Kenneth Oppel: Bloom. Die Apokalypse beginnt in deinem Garten

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦◊◊◊
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Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 12 Jahren

345 Seiten, gebundene Ausgabe um € 16,95

Themen: Familie, Freundschaft, Allergien, Teenagerleben, Schule, Highschool, Pflanzen, Alien Invasion, Außerirdische, Botanik, Thriller, Horror, Apokalypse

Angriff der Killerpflanzen!

Anaya, Petra und Seth leiden unter echt heftigen Allergien und gehen zusammen zur Highschool. Nach tagelangen, starken Regenfällen tauchen überall auf der Welt schwarze Pflanzen auf, die alles überwuchern und in der Bevölkerung nicht nur Panik, sondern auch noch Allergien auslösen. Gleichzeitig werden die drei Teenager ihre Allergien schlagartig los, und sie entwickeln sogar ungeahnte Kräfte. Als Anaya, Petra und Seth mehrere SchulkollegInnen auf dem Sportplatz vor den fleischfressenden Grubenpflanzen retten, wird der Geheimdienst auf sie aufmerksam und beginnt zu ermitteln. Können drei junge Leute die schreckliche Pflanzeninvasion stoppen, an der das Militär und die Polizei weltweit scheitern?

Bloom: Die Apokalypse beginnt in deinem Garten ist der rasante erste Band der Bloom-Trilogie von Erfolgsautor Kenneth Oppel. Obwohl noch zwei Bände folgen werden, ist Band 1 in sich geschlossen und lässt einen zufrieden, ohne nervigen Cliffhanger, zurück. Definitiv beide Daumen nach oben für dieses spannende Jugendbuch, das perfekt in die Coronazeit passt. Etwas Schreckliches bedroht den ganzen Planeten: Das nenn ich aktuell!

Kenneth Oppel (*1967) ist ein kanadischer Kinder- und Jugendbuchautor, dessen Fantasy- und Science-Fiction-Bücher vielfach ausgezeichnet und übersetzt wurden. Er lebt mit seiner Frau Philippa, einer Shakespeare-Professorin, und drei Kindern in Neufundland.

Inge Wehrmann hat den Roman großartig aus dem kanadischen Englisch übersetzt. Ihr ist es zu verdanken, dass sich das Buch so flüssig, realistisch und mitreißend liest. Vor allem die Stimme, die sie Mister Riggs verliehen hat („Heidewitzka“, „Schurken“,…), fand ich wahnsinnig lustig. Gerade letzte Woche habe ich ein extrem schlecht übersetztes Naturbuch in Händen gehalten, das von der ersten bis zur letzten Seite voller englischer Begriffe war (es war ein „Survival-Guide“, grins). Jedenfalls ist es dann eine wahre Wohltat, wieder so ein richtig gut übersetztes Buch zu lesen. Danke, Inge Wehrmann!

Ich danke dem Verlag Beltz & Gelberg für das Rezensionsexemplar.

Kenneth Oppel. Bloom: Die Apokalypse beginnt in deinem Garten. Weinheim: Beltz & Gelberg in der Verlagsgruppe Beltz, 2020. Übersetzt von Inge Wehrmann. Englischer Originaltitel: The Bloom Trilogy.

Ein Jugendroman zum Thema Mobbing: Nils geht

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Wissenssteigerung: ♦♦♦◊◊
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Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 13 Jahren

139 Seiten, gebundene Ausgabe um € 16,95

Themen: Schule, Mobbing, Ausgrenzung, Freundschaft, Mitläufer, Mobber, Gewalt an Schulen, Zivilcourage, Selbstschutz

Spannend, mitreißend, berührend: Ein Jugendroman der Extraklasse!

Zum Buch:

Dont’t judge a book by its cover, heißt es. Für dieses Buch gilt das ganz besonders: Was sich so unaufgeregt präsentiert, ist ein aufwühlendes, krasses Jugendbuch, das alle jungen Leute fesseln wird. (Jaja, die alten schon auch, aber den Jungen hilft es halt im Leben weiter!)

Gabi Kreslehners berührender Roman Nils geht stößt uns mit der Nase auf eine unschöne Klassensituation: Da sind die fürchterlichen Vier, die ihren Namen nicht umsonst haben, da gibt’s einen Haufen Mitläufer, denen die Vier zuwider sind, die sie aber auch irgendwie bewundern, und dann gibt es Nils: „Egal wo, wenn du das perfekte Opfer bist, dann bist du es überall.“

Es entspinnt sich ein Thriller: Nils versucht, den Kopf über Wasser zu halten, die Mitläufer versuchen, wegzusehen, schaffen das aber nicht, und die Vier schlagen zu, immer und immer wieder. Doch eines Tages greift Nils zum Messer

Spannend, mitreißend, berührend: Gabi Kreslehner ist Großes gelungen.

Zur Autorin:

Die 1965 geborene österreichische Autorin, Lehrerin und Theaterpädagogin Gabi Kreslehner schreibt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Ihre Werke wurden schon mit vielen Preisen und Stipendien prämiert und in andere Sprachen übersetzt. Es ist unglaublich, wie gut sie sich in Jugendliche hineindenken kann und beschreibt, was wirklich abläuft.

Ich danke dem Tyrolia Verlag für das Rezensionsexemplar.

Boxen, Tango und das Leben: Ein unterhaltsamer Jugendroman über Schule und Familie in Korea

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦◊
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Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 15 Jahren

208 Seiten, gebundene Ausgabe um € 18

Themen: Familie, Freunde, Schule, Sport, Nachbarschaft, Kickboxen, Korea, Asien, erste Liebe, Uni

Eins – zwei, eins – zwei – drei ist ein witziger, temporeicher, spannender Roman – und dank der „exotischen“ Kultur völlig unvorhersehbar: genial!

Der 17-jährige Held dieses Romans hat’s nicht leicht: Er ist zurückhaltend, hat keine Freunde in der Schule und lebt ohne Mutter in einer kleinen Wohnung mit dem Vater und dessen bestem Freund. So weit, so gut. Da kann sich jeder Teenie mit identifizieren. Aber BÄM! Der Held heißt Wan-Duk, die Geschichte spielt in Korea, der extrem kleinwüchsig Vater und der stotternde Onkel sind Taxitänzer, Wan-Duks vietnamesische Gastarbeiter-Mama taucht plötzlich auf, anstatt Leute blind vor Wut zu vermöbeln, fängt Wan-Duk mit Kickboxen an, die heiße, oberschlaue Klassenkameradin Jun-Ha wird seine „Managerin“ und sein völlig abgedrehter Nervensägen-Lehrer aus dem Nachbarhaus ist ein stinkreicher Politaktivist.

Auf diesen 200 Seiten wird man super unterhalten und taucht ganz nebenbei in eine völlig unbekannte Welt ein (außer man kennt sich schon in der koreanischen Kultur aus, natürlich).

Sehr zu empfehlen, für alle ab 15!

Die Koreanerin Kim Ryeo-Ryeong wurde 1971 in Seoul geboren. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder studierte sie mit knapp 30 Jahren Kreatives Schreiben an der Kunsthochschule Seoul. Eins – zwei, eins – zwei – drei war ihr Debütwerk, es erschien 2008 in Korea und wurde zu einem großen Erfolg. Die spätere Verfilmung unter dem Titel »Punch« von Lee Han verzeichnete über 5 Millionen Besucher. Kim lebt heute als freie Schriftstellerin in der koreanischen Provinz Gyeonggi-do.

Übersetzt wurde das Buch von Hyuk-Sook Kim und Manfred Selzer, die der koreanischen Kultur Raum gegeben haben und gerade so viel „eingedeutscht“ haben, dass man alles prächtig versteht. Wirklich toll!

Ein Wort noch zum Verlag:

Baobab Books ist ein Schweizer Kinder- und Jugendbuchbuchverlag, der sich als gemeinnütziger Verein lokal, national und international für kulturelle Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur einsetzt und dementsprechende interkulturelle Projekte, Lesungen für Kinder, Workshops und Unterrichtsmaterialien anbietet. Die Corona-Krise ist für die Non-Profit-Organisation Baobab Books finanziell eine große Herausforderung. Um das geplantes Buchprogramm 2020 zu sichern, hat der Verlag eine 30-tägige Crowdfunding-Kampagne gestartet.

Okay, das war jetzt mehr als ein Wort…

Ich danke dem Verlag Baobab Books sehr herzlich für das Rezensionsexemplar.

Ryeo-Ryeong Kim. Eins – zwei, eins – zwei – drei. Basel: Baobab Books, 2020.

Martin Verg und Jürgen Hübner, Hg.: Gestern war noch Krieg: Die Zeit um 1945 in Sachtexten und Erzählungen von Gudrun Pausewang, Christine Nöstlinger, Klaus Kordon u.a.

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Spannung: ♦♦♦♦♦
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Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 10 Jahren

240 Seiten, gebundene Ausgabe um € 12

Themen: Zweiter Weltkrieg, 1945, Kriegsende, Bombenkrieg, Widerstand, Volkssturm, Adolf Hitler, Flucht, Vertreibung, Befreiung, Besatzung, Nationalsozialismus, Gestapo, Konzentrationslager, SS, Wehrmacht, Nazi-Diktatur

Wie war das Leben in Deutschland und Österreich während des Zweiten Weltkriegs? Gestern war noch Krieg schildert Kindern den Zweiten Weltkrieg in verständlichen Sachtexten und spannenden Erzählungen berühmter KinderbuchautorInnen. Sehr berührend und fundiert! Absolut empfehlenswert!

Vor 75 Jahren endete der Zweiten Weltkrieg. Der langjährige GEOlino-Journalist und Kinderbuchautor Martin Verg hat aus diesem Anlaß mit dem Kinderbuchexperten Jürgen Hübner ein hervorragendes Buch gegen das Vergessen herausgegeben, das spannende Kriegskinderprosa von elf namhaften AutorInnen versammelt und einen kindgerechten historischen Überblick über den Zweiten Weltkrieg liefert.

Die Kinder-Anthologie besteht aus fünf Kapiteln (Bombenkrieg, Widerstand, Volkssturm, Vertreibung, Besatzung), zu denen immer zwei bis drei hochkarätige, eindrückliche, bewegende Erzählungen gehören. Unter den AutorInnen sind Christine Nöstlinger, Uri Orlev, Gudrun Pausewang, Klaus Kordon , Ruta Sepetys und Anke Bär. Jedes Kapitel wird von einem einführenden Text eingeleitet, der den geschichtlichen Hintergrund verständlich und knapp erläutert und die Texte kontextualisiert. Ein fundiertes Vorwort und Nachwort verbinden die schrecklichen Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs mit der Gegenwart und Zukunft. Eine gelungene Zeittafel und ein tolles Glossar ergänzen dieses herausragende Kinderbuch, das Kindern den Zweiten Weltkrieg begreifbar macht.

„Je weniger Menschen leben, die aus eigener Erfahrung über diese Zeitberichten können, desto bedeutender werden historische und literarische Quellen, die die Ursachen, Geschichte und Folgen der NS-Herrschaft und ihre Verbrechen auf anschauliche Weise näher bringen“, schreiben Sabine Bamberger-Stemmann und Jens Hüttmann im Nachwort. Auch aus diesem Grund ist Gestern war noch Krieg sehr wertvoll.

Ich danke dem Thienemann Verlag für das Rezensionsexemplar.

Martin Verg und Jürgen Hübner in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg. Gestern war noch Krieg: Die Zeit um 1945 in Sachtexten und Erzählungen von Gudrun Pausewang, Christine Nöstlinger, Klaus Kordon u.a. Stuttgart: Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, 2020. Mit Illustrationen von Irmela Schautz.

Anke Kuhl: Manno! Alles genau so in echt passiert

Leselevel: ♦♦♦◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦◊
Humor: ♦♦♦♦♦
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Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: für alle (!!!) ab 7 Jahren

136 Seiten, gebundene Ausgabe um € 16

Themen: Geschwister, Schwestern, Familie, Freunde, Schule, Kindheit

Anke Kuhls preisgekrönte, witzige Sammlung von lose verknüpften Anekdoten aus ihrer Kindheit in den 70er Jahren, Manno! Alles genau so in echt passiert, ist ein grenzgeniales, kunterbuntes, superlustiges Kindercomic über Geschwisterliebe und Kindheitserlebnisse, vom Eislutschenlassen über Krankenhausbesuche und Haustieralarm bis hin zu Kartenspielzoff und Tanzchoreographien.

Auch wenn Kuhl aus ihrer Kindheit in den 70ern erzählt (mit lustigen Details wie Schlaghosen, ABBA und gestreiften Klappstühlen) und sich viele Eltern dieses Kinderbuch krallen werden, finden sich heutige Kids genauso in diesen Kindheitsepisoden wieder. Als dieses Buch bei uns zuhause ankam, hat es sich die Kleinste sofort unter den Nagel gerissen und auf einen Sitz durchgelesen. Ihre große Schwester und ich haben derweil wie die Aasgeier darauf gewartet, dass sie das Buch mal weglegt, was nicht geschah, und schließlich haben wir zwei es nacheinander verschlungen. Manno! ist das erste Buch, das meine Kinder und mich gleichermaßen in Begeisterung versetzt hat. Ein großartiges Buch für alle Kinder von früher und heute!

Anke Kuhl erklärte 2019 in einem Interview mit der Comic-Denkblase, Alex Jakubowskis Comicblog, dass ein Comic für sie das einzig wahre Medium für ihre Kindheitserinnerungen sei, „weil ich so viele Bilder im Kopf habe, die ich zeichnerisch viel präziser und treffender ausdrücken kann, als mit vielen Worten. In den Geschichten kommen schöne und schlimme, lustige und traurige, komische und tragische, fröhliche und eklige, leise und laute Momente nebeneinander vor.“ Tatsächlich beschert Anke Kuhl mit Manno! nicht nur haufenweise Lachanfälle, sondern bringt auch vereinzelt traurige, angstvolle Moment aufs Trapez: so wie es in der Kindheit eben ist.

Dieses Buch ist absolut großartig. Alle ab 7 Jahren sollten es unbedingt lesen!!!

Anke Kuhl (* 1970) ist eine erfolgreiche deutsche Illustratorin, die mit Mann und Kindern in Frankfurt am Main lebt. Sie hat zahlreiche Kinderbücher illustriert und erhielt 2011 für Alles Familie! den Deutschen Jugendliteraturpreis. Hier habe ich ihre Bücher Alles lecker! und Ein ABC der Schadenfreude vorgestellt. Für Manno! erhielt Anke Kuhl den Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung, die mit 20.000€ höchst-dotierte Comicauszeichnung des deutschsprachigen Raums.

Ich danke dem Klett Kinderbuch Verlag für das Rezensionsexemplar.

Anke Kuhl. Manno! Alles genau so in echt passiert. Leipzig: Klett Kinderbuch Verlag, 2020.

Großartiger, lyrischer Kinderroman von Steven Herrick: Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦◊◊
Humor: ♦♦♦◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 13 Jahren

240 Seiten, gebundene Ausgabe um € 15

Themen: Familie, Freundschaft, erste Liebe, Stadtleben

Steven Herricks Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen, großartig übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn, hat 2019 den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis gewonnen. Es drängt sich die Frage auf, warum. Ist es besonders katholisch*? Nein. Ist es besonders gut? Oh, ja!!

Dieses unglaublich faszinierende Jugendbuch kombiniert die Gattungen Roman und Gedicht auf einzigartige Weise (und hier kommt der deutsche Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn wieder ins Spiel, denn ohne ihn hätte dieses Buch bestimmt keinen Buchpreis gewonnen!). Die Erzählung besteht aus gedichtartigen Szenen, die den LerserInnen bewegende Einblicke ins Leben des Jugendlichen Harry Hodby gewähren. Er lebt zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder Keith in einer australischen Stadt, ist in Linda verliebt und schlägt sich in der ärmlichen Nachbarschaft und der Schule durch.

Das Buch beginnt mit dem Gedicht „Die Farbe meiner Stadt“, das meiner Meinung nach dem Prolog in Shakespeares _Romeo und Julia_ hinsichtlich Vorausschau und Schönheit absolut ebenbürtig ist. (Wenn ihr mir nicht glaubt, lest bitte beides nach und nickt dann zustimmend!) Ich darf mal die letzten Zeilen dieses Gedichts zitieren, damit Ihr Euch selbst eine Vorstellung von diesem feinen Werk machen könnt:

Aus „Die Farbe meiner Stadt“:

„Braun

war den ganzen Sommer über das Gras,

eine tote Schlange,

platt gefahrene Riesenkröten

und unser mit Öl beschmiertes Haus;

nichts, was lebt,

nichts, was leuchtet.

Weiß

war Mums Nachthemd,

die Kreide, die Miss Carter benutzte,

um meinen Namen zu schreiben,

Krankenhauslaken

und die Farbe von Lindas Kreuz.“

(Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen, Seite 6-7)

Nun entfaltet sich vor unseren Augen Szene für Szene und Gedicht für Gedicht das Leben dieses scharfen Beobachters, der das Schöne auch im Hässlichen entdeckt und mit seiner anständigen Art gegen die Windmühlen seines Milieus kämpft, etwa wenn er die Lehrerin unschuldig fragt: „Warum haben Sie eigentlich / niemals geheiratet, / Miss Carter?“ (42), als sie seine Freundin Linda schikaniert und bezichtigt, sie träume davon, mit einem Jungen durchzubrennen.

Was Harry alles erlebt, ist schwer übersichtlich wiederzugeben: Menschen sterben, verletzten sich, ein Mädchen wird geschwängert, ein Haus geht in Flammen auf. Es ist das packende Leben eines normalen Jungen, den die Achterbahn des Lebens herumreißt, bis:

„Ich schließe das Tor,

gehe die Treppe hinauf,

setze mich

auf die oberste Stufe

und warte auf Dad

und auf Keith,

dass sie

nach Hause kommen

in der perfekten Stille

des Nachmittags.“ (238-239)

Großes Kino für feinfühlige Jugendliche und Erwachsene!

Das Buch wurde übrigens auch mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 ausgezeichnet und es wurde Jugendbuch des Monats Juni 2018 der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e.V..

*Gott wird im Buch zweimal erwähnt: Einmal nach einem schrecklichen Unfall des Vaters, einmal im Gedicht „Es war nicht Gott“, in dem sich Harry fragt, wo Gott war, als all die schrecklichen Dinge in seinem Leben passierten.

Heute habe ich zwar nicht für ein Rezensionsexemplar zu danken (selbstgekauft, grins), aber trotzdem danke ich dem Thienemann-Esslinger-Verlag, der so großartige Bücher ins Deutsche übersetzen lässt und herausbringt, damit auch die deutschsprachige LeserInnenschaft so etwas Schönes lesen kann!

Steven Herrick. Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen. Stuttgart: Thienemann Esslinger Verlag, 2018. Genial aus dem australischen Englisch übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn. Originaltitel: By the River.

Eins unserer absoluten Lieblingsbücher zum immer und immer wieder Lesen: Ariadnes Faden: Götter, Sagen, Labyrinthe

Leselevel: ♦♦♦◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦♦♦
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: ab 8 Jahren
80 Seiten, gebundene Ausgabe um € 24

Themen: Griechische Sagen und Götter, die griechische Antike, das Labyrinth der griechischen Mythologie, die Häuser der alten Griechen, die Akropolis, die Olympischen Spiele, der Trojanische Krieg, Bestien, griechische Abenteurer und HeldInnen, das griechische Theater

Dieses Buch ist für mich eins der Top-Bücher des Jahres. Die besten Kapitel der griechischen Mythologie werden in Jan Bajtliks Ariadnes Faden: Götter, Sagen, Labyrinthe auf Doppelseiten bildlich (comicartig) dargestellt. Die unterhaltsamen Bilder beschreiben die griechische Götterwelt, die wichtigsten HeldInnen, die grusligsten Bestien, die schlausten AbenteurerInnen, die olympischen Spiele , das griechische Theater, die Akropolis und griechische Häuser, den Trojanischen Krieg und vieles mehr.

Beim Betrachten der Illustrationen und Lesen der Beschriftungen erlebt man die spannenden Geschichten hautnah und entdeckt viele coole Details. Am Ende des großformatigen Buches gibt es kurze Erläuterungen zu jedem der Bilder.

Seit Jahrhunderten fesseln uns die tollen Geschichten der griechischen Mythologie und dieses wunderbare Buch macht sie jungen LeserInnen zugänglich. Und alte LeserInnen, die diese Sagen schon kennen, entdecken sie durch die genialen Illustrationen neu. Beste Unterhaltung also für Klein und Groß! Wer eine Entdeckungstour durch das geniale Buch machen möchte, findet hier in der Leseprobe tolles Bildmaterial zum Durchklicken.

Der 1989 in Warschau geborene Grafikdesigner Jan Bajtlik veröffentlicht Bücher für Kinder und illustriert u.a. für das Time Magazine und die New York Times. „Ariadnes Faden. Götter, Sagen, Labyrinthe“ ist sein erstes Buch auf Deutsch, übersetzt von Thomas Weiler.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Moritz Verlag für mein Rezensionsexemplar und das Verlosungsexemplar für den Kinderbuchblogger-Adventskalender 2019, auf die Beine gestellt von Kinderbuchdetektive, mit wunderschönem Logo von Anne-Kathrin Biel. Ein herzliches Dankeschön auch an Euch zwei!

Kinderbuchblogger-Adventskalender 2019 Fearless Five Brigitte Wallingers Kinderbuchblog Jugendbuchblog Buchtipps für Kinder und Jugendliche Buchempfehlungen für Teens und Kids Buchperlen junge Literatur

PS: Am 23.12. darf ich hier auf www.wallinger.at mein zweites Lieblingsbuch des Jahres verlosen. Stay tuned!

Jan Bajtlik. Ariadnes Faden: Götter, Sagen, Labyrinthe. Frankfurt am Main: Moritz Verlag, 2019. Übersetzt von Thomas Weiler.

John Corey Whaley: Hochgradig unlogisches Verhalten

Leselevel: ♦♦♦♦♦
Wissenssteigerung: ♦♦♦◊◊
Humor: ♦♦♦♦♦
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: ab 13 Jahren

272 Seiten, TB um € 9,95

Themen: Freundschaft, Panikattacken, psychische Probleme, Agoraphobie, Angststörung, Liebe, Familie

Der 16-jährige Solomon Reed hat sein Zuhause seit über 3 Jahren nicht verlassen, denn er leidet an Panikattacken und Agoraphobie. Als seine ehemalige Mitschülerin Lisa ein Studienobjekt für einen Psychologieaufsatz braucht, drängt sie sich zusammen mit ihrem Freund Clark in Solomons ruhiges, schön kontrolliertes Leben. Sie werden zu einem eingeschworenen Trio, bis eine eifersüchtige Freundin Gerüchte sät: Hat sich Solomon in Clark verliebt?

John Corey Whaley (*1984) wuchs in Louisiana (USA) auf, besuchte dort das College und arbeitete fünf Jahre lang als Englischlehrer, bevor er Vollzeitautor wurde. 2014 erschien sein Debüt Hier könnte das Ende der Welt sein, das u. a. mit dem Michael L. Printz Award ausgezeichnet wurde. 2015 folgte Das zweite Leben des Trevis Coates, das sich unter den Finalisten für den National Book Award befand. Auch diese beiden Bücher wurden übrigens von Andreas Jandl übersetzt (hurra!). John Corey Whaley lebt in Südkalifornien.

Hochgradig unlogisches Verhalten ist Whaleys dritter Roman: Ein großartiges, tiefsinniges und humorvolles Buch für Jugendliche und Erwachsene, fein aus dem Englischen übersetzt von Andreas Jandl!

Ich danke dem Verlag dtv sehr herzlich für das Rezensionsexemplar!

John Corey Whaley. Hochgradig unlogisches Verhalten. München: dtv Reihe Hanser, 2019. Übersetzt von Andreas Jandl. Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel Highly Illogical Behavior.

Shaun Tan: Zikade

Leselevel: ♦♦◊◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦◊◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: Erwachsene und Teenager ab 12 Jahren

32 Seiten, gebundene Ausgabe um € 17

Themen: Büroarbeit, moderne Arbeitswelt, Gefühlskälte, Mobbing, Migranten, Migration, Zugehörigkeit, Demütigung

Der berühmte australische Illustrator, Autor und Oscar-prämierte Filmemacher Shaun Tan beschäftigt sich in seinem neuen Bilderbuch Zikade erneut mit Zugehörigkeit und Migration. Seine ergreifende Graphic Novel Ein neues Land ist vielen von Euch sicher ein Begriff.

Zikade ist ein bildgewaltiges Meisterwerk rund um den eingewanderten Büroangestellten Zikade, der trotz fleißigen Bemühens und korrekter Arbeit stets gedemütigt wird. Ein letzter Mobbingakt bei Rentenantritt treibt ihn auf das Dach des Bürohochhauses; er blickt in den Abgrund. Gebannt blättert man um und rechnet mit dem Schlimmsten, doch die steingraue Hülle der Zikade spaltet sich und eine orange-rote Zikade fliegt gen Himmel: „Alle Zikaden fliegen zurück in den Wald. Denken manchmal an die Menschen. Müssen dann lachen. Tack Tack Tack!“

Eike Schönfeld hat dieses Bilderbuch grandios übersetzt. Sein großer Verdienst liegt darin, die Geschichte in einfacher und dennoch poetischer Sprache auszudrücken, und zwar nicht auf Hochdeutsch, sondern in gebrochenem „Migrantendeutsch“, das nur allzu leicht in vorurteilsgeladene, dem Lächerlichen preisgegebene Sprache hätte abdriften können.

Dass Shaun Tan ursprünglich aus der Science-Fiction-Ecke kommt, merkt man seinem dystopischen Bilderbuch durchaus an. Die Illustrationen in _Zikade_ lassen einen an Gregor Samsa (aus Franz Kafkas „Die Verwandlung“) und „Bartleby der Schreiber“ (von Herman Melville) denken. Auch Zikade ist verzweifelt, fühlte sich fremd inmitten der anderen Büromenschen, ausgeschlossen. Die erbarmungslose Gefühlskälte der Bürowelt wird durch das dominante Grau der Bilder betont. Steingraue Mauern allerorten, bis sich die feurige Zikade von ihrer grauen Hülle löst und losfliegt, zusammen mit unzähligen anderen Zikaden, in den grün-orangen, paradiesischen Wald. Shaun Tan hat sich übrigens für diese Bilder eine Skulptur mit beweglichen Gliedern gebaut, die er dann bewegte und fotografierte. Erst danach begann er mit dem Malen, wie der Guardian hier berichtet.

Dieses Bilderbuch liest sich wie ein Gedicht, und am Ende des Buches wird auch ein Gedicht von Matsuo Bashō zitiert: „Stille… / das Sirren der Zikaden sickert ein / in den Fels“. Im Buch wird der umgekehrte Prozess beschrieben: Die Zikade löst sich aus der felsgrauen Stille des Bürokomplexes und fliegt surrend zurück in den Wald. Ein faszinierendes, beeindruckendes und bewegendes Werk!

Shaun Tan wurde 1974 im australischen Fremantle geboren. Seine Familie stammt aus Malaysia. Er ist Illustrator und Schriftsteller, arbeitete unter anderem mit an den Trickfilmen Horton hört ein Hu! und WALL E – Der Letzte räumt die Erde auf (beide 2008). 2009 erhielt er für seine Graphic Novel Ein neues Land den Deutschen Jugendliteraturpreis, 2010 für seinen Kurzfilm Die Fundsache den Oscar, 2011 zeichnete man ihn mit dem Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis aus. Die Liste seiner Auszeichnungen scheint endlos.

Ich danke dem Aladin Verlag und Henrike Blum sehr herzlich für das Rezensionsexemplar!

Shaun Tan: Zikade. Stuttgart: Aladin im Thienemann-Esslinger Verlag, 2019. Übersetzt von Eike Schönfeld.

Michael Ende: Die Unendliche Geschichte

Leselevel: ♦♦♦♦♦
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: ab 12 Jahren

416 Seiten, € 35 (Schmuckausgabe von Sebastian Meschenmoser illustriert)
480 Seiten, € 20 (normale gebundene Ausgabe mit Cover von Eva Schöffmann-Davidov)

Themen: Fantasie, Freundschaft, Abenteuer, Mut, der eigene Wille, Buchwelt, Rettung, Mobbing, dick sein, Fantasy-Epos, High Fantasy

Die Unendliche Geschichte von Michael Ende ist ein Kultbuch aus dem Jahr 1979. Titelheld Bastian Balthasar Bux befindet sich in der Krise: die Mutter des dicken Jungen ist verstorben, sein Vater depressiv, die Schulkollegen mobben ihn. Als er auf das Buch Die Unendliche Geschichte stößt, packt er es bzw. es ihn, und er versinkt im vom Untergang bedrohten Reich Phantásien. Es gelingt Bastian, die Welt der Kindlichen Kaiserin zu retten. Doch langsam schwindet die Erinnerung an sein echtes Leben, und nur mithilfe seiner Freunde Atréju und Fuchur kann er seinen wahren Willen erkennen und zu seinem Vater zurückzukehren.  

Der Autor hat in diesem Roman seiner Fantasie freien Lauf gelassen, und beim Lesen kann man über seine Einfälle, z.B. das Änderhaus, nur staunen: „Manchmal macht das Änderhaus auch einfach bloß Spaß mit einem, dann sind auf einmal alle Zimmer umgekehrt, der Boden oben und die Decke unten oder dergleichen. Aber das ist reiner Übermut und es wird auch gleich wieder vernünftig, wenn ich ihm ins Gewissen rede“ (432).

Michael Ende ermutigt die LeserInnen, sich ihrer Fantasie hinzugeben und dann bestärkt in die wirkliche Welt zurückzukehren: „Es gibt Menschen, die können nie nach Phantásien kommen, und es gibt Menschen, die können es, aber sie bleiben für immer dort. Und dann gibt es noch einige, die gehen nach Phantásien und kehren wieder zurück. So wie du, Bastian. Und sie machen beide Welten gesund.“

Der Autor des vor 40 Jahren erschienenen, in 41 Sprachen übersetzten Bestsellers wäre heuer 90 Jahre alt geworden: Er wurde am 12.11.1929 als Sohn des surrealistischen Malers Edgar Ende geboren. Michael Ende (1929-1995) war einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller. Neben Kinder- und Jugendbüchern verfasste er auch poetische Bilderbuchtexte, Bücher für Erwachsene und Theaterstücke sowie Gedichte.

Zum doppelten Jubiläum hat der Thienemann-Esslinger Verlag eine atemberaubend schöne, von Sebastian Meschenmoser illustrierte, großformatige Schmuckausgabe herausgebracht. Die Ölbilder und Zeichnungen sind der faszinierenden Geschichte absolut ebenbürtig und werden Kinder wie Erwachsene zum Lesen des umfangreichen Buches anspornen. Auch die „normale“ Ausgabe ist wunderschön gestaltet (großartiger Buchumschlag mit Goldprägung von Eva Schöffmann-Davidov) und zum Lesen im Bett aufgrund des kleineren Formats besser geeignet. In beiden Ausgaben ist der Text, wie in der Erstausgabe, rot und grün gesetzt. Das hilft dabei, die reale und die fantastische Welt auseinanderzuhalten.

Der Roman sei „ein Kinderbuch, auch für Erwachsene. Ein Erwachsenen-Buch, auch für Kinder“, schreibt die Berliner Morgenpost (zitiert auf dem Buchumschlag): Genau so ist es! Und was alle begeistert und sich über 9 Millionen Mal verkauft, das wird natürlich auch verfilmt, und zwar von Wolfgang Petersen im Jahr 1984 (Michael Ende war gar nicht begeistert davon). Das Buch Die Unendliche Geschichte erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise, darunter den „Europäischen Jugendbuchpreis“ und den „Buxtehuder Bullen“. Ich empfehle es allen ab 12 Jahren!

Dankeschön an den Thienemann-Esslinger Verlag und Henrike Blum für das Rezensionsexemplar!

Michael Ende. Die Unendliche Geschichte. Stuttgart: Thienemann-Esslinger Verlag, 2019.