Kate de Goldi: Die Anarchie der Buchstaben

Kate de Goldi Die Anarchie der Buchstaben Brigitte Wallinger Kinderbuchblog Jugendbuchblog Buchtipp Buchempfehlung Kinder Jugendliche geniales Buch Lesetipp

Leselevel: ♦♦♦◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦◊◊
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung:♦♦♦◊◊
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen:♦♦♦♦♦
Zielgruppe: ab 10 Jahren
151 Seiten, Kindle-Edition um € 9,99
Themen: Familie, Demenz, Tod, Freunschaft, Zuneigung, das ABC, positive Anarchie

Perrys Leben wird von ihren berufstätigen Eltern streng getaktet: vormittags Schule, nachmittags Malklasse, Klavierstunden, Klarinettengruppe, Musik- und Bewegungskurs und Förderunterricht. Samstags besuchen die Neunjährige und ihr Vater dessen demente Mutter Honora Lee im Altersheim – für ganze 40 Minuten. Sonntags geht die Familie zum Brunch ins „The Café“: Familienzeit. Doch plötzlich zerrt sich Brita von „Musik und Bewegung“ den Rücken, und der Kurs wird abgesagt. Was tun? Wohin soll das Kind nun am Donnerstagnachmittag geschickt werden? Perry schlägt vor, Oma Honora zu besuchen, und mangels Alternativen erlauben es ihr die Eltern widerwillig. Das Kind entwickelt eine wunderbare Liebe zur Oma, obwohl die alte Dame oft nicht einmal weiß, wer dieses Mädchen überhaupt ist und warum es einen Jungennamen trägt. Aber Perry verschreckt das schrullige Verhalten der Großmutter (und der anderen HeimbewohnerInnen) nicht. Ganz im Gegenteil: sie liebt die Zeit im Altersheim und beschließt, ein Abc-Buch darüber zu schreiben. Nur dass alphabetisches Vorgehen für senile Senioren schwierig ist und am Ende eher ein Acb- bzw. Bca-Buch dabei herauskommt. Aber diese Anarchie der Buchstaben (und die der Altenheimleute) ist für das eingeteilten Kind wie Balsam auf Wüstenhaut.

Alle, die schon einmal in einem Altenheim waren, können bestätigen, wie komisch manche Erlebnisse mit AltersheimbewohnerInnen sind. Und auch wie traurig. Und oft beides zusammen. Der neuseeländischen Kinder- und Jugendbuchautorin Kate de Goldi gelingt es, solche Momente wunderbar einzufangen. Sie erzählt einfühlsam, witzig und schlau. Gregory O’Briens fabelhafte Illustrationen runden dieses feine Meisterwerk ab. Und Ingo Herzke hat das englische Original gekonnt ins Deutsche übersetzt.
Hier eine bittersüße Szene aus dem Buch, die einen guten Eindruck vom Charakter des Textes gibt:

„Oma hat vergessen, wie man Ich sehe was, was du nicht siehst spielt“, verriet Perry Audrey [einer Pflegerin].
„Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist frech“, sagte Oma. Sie beugte sich zu Doris und flüsterte ihr ins Ohr: „Ich gewinne.“
„Viel Spaß!“, sagte Audrey. Sie ging auf die andere Seite des Gemeinschaftsraums, um Jeffrey zu helfen, der manchmal auf seinem Stuhl zur Seite sackte und dann mit alter, dünner Stimme „Schwester? Schwester?“ rief.
Oma stand auf. Krümel fielen ihr von der Brust. Doris stand ebenfalls auf. Sie reichte Oma bis zur Schulter. Sie hatte einen Marmeladenklecks auf dem Kinn, wie ein glänzender Schorf.
„Jeden Moment kommen die Schüler“, sagte Oma. „Die Zeit wartet nicht.“
„Die Zeit wartet nicht“, wiederholte Doris.
Auch Perry stand auf. Sie könnte ebenso gut mitgehen, dachte sie sich. (Seite 39).

Eine der genialen Nebenhandlungen des Buches dreht sich um den Tod, und zwar konkret um tote Hummeln, die Perry findet, aufhebt und schlussendlich begräbt. Der Nebenstrang mit dem zweijährigen Sohn von Perrys Kinderfrau, der sich im Prinzip wie die AltersheimbewohnerInnen verhält, zeigt auf wunderbare Weise, dass sich der Kreis schließt und alte Leute wieder wie Kinder werden. Und das Ende der Geschichte, ist es vorhersehbar?? Wer erwartet schließlich nicht, dass eine Oma-Enkelin-Geschichte, die im Altersheim spielt, traurig ausgeht? Ob das bei diesem Buch auch so ist, findet Ihr am besten selbst heraus ;-). Die Lektüre lohnt sich für alle ab 10!

Kate de Goldi. Die Anarchie der Buchstaben. Übersetzt von Ingo Herzke. Mit Bildern von Gregory O’Brien. Hamburg: Königskinderverlag (Carlsen), 2012.

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