦♦♦♦
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: ab 12 Jahren

416 Seiten, € 35 (Schmuckausgabe von Sebastian Meschenmoser illustriert)
480 Seiten, € 20 (normale gebundene Ausgabe mit Cover von Eva Schöffmann-Davidov)

Themen: Fantasie, Freundschaft, Abenteuer, Mut, der eigene Wille, Buchwelt, Rettung, Mobbing, dick sein, Fantasy-Epos, High Fantasy

Die Unendliche Geschichte von Michael Ende ist ein Kultbuch aus dem Jahr 1979. Titelheld Bastian Balthasar Bux befindet sich in der Krise: die Mutter des dicken Jungen ist verstorben, sein Vater depressiv, die Schulkollegen mobben ihn. Als er auf das Buch Die Unendliche Geschichte stößt, packt er es bzw. es ihn, und er versinkt im vom Untergang bedrohten Reich Phantásien. Es gelingt Bastian, die Welt der Kindlichen Kaiserin zu retten. Doch langsam schwindet die Erinnerung an sein echtes Leben, und nur mithilfe seiner Freunde Atréju und Fuchur kann er seinen wahren Willen erkennen und zu seinem Vater zurückzukehren.  

Der Autor hat in diesem Roman seiner Fantasie freien Lauf gelassen, und beim Lesen kann man über seine Einfälle, z.B. das Änderhaus, nur staunen: „Manchmal macht das Änderhaus auch einfach bloß Spaß mit einem, dann sind auf einmal alle Zimmer umgekehrt, der Boden oben und die Decke unten oder dergleichen. Aber das ist reiner Übermut und es wird auch gleich wieder vernünftig, wenn ich ihm ins Gewissen rede“ (432).

Michael Ende ermutigt die LeserInnen, sich ihrer Fantasie hinzugeben und dann bestärkt in die wirkliche Welt zurückzukehren: „Es gibt Menschen, die können nie nach Phantásien kommen, und es gibt Menschen, die können es, aber sie bleiben für immer dort. Und dann gibt es noch einige, die gehen nach Phantásien und kehren wieder zurück. So wie du, Bastian. Und sie machen beide Welten gesund.“

Der Autor des vor 40 Jahren erschienenen, in 41 Sprachen übersetzten Bestsellers wäre heuer 90 Jahre alt geworden: Er wurde am 12.11.1929 als Sohn des surrealistischen Malers Edgar Ende geboren. Michael Ende (1929-1995) war einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller. Neben Kinder- und Jugendbüchern verfasste er auch poetische Bilderbuchtexte, Bücher für Erwachsene und Theaterstücke sowie Gedichte.

Zum doppelten Jubiläum hat der Thienemann-Esslinger Verlag eine atemberaubend schöne, von Sebastian Meschenmoser illustrierte, großformatige Schmuckausgabe herausgebracht. Die Ölbilder und Zeichnungen sind der faszinierenden Geschichte absolut ebenbürtig und werden Kinder wie Erwachsene zum Lesen des umfangreichen Buches anspornen. Auch die „normale“ Ausgabe ist wunderschön gestaltet (großartiger Buchumschlag mit Goldprägung von Eva Schöffmann-Davidov) und zum Lesen im Bett aufgrund des kleineren Formats besser geeignet. In beiden Ausgaben ist der Text, wie in der Erstausgabe, rot und grün gesetzt. Das hilft dabei, die reale und die fantastische Welt auseinanderzuhalten.

Der Roman sei „ein Kinderbuch, auch für Erwachsene. Ein Erwachsenen-Buch, auch für Kinder“, schreibt die Berliner Morgenpost (zitiert auf dem Buchumschlag): Genau so ist es! Und was alle begeistert und sich über 9 Millionen Mal verkauft, das wird natürlich auch verfilmt, und zwar von Wolfgang Petersen im Jahr 1984 (Michael Ende war gar nicht begeistert davon). Das Buch Die Unendliche Geschichte erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise, darunter den „Europäischen Jugendbuchpreis“ und den „Buxtehuder Bullen“. Ich empfehle es allen ab 12 Jahren!

Dankeschön an den Thienemann-Esslinger Verlag und Henrike Blum für das Rezensionsexemplar!

Michael Ende. Die Unendliche Geschichte. Stuttgart: Thienemann-Esslinger Verlag, 2019.

Pierdomenico Baccalario und Federico Taddia: 50 kleine Revolutionen

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: Jungs und Mädchen von 10 – 15 Jahren
192 Seiten, TB um € 12,95

Themen: Umweltschutz, Klimawandel, Wiederverwertung, Recycling, Tipps, Ratschläge, Weltverbessern, Ideen, Zwischenmenschliches

Pierdomenico Baccalario und Federico Taddia zeigen allen ab 10 Jahren im Buch 50 kleine Revolutionen, mit denen du die Welt (ein bisschen) schöner machst, wie man unseren Planeten retten kann und die Welt zu einem besseren Ort wird #fridaysforfuture.

50 „Revolutionen“?? Hört sich zunächst mal etwas hochgegriffen an… Die super Tipps umfassen zwar Fleisch-, Strom- und Plastikfasten, IT-Unterstützung für ältere Leute und Gendergrenzenabmontieren, aber unter einer Revolution stellt man sich doch etwas Großes, Weltbewegendes vor. Tja, es ist doch so: mit einem kleinen Steinwurf beginnt‘s, und dann rollt ’ne Lawine los. Jawohl!

Ich finde besonders schön, dass die Tipps nicht nur auf Umweltschutz abzielen („Tausche Bücher und Comics“, „Verbringe einen Tag ohne elektrisches Licht“,…), sondern auch zwischenmenschliche Verbesserungsvorschläge beinhalten („Befreunde dich mit gleich vielen Jungen wie Mädchen“, „Mache ein paar Selfies mit alten Leuten“,…) und Tipps für die eigene Persönlichkeit („Überwinde einer deiner Ängste“, „Führe einen Tag des Lächelns ein“,…). Die 50 Impulse verbessern also nach und nach das eigene Leben, das soziale Leben und das Leben mit der Natur. So gesehen wird es dann wirklich was mit der Revolution!

Das Buch wurde übrigens von Sophia Marzolff aus dem Italienischen übersetzt und ist gerade im dtv junior Verlag erschienen. Ramona Wultschner hat das süße Rettet-den-Planeten-Cover gemacht , AntonGionata Ferrari die coolen Illustrationen im Buchinneren. Eventuell könnte das kindliche Cover die Teens abschrecken, aber zwischen den Buchdeckeln steckt dafür eine waschechte Revolution!!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim dtv junior Verlag für das Rezensionsexemplar!

Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt

Leselevel: ♦♦♦♦♦
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦◊
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 14 Jahren
480 Seiten, Taschenbuch um € 9,99


Themen: Erwachsenwerden, zu sich selbst finden, Familie, Freundschaft, Bücher, Kindheit, Abenteuer, Liebe, verliebt sein, Homosexualität, Vielfalt, Offenheit

Dieses geniale Buch empfehle ich Jugendlichen genauso wie Erwachsenen: Die Geschichte rund um den 17-jährigen Phil und seine unkonventionelle Familien- und Freundesschar ist sehr bewegend und spannend, und der einzigartige Sprachstil des Autors Andreas Steinhöfel ist bezaubernd, tiefgründig und humorvoll. 1998 erstveröffentlicht, ist Die Mitte der Welt bereits zum Klassiker avanciert, wurde 2016 erfolgreich verfilmt (Regie: Jakob M. Erwa) und ist auch auf Theaterbühnen zu sehen, zum Beispiel ab 2. April 2020 im Salzburger Landestheater (in einer Inszenierung von Marco Dott).

Phil und seine Zwillingsschwester Dianne leben mit ihrer alleinerziehenden, exzentrischen Mutter Glass in der schlossartigen Villa „Visible“, etwas abseits einer Kleinstadt. Dort blicken die „Kleinen Leute“ auf den Männerverschleiß von Glass herab, nennen sie eine „Hure“, und auch ihre Kinder werden ausgegrenzt und ecken an. Als sich die Liebe in Phil und Diannes Leben schleicht, nimmt das Unheil seinen Lauf, bis… ja, bis Phil sich, gestärkt von seiner liebevollen Familie, ins Leben schmeißt und alles erst so richtig beginnt.

Was für ein wundervoller Coming-of-Age-Roman, ein herausragendes Jugendbuch voller Lebensweisheit und Sprachschönheit – und Intertextualität: Wie der Autor im Nachwort erklärt (auf den Seiten 469-470 und 476), schöpfte er für Die Mitte der Welt aus dem Fundus der griechischen Mythologie. Z.B. sind das Zwillingspaar Phil und Dianne an Apollon und Artemis angelehnt, die Figur der Glass an deren flüchtende Mutter Latona, die die Zwillinge auf der Insel Delos gebar (das griechische Wort delos heißt „sichtbar“, engl. visible). Extrem genial, oder?

Ich bin ohnehin ein großer Fan von Andreas Steinhöfel. Warum? 1.) Scheint er ein netter Mensch zu sein (habe ihn mal am Flughafen getroffen). 2.) Ist er auch Übersetzer (habe ihn mal bei einer ÜbersetzerInnen-Konferenz getroffen). 3.) Sind seine Bücher göttlich (hier meine Empfehlung von Rico, Oskar und die Tieferschatten). 4.) Er ist der erste Kinder-und Jugendbuchautor, der Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung wurde. Also steckt unbedingt Eure Nasen in Bücher, auf denen Andreas Steinhöfel steht – sie werden Euch gefallen!

Andreas Steinhöfel. Die Mitte der Welt. Hamburg: Carlsen, 2004.