Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt

Leselevel: ♦♦♦♦♦
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦◊
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 14 Jahren
480 Seiten, Taschenbuch um € 9,99


Themen: Erwachsenwerden, zu sich selbst finden, Familie, Freundschaft, Bücher, Kindheit, Abenteuer, Liebe, verliebt sein, Homosexualität, Vielfalt, Offenheit

Dieses geniale Buch empfehle ich Jugendlichen genauso wie Erwachsenen: Die Geschichte rund um den 17-jährigen Phil und seine unkonventionelle Familien- und Freundesschar ist sehr bewegend und spannend, und der einzigartige Sprachstil des Autors Andreas Steinhöfel ist bezaubernd, tiefgründig und humorvoll. 1998 erstveröffentlicht, ist Die Mitte der Welt bereits zum Klassiker avanciert, wurde 2016 erfolgreich verfilmt (Regie: Jakob M. Erwa) und ist auch auf Theaterbühnen zu sehen, zum Beispiel ab 2. April 2020 im Salzburger Landestheater (in einer Inszenierung von Marco Dott).

Phil und seine Zwillingsschwester Dianne leben mit ihrer alleinerziehenden, exzentrischen Mutter Glass in der schlossartigen Villa „Visible“, etwas abseits einer Kleinstadt. Dort blicken die „Kleinen Leute“ auf den Männerverschleiß von Glass herab, nennen sie eine „Hure“, und auch ihre Kinder werden ausgegrenzt und ecken an. Als sich die Liebe in Phil und Diannes Leben schleicht, nimmt das Unheil seinen Lauf, bis… ja, bis Phil sich, gestärkt von seiner liebevollen Familie, ins Leben schmeißt und alles erst so richtig beginnt.

Was für ein wundervoller Coming-of-Age-Roman, ein herausragendes Jugendbuch voller Lebensweisheit und Sprachschönheit – und Intertextualität: Wie der Autor im Nachwort erklärt (auf den Seiten 469-470 und 476), schöpfte er für Die Mitte der Welt aus dem Fundus der griechischen Mythologie. Z.B. sind das Zwillingspaar Phil und Dianne an Apollon und Artemis angelehnt, die Figur der Glass an deren flüchtende Mutter Latona, die die Zwillinge auf der Insel Delos gebar (das griechische Wort delos heißt „sichtbar“, engl. visible). Extrem genial, oder?

Ich bin ohnehin ein großer Fan von Andreas Steinhöfel. Warum? 1.) Scheint er ein netter Mensch zu sein (habe ihn mal am Flughafen getroffen). 2.) Ist er auch Übersetzer (habe ihn mal bei einer ÜbersetzerInnen-Konferenz getroffen). 3.) Sind seine Bücher göttlich (hier meine Empfehlung von Rico, Oskar und die Tieferschatten). 4.) Er ist der erste Kinder-und Jugendbuchautor, der Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung wurde. Also steckt unbedingt Eure Nasen in Bücher, auf denen Andreas Steinhöfel steht – sie werden Euch gefallen!

Andreas Steinhöfel. Die Mitte der Welt. Hamburg: Carlsen, 2004.

Lois Lowry: Die schreckliche Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby (Und wie am Ende alle glücklich wurden)

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦◊◊
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦◊
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 11 Jahren

176 Seiten; wunderschönes, gebundenes Buch um € 12,95


Themen: Familie, Geschwister, Eltern-Kind-Beziehung, Kindermädchen, Waisen, reicher Wohltäter, Patchwork-Familie, skurille Geschichte, schwarzer Humor, Intertextualität

Gleich vorweg: Für Liebhaber der heilen Welt ist dieses Buch nichts, denn die Willoughby-Eltern mögen ihre vier Kinder Timothy, Barnaby A, Barnaby B und Jane nicht, und auch die Kinder können ihre Eltern nicht ausstehen. Die skurrile Geschichte ist trotzdem hinreißend – und irrsinnig witzig!

Worum geht’s in diesem schrägen Kinderroman im Stil von Roald Dahl? Die Eltern der Willoughby-Kinder gehen auf eine gefährliche Abenteuerreise und lassen ihre Kinder in der Obhut eines Kindermädchens zurück. Die singt und tanzt zwar nicht wie Mary Poppins, ist aber ein ebenso großer Segen und führt die Kids schlussendlich zum Happy End. Leider, leider versterben die Eltern auf einer halsbrecherischen Bergtour in den Alpen.

In der Nachbarschaft wohnt zufälligerweise ein reicher Schokoladenfabrikant, Kommandant Melanoff, der die Rasselbande aufnimmt und ihr ein liebevolles Zuhause bietet. Vor Kurzem steckte er noch in einer großen Krise, denn seine pedantische Frau und ihr gemeinsamer Sohn wurden in der Schweiz von einer Lawine verschüttet. Das stürzte den Fabrikanten in eine Depression, die damit endete, dass die Willoughbys ein vor ihrer Haustür ausgesetztes Baby vor seine Haustür legten. Von da an kümmerte sich der Kommandant rührig um das Findelkind Barbara und fand wieder neuen Lebensmut. Zu guter Letzt werden alle möglichen Handlungsstränge zu einem glücklichen Ende zusammengeführt: Lowry ist eine wahre Meisterin des Erzählens.

Der grandiose Humor und die vielen kreativen Ideen in diesem Buch sind herrlich. Als das Haus der Willoughby beispielsweise verkauft werden soll und die Immobilienmaklerin die potenziellen Kunden durchs Haus führt, tarnen sich die Kinder als Lampe, Kaktus, Kleiderständer und Teppich, und das Kindermädchen zieht sich nackig aus, bestäubt sich mit Puder, nimmt ein Bettlaken und gibt vor, eine Marmorstatue zu sein. Und wenn sie den Interessenten dann zuzwinkert, laufen die kreischend aus dem Haus. Wieso verkauft sich das Haus bloß nicht?!

Lowrys Einbinden von Klassikern der Kinderliteratur ist ebenso bemerkenswert. In allen möglichen Lagen sagen die Kinder: „wie Mary Lennox in Der geheime Garten“ (26), „wie Huckleberry Finn“ (124), oder „wie Betty in Betty und ihre Schwestern“ (123). Das Buch ist eine unterhaltsame Persiflage der klassischen Waisenromane des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sämtliche erwähnten Bücher werden in einer Liste zu Buchende witzig vorgestellt. Wenn man diese Bücher kennt, sind Lowrys Anspielungen natürlich noch viel lustiger.

Insgesamt ein unkonventionelles und feines Kinderbuch, ich würde sagen für alle ab ca. 11 Jahren, denn dann kann man den Humor und die Erzähltradition schon zuordnen. Auch für Erwachsene sehr zu empfehlen!

Lois Lowry, 1937 in Honolulu, Hawaii, als „Military Brat“ eines Army-Zahnarztes geboren, ist eine vielfach preisgekrönte, amerikanische Kinder- und Jugendbuchautorin. Hier findet Ihr den Link zu ihrer Homepage, auf der sie ihren, wie ich finde, sehr interessanten Lebensweg beschreibt und mit herrlich persönlichen Fotos bebildert: Heirat mit 19, 4 Kinder in 5 Jahren, Studium, Schriftstellerinnenlaufbahn, Scheidung mit 40, neuer Lebenspartner, Sohn im Krieg verloren, Friedenseinsatz. Ihrer eigenen Aussage nach ist der roten Faden in all ihren Büchern „the importance of human connection“ (die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen“). Das lässt sich auch in ihrem lustig-skurrilen Kinderroman Die schreckliche Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby erkennen.

Lois Lowry. Die schreckliche Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby (Und wie am Ende alle glücklich wurden). München: dtv junior, 2019. Übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn.

William Shakespeare und Lisbeth Zwerger: Romeo & Julia

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦◊◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: meiner Einschätzung nach ab 8 Jahren, auch für erwachsene Verliebte und Shakespeare-Fans sehr zu empfehlen. Das vom Hersteller empfohlene Alter liegt bei 12 – 15 Jahren. Ich traue jüngeren LeserInnen die gehobene Sprache allerdings schon zu, insbesondere da durchwegs geläufige Wörter verwendet werden
48 Seiten, gebundene Ausgabe um € 19,95

Themen: Liebe, Feindschaft, Verona, Shakespeare-Drama für Kinder, Liebespaar

Romeo und Julia las ich zum ersten Mal als 17-Jährige (Shakespeares beliebtestes Drama war natürlich Schullektüre). Gott sei Dank hatte unsere Englischlehrerin Gnade mit uns und schaffte für uns Teenies eine zweisprachige Schulausgabe der Cambridge University Press mit Verständnishilfen an. Ich stand schon nach den ersten Seiten in Flammen und fand das Drama genial. Umso mehr freut es mich, dass Lisbeth Zwerger sich Shakespeares Romeo und Julia „vorgeknöpft“ hat und die herausfordernde Geschichte für Kinder nacherzählt und illustriert hat. Herausgekommen ist ein rundum gelungenes Meisterwerk, das ich Euch sehr ans Herz legen möchte.

Die Geschichte vom berühmtesten Liebespaar der Weltliteratur ist vielen Erwachsenen geläufig, wenn nicht von Shakespeares Theaterstück, dann zumindest von Leonard Bernsteins West Side Story oder Baz Luhrmanns cooler Verfilmung aus dem Jahr 1996. Lisbeth Zwerger macht diese Liebesgeschichte Kindern zugänglich, in einfachen Sätzen und doch in stimmig-gehobener Sprache. Ihre wunderschönen, feinen Illustrationen veranschaulichen zum einen die Handlung und Gefühlswelt der Figuren, zum anderen sind sie zauberhafte Kunstwerke, die diese Ausgabe von Romeo und Julia anderen überlegen machen. Als Sahnehäubchen hat Zwerger noch Shakespeares Originalstimme eingebaut und die berühmtesten Zitate bzw. wichtigsten Zeilen des Theaterstücks in den Text eingefügt. Was will man mehr?

Tja… also eigentlich will man noch, dass die Geschichte gut ausgeht und Romeo und Julia bis an ihr Lebensende glücklich zusammenleben. Ob Lisbeth Zwerger das möglich macht???

Wenn Ihr Eure Kinder an Shakespeares geniales Werk heranführen wollt bzw. den Kids die Romeo und Julia-Story vorstellen wollt, kann ich Euch dieses Buch nur empfehlen. Hier könnt Ihr mein Interview mit der großartigen Lisbeth Zwerger nachlesen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Michael Neugebauer (Minedition), von dem ich ein signiertes Rezensionsexemplar erhalten habe.

William Shakespeare. Romeo & Julia. Nacherzählt und illustriert von Lisbeth Zwerger. Bargteheide: Michael Neugebauer Edition (Minedition), 2016.

Lauren Oliver: Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

Zielgruppe: Jugendliche ab 14 Jahren
Kategorie: Jugendbuch, junge Literatur, Young Adult Roman
Themen: Teenager-Alltag, Liebe, Schule, Freundschaft, Tod, Familie, Party, Spaß

Leselevel: ♦♦♦♦♦
Wissenssteigerung:♦♦♦◊◊
Humor:♦♦♦♦◊
Spannung:♦♦♦♦♦
Gefühl:♦♦♦♦♦
Elternvergnügen:♦♦♦♦♦
447 Seiten, Taschenbuch, € 8,99

Lauren Olivers Erstlingswerk ist einfach mega und wurde nicht umsonst 2011 für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert. Teenies, die schon mit einer Gehirnhälfte (oder 2) an die Liebe und das Partymachen denken, werden begeistert sein. Aber, liebe Erwachsene, fürchtet Euch nicht! Das Buch führt vor Augen, worauf es im Leben wirklich ankommt!

Die 17-jährige Amerikanerin Samantha Kingston ist wie ihre drei Freundinnen eines der It-Girls ihrer Schule. In Kapitel 1 erlebt sie ihren letzten Lebenstag, einen Valentinstag, als hormongesteuerter Teenie mit großer Klappe. Ich war schockiert, dass so eine Tussi die Heldin dieses Romans sein soll. Allerdings erlebt Sam diesen Valentinstag insgesamt sieben Mal, und sie nützt diese Gelegenheiten, mal ernsthaft über ihr Verhalten, ihre Freundinnen, ihre Familie und ihren festen Freund nachzudenken. Wie in Und täglich grüßt das Murmeltier wird Sam geläutert und schließlich, in Kapitel 7,… Haha, das würd ich Euch doch nie verraten!!

Das Buch nimmt vor allem ab Kapitel 2 Fahrt auf, und man kann es bald nicht mehr weglegen. Nur auf den letzten Seiten sind die Formulierungen ab und an etwas seltsam („wenn Gesang ein Gefühl wäre, wäre es das, dieses Licht, dieses Schweben, wie Lachen“, Seite 445). Aber hey, bis Seite 442 wird man gefesselt von der überzeugenden Beschreibung des komplizierten Teenager-Lebens, den coolen Sprüchen der handelnden Personen („eine verdammte Nudel hat mehr Charakter als Phoebe“, Seite 353) und den witzigen Formulierungen (sie starrt mich an, „als hätte ich gerade verkündet, ich würde die Schule schmeißen, um Schlangenmensch im Zirkus zu werden“, Seite 326). Wie treffend Lauren Oliver das erste echte Verliebtsein beschreibt ist besonders toll.

Eine klare Leseempfehlung für alle Jungen und Junggebliebenen!

Im Harperteen-Interview vom 21.4.2010 erzählt Lauren Oliver, die im wirklichen Leben Laura Schechter Parker heißt, dass sie, seit sie 5 Jahre alt war, jeden Tag schreibe. Ihr Vater, der True-Crime-Autor Harold Schechter, sei ihr diesbezügliches Vorbild. Die Leute bewundern sie dafür, so Oliver weiter, dass sie schon mit 25 Jahren ihr erstes Buch veröffentlicht habe, aber für sie sei es tatsächlich ein langer, zwanzig Jahre dauernder Prozess gewesen. Übrigens bezeichnet sie sich selbst in diesem Interview als Nerd-Teenager, allerdings sei sie auch wild gewesen und auf Partys gegangen. BTW: Die Schwester der Autorin, Elizabeth Schechter, hat am 25.11.12 auf ihrer Facebook-Seite einen Schnappschuss gepostet, der zeigt, wie Barack Obama mit seinen Töchtern Bücher von Lauren Oliver kauft – yay!

Lauren Oliver. Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie. Übersetzt von Katharina Diestelmeier. Hamburg: Carlsen Verlag, 2013.

Hank Green: Ein wirklich erstaunliches Ding

Leselevel: ♦♦♦♦♦
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦◊
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦


Zielgruppe: ab 16 Jahren

444 Seiten, gebundene Ausgabe um € 22


Themen: Berühmtheit, Star, Social Media, Außerirdische, Regierung, Likes, Shitstorm, Nerds, Freundschaft

Wenn John Greens Bruder sein Debut als Romanautor gibt, muss ich dieses Buch natürlich lesen. So wie mir dürfte es vielen Leuten gehen, denn der Roman schaffte es immerhin auf Platz 1 der New York Times Bestsellerliste. Die große Frage lautet natürlich, ob Hanks Pageturner es mit den tiefgründigen Büchern seines Bruders aufnehmen kann.

Mein Antwort: Jein ;-). Das Buch ist großartig, die Geschichte fein konzipiert und unglaublich spannend!! Also extrem toll und unbedingt lesenswert, überhaupt für ein Romandebut! Im Vergleich zu John Greens Büchern, z.B. Das Schicksal ist ein mieser Verräter, fehlt es dem Buch etwas an emotionalem Tiefgang und beeindruckenden Lebenserkenntnissen. Man kann allerdings mit Fug und Recht behaupten, dass beide Brüder Meister des Storytelling sind: Man kann ihre Bücher nicht weglegen, sonder muss(!!) immerfort weiterlesen.

Was passiert nun in Ein wirklich erstaunliches Ding? Die 23-jährige April May und ihre bester Freund Andy drehen eines Nachts in Manhattan ein Video von einer beeindruckenden Roboter-Skulptur, die April May „Carl“ nennt. Sie veröffentlichen das Video auf YouTube und es geht viral. Als sich am nächsten Tag herausstellt, dass nun auf der ganzen Welt solche Carls stehen, wird die junge Frau zur Carl-Expertin. Andy und sie stellen weitere Videos online, betreiben Recherchen. Sie wird zum Star. Doch als sich herausstellt, dass die Carls Außerirdische sind, gerät April May in einen medialen Sog aus Likes und Shitstorm. Denn einige Menschen, die sich „die Defender“ nennen, befürchten, dass die Aliens den Menschen Böses wollen.

Das Hauptaugenmerk des Romans liegt nicht darauf, dass die Carls extraterrestrische Lebewesen sind. Ganz im Gegenteil: Green verfährt ziemlich locker damit, zum Beispiel schlagen sie ihre Feinde nicht zu Brei sondern verwandeln sie in Traubengelee. Vielmehr tritt der Konflikt zwischen den weltoffenen Bürgern und dem fremdenfeindlichen Lager in den Vordergrund.

Der Social Media Hype um April May ist auch ein Kernelement des Romans. April May kreiert eine Kunstfigur, legt sich ein mediales Alter Ego zu, für das sie sogar ihre sexuelle Orientierung leugnet. Sie ist bisexuell, doch damit könnten die Leute nichts anfangen, urteilt ihre PR-Beraterin, sie solle entweder oder sein. Die fehlende Moral im Medien-Business wird auch deutlich, als aufkommt, dass April Mays PR-Agentur … Sorry! Fast hätte ich gespoilert!!

April May, die Ich-Erzählerin des Romans, spricht in jugendlicher Sprache, erzählt die Vorkommnisse witzig, smart und unterhaltsam. Dass uns ihre jugendliche Sprache überzeugt, liegt an der tollen Übersetzung von Katarina Ganslandt. Ihre deutsche Version des Romans ist durch und durch gelungen.

Auch wenn Hank Greens Debut an John Greens wunderschöne Romane nicht ganz heranreicht, ist es ein absolut gelungener Page Turner! Ein spannender Erstlingsroman, der fein einfängt, wie der heutige Social Media-Zirkus tickt.

Seit 2007 betreibt Hank Green zusammen mit seinem Bruder John den YouTube-Kanal „Vlogbrothers“, dem heute 3.180.700 Abonnenten folgen (ja, über 3 Millionen, ich habe mich nicht vertippt!). Der studiert Biochemiker und Umweltwissenschaftler hat seine Schreibkarriere mit Buchkritiken gestartet – u.A. für die NY Times, wie er hier erzählt:

In diesem Video erklärt er auch, dass Buchkritiker Bücher hervorheben sollten, die sonst unbemerkt blieben. Das ist zwar beim Debutroman eines berühmten Influencers nicht wirklich der Fall, aber ich lege Euch dieses Buch definitiv ans Herz!

Hank Green. Ein wirklich erstaunliches Ding. München: bold (ein Imprint von dtv), 2019. Übersetzt von Katarina Ganslandt.

Maz Evans: Die Götter sind los

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦◊
Humor: ♦♦♦♦♦
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: Jungs und Mädchen von 10 – 14 Jahren
336 Seiten, gebundene Ausgabe um € 14,99 (TB um €7,99)
Themen: griechische Götter, England, Schule, Stonehenge

Der tolle Band 1 der Tetralogie Die Chaos Götter, deren dritter Band diesen Februar erscheinen wird, ist ein Hit. Elliot Hooper, der Held der Story, hat’s nicht leicht: Seine Mum ist dement, ein Lehrer mobbt ihn, und das Geld ist knapp. Doch dann knallt das Sternbild-Mädchen Virgo in seinen Kuhstall und sein Leben steht Kopf. Die beiden müssen den Todesdämon Thanatos einfangen, den sie leider irrtümlich befreit haben. Mit sexy Zeus, Fashion-Fan Hermes, den streitenden Schwestern Aphrodite und Athene, dem erfinderischen Hephaistos und dem hochtrabenden Pegasus könnte das schwierige Unterfangen gelingen.

Diese moderne, witzig-spritzige und superkreative Version der griechischen Göttersagen ist wirklich empfehlenswert! Die Geschichte reißt einen förmlich mit, und wer ein Fan der griechischen Götter ist, wird die vielen lustigen Einfälle von Hermes iGod bis zur Zeitung „Argus-Kurier“ lieben. Die actionreiche Handlung (inklusive kickboxender Queen) wird die jugendlichen LeserInnen sicherlich begeistern.

Maz (eigentlich Mary Alice) Evans ist eine britische Autorin, Liedmacherin, Journalistin und Mutter zweier Töchter. Das vorgestellte Buch ist ihr Erstlingsroman (der coole englische Titel lautet Who let the Gods out?), wurde für über 20 Kinderbuchpreise nominiert und in 17 Sprachen übersetzt. Evans ist auch als engagierte Lehrerin für kreatives Schreiben im Einsatz.

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Meine signierte Ausgabe habe ich bei einem Gewinnspiel des Carlsen Verlages gewonnen. Vielen Dank, Ihr Lieben!

Maz Evans (Mary Alice Evans). Die Götter sind los. Hamburg: Carlsen Verlag / Chicken House Buch, 2017. Übersetzt von Ilse Rothfuss.

Lea Coplin: Nichts zu verlieren. Außer uns.

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦◊
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 14 Jahren

368 Seiten, Taschenbuch um € 10,95

Themen: Liebe, Freundschaft, Erwachsenwerden, Edinburgh, Reisen, Musik

 

Ich bin vor 20 Jahren mit einem riesigen Rucksack und zwei lieben Freundinnen durch Schottland gereist, und so etwas Ähnliches machen Max von Linden und Lina Stollberg auch. Als sie sich das erste Mal am Flughafen von Edinburgh treffen, fliegen die Fetzen, aber immer wieder laufen sie sich in der wunderschönen Stadt über den Weg. Schließlich fahren sie gemeinsam gen Norden, als touristische Zweckgemeinschaft sozusagen. Beide werden von familiären Problemen getrieben und könnten gegensätzlicher nicht sein: Er aus „gutem“ Elternhaus, vermögend, ein Strahlemann; sie die chaotische Straßenmusikerin, kratzbürstig und zickig. Doch sobald sie ihre Vorurteile ablegen und zaghafte Blicke hinter die Fassade des/der anderen wagen, kommen sie sich näher.

 

Bezaubernder, romantischer Roadtrip durch Schottland mit zwei Charaktertypen, die faszinieren. Lea Coplin* hat erneut eine fabelhafte Geschichte gesponnen, die nicht oberflächlichem Schmus nachjagt, sondern tief in die Gefühls- und Lebenswelt der Hauptfiguren eintaucht. _Nichts zu verlieren. Außer uns._ ist spannend, überzeugend und berührend. Unbedingt lesen und hier bis zum 23.12. um 23:59 einen Kommentar hinterlassen. Am 24.12. verlose ich das vom dtv-Verlag zur Verfügung gestellte Exemplar und dackle brav zum Postamt, damit die glückliche Gewinnerin oder der glückliche Gewinner dieses super YA-Buch noch in den Weihnachtsferien lesen kann, so wie ich es eigentlich geplant hatte. Aber, hey! Wer könnte diesem feinen, knallroten Band schon widerstehen?!?!!

*Informationen zum ersten Band von Lea Coplin gibt’s hier.
Und mein Interview mit der sympathischen Bestseller-Autorin Lea Coplin aka Anne Sanders könnt Ihr hier nachlesen.

Lea Coplin. Nichts zu verlieren. Außer uns. München: dtv, 2018.

Maggie Stiefvater: Rot wie das Meer

Leselevel: ♦♦♦♦♦
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦◊
Humor: ♦♦♦◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: ab 14 Jahren
432 Seiten, wunderschöne gebundene Ausgabe um € 18,95
Themen: Freundschaft, Familie, Liebe, Pferde, Rennen, Capaill Uisce-Mythos, britische Inseln

Gleich vorweg: Diesen Jugendroman werden nicht nur PferdeliebhaberInnen genial finden! Maggie Stiefvater gelingt in diesem Band, den faszinierenden Capaill Uisce-Mythos von blutrünstigen Wasserpferden einzufangen, die spannende Geschichte eines Pferderennens zu erzählen, eine zarte Liebesgeschichte einzuflechten und die von vielen Schicksalsschlägen geprägten Lebenslinien der beiden Protagonisten (und Erzähler) Puck und Sean einfühlsam nachzuzeichnen – daher auch die 432 Seiten. Echt gewaltig!

Die britische Insel Thisby* wird alljährlich im Herbst von Capaill Uisce heimgesucht, monströsen, magischen Meerespferden, die unglaubliche Kräfte haben, aber auch blutrünstig sind. Nur den mutigsten Inselbewohnern gelingt es, die Wesen einzufangen, ohne dabei getötet zu werden. Sie treten am 1. November zum Skorpio-Rennen gegeneinander an. Sean Kendrick ist einer von ihnen, er hat das Rennen mit seinem Hengst Corr sogar schon viermal gewonnen. „Seinem“ stimmt leider nicht ganz, denn obwohl er für dieses Capaill Uisce sorgt, gehört es ihm genauso wenig wie das hohe Preisgeld. Puck Connolly braucht genau dieses: Wenn sie das Rennen nicht gewinnt, verliert sie ihr Zuhause. Doch kann ein Mädchen ein Capaill Uisce beherrschen? Was wird aus ihrem eigenen Pferd Dove? Das Rennen wird definitiv Menschenleben kosten und die Meereswellen rot färben.

*“Thisby“ ist eine von Shakespeare im Sommernachtstraum benutzte, falsche Schreibweise von „Thisbe“, dem weiblichen Teil eines babylonischen Romeo und Julia-Liebespaares. Dass Stiefvaters ihren Handlungsort so benannt hat, ließ mich schon von Beginn an an einem Happy End zweifeln.


Nicht nur dieser Roman, auch die Schriftstellerin ist faszinierend. 1981 in Virginia, USA, geboren, hieß sie ursprünglich mit Vornamen Heidi, änderte ihn aber mit 16 Jahren auf Margaret. Die New York Times-Bestsellerautorin ist Hobby-Rennfahrerin und schreibt auch Artikel für Rennsportmagazine. Ihre Young Adult-Romane, die teils als Folgen erschienen sind und teils als Einzelbände, haben unzählige Preise erhalten, Filmrechte wurden verkauft, die Presse feierte sie ab, kurz: Sie ist megaerfolgreich. Mit Mann und Kindern sowie Kühen, Pferden, Hunden, Ziegen und einer Katze lebt sie im Shenandoahtal in Virginia (in der lokalen indigenen Sprache heißt „Shenandoah“ übrigens Tochter der Sterne – na das passt ja perfekt!). Sie spielt mehrere Instrumente und ist auch Künstlerin. Schaut am besten auf ihrer Homepage vorbei, dort könnt ihr coole Pics der brillanten Frau sehen.

Maggie Stiefvater. Rot wie das Meer. Fein übersetzt von Sandra Knuffinke und Jessika Komina. Bindlach: Loewe Verlag (script5), 2012.

Lea Coplin: Nichts ist gut. Ohne dich.

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦◊
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen:♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 14 Jahren

352 Seiten, TB um € 10,95

Themen: Liebe, Freundschaft, Familie, Unfalltod, München

Die Münchner Autorin „Lea Coplin“, die am gleichen Tag wie Jane Austen Geburtstag hat, hat 2018 dieses geniale Buch veröffentlicht. Seit der Geburt meiner Kinder habe ich aus den hinlänglich bekannten Gründen kein einziges Buch mehr auf einmal ausgelesen („in one sitting“, hätte Edgar Allan Poe gesagt), und gestern war es wieder soweit: Schlag 18 Uhr setzte ich mich hin und stürzte mich Hals über Kopf in _Nichts ist gut. Ohne dich._ Und als ich den letzten Satz fertiggelesen hatte, herrschte schon finsterste Nacht, mein Mann hatte die Kinder zu Bett gebracht und der Hund streckte sich genüsslich nach seinem Marathonschläfchen.

 Was für ein grandioses, gelungenes Buch! Der Plot ist vielschichtig und interessant, die Charaktere tiefgründig und faszinierend, die Liebesgeschichte zwischen den beiden Protagonisten Jana und Leander intensiv und ergreifend. Die Geschichte wird größtenteils abwechselnd aus seiner und ihrer Sicht erzählt, was spannende Einblicke gewährt.

Das Buch beginnt mit dem ersten, schockierenden Wiedersehen von Leander und Jana in der Jetztzeit. Als Kinder gut befreundet, riss ihre Verbindung sechs Jahre zuvor jäh ab, weil Janas Bruder in einem von Leander verursachten Autounfall starb. Nun müssen sich die beiden mit der schmerzlichen Vergangenheit auseinandersetzen und finden dabei mehr und mehr zueinander, was Jana in eine moralische Zwickmühle bringt (darf man den Mörder seines Bruders lieben?). Als Leanders Mutter an Krebs stirbt, gerät die zerbrechliche Liebe ins Wanken.

Jana und Leander stürzen die Leserschaft in eine emotionale Achterbahnfahrt. Steigt man am Ende aus, ist das Gehirn voller Speed und das Herz rast. Hier als kleine Leseprobe ein schönes Zitat von Leanders Mutter. Sie verspricht ihrem Sohn fünf Gründe, warum sein von Schuld geplagtes Leben lebenswert ist:

„Weil du noch nicht das getan hast, was du tun möchtest, ohne den Erwartungen anderer zu entsprechen. […] Weil du dir noch nicht erlaubt hast, glücklich zu sein. Weil du noch nie einem Mädchen ‚Ich liebe dich‘ gesagt und es aus tiefstem Herzen gemeint hast. Weil du noch nicht so geliebt wurdest, wie du es verdient hast. Weil du dir noch nicht selbst vergeben hast. Weil du noch nicht um das Mädchen gekämpft hast, das dir am wichtigsten ist. Weil du noch nicht der bist, der du sein willst. Weil jeder eine Aufgabe hat und du deine erst herausfinden musst. Weil das Schönste noch kommt, Leander.“

Für den Augenblick bin ich sprachlos. Dann habe ich das Gefühl, zu ersticken, was womöglich daran liegt, dass ich vergessen habe zu atmen. Ich sauge Luft ein, dann senke ich den Kopf und blinzle was auch immer da hinter meinen Lidern brennt in die Flucht.

„Das waren an die hundert Gründe“, sage ich schließlich.

„Du findest deine Top Fünf heraus.“ (Seite 151-152)

 

Natürlich habe ich immer wieder geheult wie ein Schlosshund und mich dann extrem gefreut, wenn Silberstreifen am Horizont dieser komplizierten Geschichte erschienen. Das Buch hat mich gebeutelt und mitgenommen. Was ich besonders herausragend an Lea Coplins Buch finde ist, dass die Autorin keinen Roman für Jugendliche als Zielgruppe geschrieben hat. Nein! Vielmehr weiß sie noch bis ins letzte Detail, wie es wirklich ist, jung zu sein und das Auf und Ab verworrener Familienbande und tiefgründiger Liebe zu erleben. Ein großer Lesegenuss! Und im September 2018 hat Lea Coplin Nichts zu verlieren. Außer uns. veröffentlicht, in dem es um Leanders Freund Max geht. Das ist sicher ebenfalls genial: Ich hebe es mir für die Weihnachtsfeiertage auf <3 !

 

 

Lea Coplin. Nichts ist gut. Ohne dich. München: dtv, 2018.

Alexandra Pilz: Zurück nach Hollyhill

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦◊◊
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 15 Jahren
368 Seiten, TB um € 8,99
Themen: Freundschaft, Liebe, Zeitreise, Familie, Unfalltod, Geheimnisse, England

Die Münchner Autorin „Alexandra Pilz“, die am gleichen Tag wie Jane Austen Geburtstag hat, hat 2012 dieses tolle Buch veröffentlicht. Es ist der erste Band ihrer abgeschlossenen Hollyhill-Trilogie rund um die siebzehnjährige Zeitreisende Emily.

Die Vollwaise Emily lebt in München bei ihrer Oma, die ihr zum Schulabschluss einen Brief der Mutter aushändigt. „Ich bitte dich“, steht darin geschrieben, „nach Hollyhill zu reisen, das Dorf, das viele Jahre meine Heimat war. Es liegt im Dartmoor. Du wirst es finden.“ Ohne Umschweife macht sich die junge Frau auf den Weg dorthin. Auch wenn das Örtchen Hollyhill auf keiner Landkarte verzeichnet ist, reist Emily ins Dartmoor und steigt im Zentrum des Nationalparks aus. Zufällig trifft sie dort den gutaussehenden Matt, der sie mit dem Auto nach Hollyhill bringt. Sobald sie in dem sehr kleinen Örtchen ist, geschehen sonderbare Dinge und ein Abenteuer voller Magie und Zauber beginnt. Und natürlich bahnt sich da etwas an, zwischen Emily und Matt… Während die Münchnerin das Rätsel um das Dorf langsam entschlüsselt, wird ihre beste Freundin von einem Mädchenmörder entführt, und Emily kann zusammen mit Matt ihre neuentdeckten Kräfte einsetzen.

Mich hat dieses Buch begeistert. Ich habe eigentlich einen romantischen Roman für Mädels erwartet und war vom gelungenen, spannenden Plot rund um das Zeitreisedorf Hollyhill und die Jagd nach dem Mädchenmörder sehr angetan. Zudem macht der wundervolle Humor der Autorin dieses Buch zu etwas ganz Besonderem: „In diesem Meer aus Anzugträgern stach sie [Emily] mit ihren lila Strähnen und der pinkfarbenen Leggings heraus wie ein Zirkusclown auf einer Beerdigung“ (Seite 271). Und das Beste: Es gibt noch zwei Folgebände. Hurra!

Alexandra Pilz. Zurück nach Hollyhill. München: Heyne, 2012.