Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und die Tieferschatten

Andreas Steinhöfel Rico Oskar und die Tieferschatten Buchempfehlung Kinderbuchblog Brigitte Wallinger Feuer und Flamme für junge Literatur Buchtipp geniales Kinderbuch
Zielgruppe: Kinder von 9 bis 13 Jahren
Leselevel: 4 von 5 Schwierigkeitsstufen
Wissenssteigerung: 3 von 5 Wissensstufen
Humor: 5 von 5 Punkten
Spannung: 5 von 5 Punkten
Gefühl: 5 von 5 Punkten
Elternvergnügen: 5 von 5 Punkten

224 Seiten, TB um € 6,99

Themen: Freundschaft, Krimi, Tief- und Hochbegabung

Ein witziges, spannendes und exzellent geschriebenes Buch über das Dreamteam Rico und Oskar, der eine tiefbegabt, der andere hochbegabt. Sie leben in Berlin, freunden sich an und lösen einen Kriminalfall (ein Kindesentführer treibt sein Unwesen). Alles beginnt damit, dass der Erzähler, der leicht beeinträchtigte Rico, eine in Sauce getunkte Rigatoni auf dem Gehsteig findet. Überraschenderweise beschäftigt es ihn, wer wohl so etwas aus dem Fenster wirft, und er macht sich auf die Suche nach dem Fundnudelursprung. Dabei lernen die Leser nicht nur Ricos Nachbarschaft, das einfühlsam beschriebene Biotop rund um die Dieffenbachstraße in Kreuzberg, kennen, sondern Rico trifft bei seinen Recherchen auch auf den schlauen Oskar, der stets einen Vollvisierhelm trägt (schließlich ist Vorsicht die Mutter der Porzellankiste). Ihr erster gemeinsamer Ausflug soll aufs Dachgeschoss von Ricos Wohnblock führen, aber sie sind im Stiegenhaus zu laut, was den miesepetrigen Nachbarn Herrn Fitzke auf den Plan ruft:

Im nächsten Moment krachte es, eine Tür flog auf und eine Welle üblen Geruchs schlug uns entgegen. Fitzke stand in seinem verlotterten gestreiften Schalfanzug vor uns wie der Racheengel aller Altkleidersammler. Seit ich ihn am Samstag zuletzt gesehen hatte, hatte er sich immer noch nicht rasiert und anscheinend auch nicht gekämmt, und da hatte er schon ausgesehen wie ein Wischmopp, der in einer Steckdose steckt.
„Geht’s noch lauter, ja?“, polterte er los. „Ich hab’s am Herzen! Was soll denn dieser Lärm im –“ Er unterbrach sich und starrte überrascht Oskar an, der mindestens drei Meter kleiner war als er. Oskar klappte blitzschnell sein Visier runter und starrte zurück.
„Was bist denn du für’n komischer Vogel? Hat der Schwachkopf sich Verstärkung aus der Klapsmühle geholt, oder was?“
Keine Antwort.
„Kannste nicht sprechen?“ Fitzke klopfte mit einem Finger dreimal fest auf den Helm. „Hallo? Ich hab dich was gefragt!“
„Sie müffeln!“, dröhnte Oskar plötzlich durch das Visier. „In den Entwicklungsländern ist mangelnde Hygiene eine der häufigsten Todesursachen! Sie sollten dankbar sein, dass es bei uns fließendes warmes Wasser und Seife gibt. Und Sie sollten davon Gebrauch machen.“ (Seite 75-76)

Besonders charmant an diesem Buch finde ich Steinhöfels Wortschöpfungen (man speist zum Beispiel abends keine belegten Brötchen sondern „Müffelchen“), die überraschenden Vergleiche von Rico („Eine Depression ist, wenn alle deine Gefühle in einem Rollstuhl sitzen. Sie haben keine Arme mehr und es ist auch gerade niemand zum Schieben da. Womöglich sind auch die Reifen platt. Macht sehr müde.“ Seite 163) und die großteils nicht vorhersehbare Handlung sowie das sehr spannende Ende, das den jüngeren LerserInnen schon einen Schauer über den Rücken jagen wird. Es wundert mich überhaupt nicht, dass dieses wunderbare Buch 2014 verfilmt wurde und 2009 den Deutschen Jugendbuchpreis und den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis erhalten hat.

Übrigens hat Andreas Steinhöfel bei einer Lesung in Wolfenbüttel (siehe auch hier) im Juni 2018 erzählt, welche kulturell bedingten Veränderungen in den Übersetzungen seiner Rico, Oskar und…-Bücher vorkommen: Aus der koreanischen Übersetzung wurde z. Bsp. das homosexuelle Paar entfernt, in den USA strich man die Begutachtung der „Hängebusen“ von Ricos Mutter, in Saudi-Arabien bestand man darauf, dass den zwei nacktbadenden Jungs am Cover von Band 3 ein Höschen verpasst werde, und der englische Verlag wollte partout, dass die Handlung nach London verlegt werde (dem gab Steinhöfel nicht nach, daraufhin verweigerte der Verlag die Publikation der englischen Ausgabe, was auch eine US-Verfilmung verhinderte).

Der sympathische Autor hat unter anderem den Erich-Kästner-Preis für Literatur, den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk und den James-Krüss-Preis erhalten. Als erster Kinder-und Jugendbuchautor ist er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Steinhöfel hatte die Geschichte ursprünglich als Trilogie geplant, allerdings schrieb er dann noch einen vierten Band, in dem das Duo um zusätzliche Kinder erweitert wird. Ein fünfter Band ist laut Wikipedia in Planung und soll die Bandengeschichte abschließen. Der erste Band, Rico, Oskar und die Tieferschatten, wurde auch fürs Theater adaptiert, es gibt ein Hörbuch, ein Musical, Unterrichtsmaterialien und vieles mehr. Dieses Buch ist auf allen Ebenen ein voller Erfolg!

Andreas Steinhöfel. Rico, Oskar und die Tieferschatten. Hamburg: Carlsen Verlag, 2008.

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