Interview mit Agnese Baruzzi, BCBF 2019

Agnese Baruzzi und Brigitte Wallinger beim Interview in Bologna im April 2019 BCBF Kinderbuchmesse in Bologna Bologna Book Fair Brigitte Wallingers Kinderbuchblog Jugendbuchblog Feuer und Flamme

Auf der diesjährigen Kinderbuchmesse in Bologna habe ich am 2.4.19 die renommierte Kinderbuchillustratorin Agnese Baruzzi getroffen. Mit ehrlichen Worten gewährt sie in diesem Interview einen tiefen Einblick ins Leben einer Illustratorin, in die Zusammenarbeit zwischen Verlag und Künstlerin, in ihr künstlerisches Schaffen und die finanzielle Komponente.

Als Tochter eines Schriftsetzers und einer Bibliothekarin ist die 1980 geborene Agnese Baruzzi seit ihrer Kindheit von Büchern umgeben. Seit 2001 arbeitet sie nun schon als Illustratorin und Kinderbuchautorin, und zwar höchst erfolgreich. Ihre über 100 Bilderbücher werden in vielen Ländern publiziert. Sie lebt nahe Bologna in einem kleinen Häuschen am Land, gut bewacht von ihren Hunden Zorba und Orso.

BW: Wie entstehen Deine Bücher? Beginnt alles mit einer Idee von Dir oder kommen die Impulse vonseiten des Verlags?

AB: Jedes Buch hat seine eigene Entstehungsgeschichte. Manchmal habe ich eine Idee und gehe damit zum Verleger. Dann besprechen wir sie. Diese Gespräche sind sehr wertvoll und nützlich, zum Bespiel mit Michael Neugebauer von Minedition. Zusammen können wir ein Projekt enorm verbessern. Wenn es schnell gehen muss und ich nur Dateien an den Verlag schicke, ohne eine ordentliche Besprechung mit dem Verleger, dann fehlt dem Projekt etwas. Sich auszutauschen ist ein wichtiger Teil der Zusammenarbeit. Üblicherweise fühle ich mich besonders jenen Buchprojekten verbunden, die aus einer meiner eigenen Ideen enstanden sind. Aber es kommt natürlich auch vor, dass mich ein Verlag bittet, ein Buch zu einem bestimmten Thema zu machen und sie das Format aussuchen, etc. Natürlich ist das auch okay, aber für diese Bücher brennt mein Herz ein klein bisschen weniger.

BW: Hier auf der Kinderbuchmesse in Bologna sieht man viele IllustratorInnen, die sich an Verlagsständen anstellen, um ihre Portfolios herzuzeigen und Aufträge an Land zu ziehen. Musst Du das auch noch machen?

AB: Nein. Ich vereinbare schon vor der Messe Termine mit den Verlagen, für die ich arbeite. Ich arbeite sehr gerne für meine Verlage und hoffe, dass sie auch gerne mit mir zusammenarbeiten. An die Zeit, als ich mich noch anstellen musste, kann ich mich aber noch gut erinnern. Ich wünsche den KollegInnen alles Gute, allerdings ist es sicher schwer für die Verlage, in so kurzer Zeit so viele Illustrationen zu beurteilen. Vielleicht ist dies doch nicht die beste Möglichkeit, sich und seine Bilder vorzustellen.

BW: Hast Du immer einen Notizblock dabei, allzeit bereit, neue Ideen festzuhalten?

AB: Ja. Allerdings nicht immer einen Notizblock, manchmal auch nur irgendwelche Zettel oder Ähnliches. Aber um die Wahrheit zu sagen: Ich arbeite sehr strukturiert. Meistens arbeite ich von 8 oder 9 Uhr bis Mittag und dann wieder am Nachmittag. Nachts arbeite ich so gut wie nie. Irgendwie nicht besonders spannend: Hört sich mehr nach Angestellter an als nach Künstlerin (lacht). Aber in der Phase der Ideenfindung geht es natürlich spontan zu. Da kann es schon vorkommen, dass ich auf dem Rad sitze oder schwimme oder an der Supermarktkasse stehe, wenn mir etwas einfällt.

BW: Arbeitest Du auf Papier oder benützten IllustratorInnen heutzutage nur den Computer?

AB: Beim Ideenfinden mache ich mir immer Muster aus Papier. In dieser Arbeitsphase muss man Papier in Händen halten um zu sehen, was verbessert werden kann.

BW: Deine Illustrationen und Bücher haben immer etwas Überraschendes und Unerwartetes. Sie binden die jungen LeserInnen ein und erlauben ihnen, aktiv zu sein. Ist das Deiner Persönlichkeit geschuldet oder machst Du das vorsätzlich, vielleicht aus pädagogischen Motiven?

AB: Das sprudelt einfach so aus mir heraus. Es macht mir Spaß, Veränderungen und Transformationsprozesse zu beobachten. Und ich liebe es, das zu tun, was mir selber Spaß macht.

BW: Was inspiriert Dich? Die Natur? Oder beobachtest Du Kinder?

AB: Für mich sind die Illustrationen anderer KünstlerInnen sehr wichtig. Meiner Meinung nach erschafft niemand etwas, das es zuvor noch nicht gegeben hat. Es ist ganz normal, sich von den Werken anderer, von Büchern, von der Natur, von Filmen und von Kunst inspirieren zu lassen. Es gibt viele Inspirationsquellen, aber für mich ist der Vergleich mit den Werken anderer KünstlerInnen wesentlich. Und es ist mir auch sehr wichtig zu beobachten, was die Kinder mit meinen Büchern machen. In einem meiner Kinderkurse hat sich ein kleines Mädchen eine schlaue Verwandlung von einem Drachen in einen Fuchs einfallen lassen. Ich habe sie gefragt, ob ich ihre Idee in mein neues Buch einbauen dürfe – und ich durfte. (Anmerkung: Die Rede ist von Agnese Baruzzis neustem Verwandlungsbilderbuch Hoppla, was kann das sein?, das am 23. April im Verlag minedition erscheint. Die erwähnte Drache-Fuchs-Kombi hat es letztendlich nicht ins Buch geschafft – es gab noch besser: Regenschirm zu Walfischflosse beispielsweise.)

BW: Hast Du einen Lieblingsillustrator oder ein Lieblingskinderbuch?

AB: Maurice Sendak. Sein Buch Wo die Wilden Kerle wohnen liebe ich ganz besonders. Und als Kind mochte ich Roald Dahl sehr.

BW: Du lebst in Imola, in der Nähe von Bologna. Ist diese Messe ein Heimspiel für Dich?

AB: Ja, absolut. Früher habe ich sogar in Bologna gewohnt – jetzt lebe ich auf dem Land. Ich bin damals mit dem Rad zur Buchmesse gefahren, während die anderen MessebesucherInnen mit dem Flugzeug aus allen Teilen der Welt angereist sind.

BW: Wie viele Bücher hast Du schon veröffentlicht?

AB: Ich zähle sie nicht, aber über hundert werden es schon sein.  

BW: Deine Scherenschnitt-Bücher sind faszinierend, zum Beispiel The Beauty and the Beast (erschienen 2016 im Verlag Sterling Publishing). Machst Du solche Bücher besonders gerne?

AB: Ja, sehr gerne. Das kommt daher, dass mein Vater, der eine Druckerei hat, eine Laserschneidanlage gekauft hat. In diese Maschine habe ich mich Hals über Kopf verliebt. Ich habe damit unglaublich viel Zeit verbracht, habe mir Bücher mit dieser Technik ausgedacht. Aber leider ist es sehr teuer, solche Bücher fertigen zu lassen. Aus wirtschaftlicher Sicht waren diese Bücher kein großer Erfolg, fürchte ich. Sie kosten einfach zu viel. Aber ich bastle noch immer an neuen Projekten mit weniger ausgeklügelten Schnitten, damit die Bücher dann weniger kosten und wirtschaftlich erfolgreicher sind.

BW: Du bist eine bekannte Illustratorin und arbeitest für Verlage in Deutschland, Italien, England, Japan, Portugal, Südkorea und den USA. Arbeitest Du mit den ÜbersetzerInnen Deiner Bücher zusammen?

AB: Nein. Einmal habe ich sogar ein Buch für ein englisches Verlagshaus gemacht, das ins Italienische übersetzt wurde, aber nicht von mir. Natürlich war der Text sehr einfach, aber es wäre doch naheliegend gewesen, dass ich dieses Buch übersetze. Ich hätte die Worte gerne selbst ausgewählt. Ich bin überzeugt davon, dass das Übersetzen sehr wichtig ist. Leider beherrsche ich keine Fremdsprache gut genug, um selbst zu übersetzen, aber mir ist die Bedeutsamkeit des Übersetzens bewusst.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei Agnese Baruzzi, die sich auf der geschäftigen Messe in Bologna die Zeit genommen hat, mit mir zu sprechen. Dem Verlag minedition (Michael Neugebauer Edition) danke ich sehr herzlich fürs Einfädeln dieses Interviews und für die Gastfreundschaft auf dem Minedition-Stand! Besonders Gudrun Albertsmeier gebührt ein großes Dankeschön!

Auf meinem Blog finden sich Rezensionen zu folgenden, sehr empfehlenswerten Bilderbüchern von Agnese Baruzzi:

Spiel mit mir!

Große Überraschungen

2 Gedanken zu „Interview mit Agnese Baruzzi, BCBF 2019“

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