Giuliano Ferri: Die wilden Fußballzwerge

Leselevel: ♦◊◊◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦◊◊
Humor: ♦♦♦◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: Mädchen und Jungs von 0 bis 4 Jahren

14 Seiten, robustes Pappbilderbuch um € 8

Themen: Fußball, Teamgeist, Sieg, klein sein, David gegen Goliath

*GEWINNSPIEL * VERLOSUNG*

In Bologna habe ich im April 2019 den Illustrator Giuliano Ferri kennengelernt. Sein neuestes Buch, Die wilden Fußballzwerge, ist wirklich witzig und ein tolles Pappbilderbuch für die Kleinsten.

Im Zentrum ein Team von Kleinen: Igel, Hase, Katze, Bärchen und Hund matchen sich mit den riesigen Gegnern (Krokodil, Löwe, Wolf, Dinosaurier und Gorilla). Durch die flinke, technisch versierte Spielweise der niedlichen Mannschaft kann sie gewinnen: Klein aber oho!

Die fußballspielenden Tiere sind geschlechtsneutral, die grün-rot-blaue Farbgebung des Buches ebenso. Hier können sich Mädchen und Jungs gleichermaßen identifizieren.

Gemeinsam sind die kleinen Tiere ein starkes Team, das den Ball mit viel Freude und toller Technik ins Tor der Gegner kickt. Im Buchinneren befindet sich ein Loch, durch das die Ball- und Teambewegungen eine geniale Dynamik erfahren. Echt cool gemacht! Das ist mit Abstand das beste Fußballbilderbuch, das ich kenne. Der Verlag minedition (Michael Neugebauer Edition) war so freundlich, mir ein Verlosungsexemplar zur Verfügung zu stellen. So könnt Ihr gewinnen:

Einfach hier auf meinem Blog einen Kommentar hinterlassen und verraten, wer Eure Lieblingsfußballerin oder Euer Lieblingsfußballer ist. Am Mittwoch, den 19. Juni verlose ich um 21 Uhr das Exemplar unter allen volljährigen, in Deutschland oder Österreich lebenden TeilnehmerInnen. Viel Glück!

Giuliano Ferri: Die wilden Fußballzwerge. Bargteheide: Michael Neugebauer Edition, 2019.

William Shakespeare und Lisbeth Zwerger: Romeo & Julia

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦◊◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: meiner Einschätzung nach ab 8 Jahren, auch für erwachsene Verliebte und Shakespeare-Fans sehr zu empfehlen. Das vom Hersteller empfohlene Alter liegt bei 12 – 15 Jahren. Ich traue jüngeren LeserInnen die gehobene Sprache allerdings schon zu, insbesondere da durchwegs geläufige Wörter verwendet werden
48 Seiten, gebundene Ausgabe um € 19,95

Themen: Liebe, Feindschaft, Verona, Shakespeare-Drama für Kinder, Liebespaar

Romeo und Julia las ich zum ersten Mal als 17-Jährige (Shakespeares beliebtestes Drama war natürlich Schullektüre). Gott sei Dank hatte unsere Englischlehrerin Gnade mit uns und schaffte für uns Teenies eine zweisprachige Schulausgabe der Cambridge University Press mit Verständnishilfen an. Ich stand schon nach den ersten Seiten in Flammen und fand das Drama genial. Umso mehr freut es mich, dass Lisbeth Zwerger sich Shakespeares Romeo und Julia „vorgeknöpft“ hat und die herausfordernde Geschichte für Kinder nacherzählt und illustriert hat. Herausgekommen ist ein rundum gelungenes Meisterwerk, das ich Euch sehr ans Herz legen möchte.

Die Geschichte vom berühmtesten Liebespaar der Weltliteratur ist vielen Erwachsenen geläufig, wenn nicht von Shakespeares Theaterstück, dann zumindest von Leonard Bernsteins West Side Story oder Baz Luhrmanns cooler Verfilmung aus dem Jahr 1996. Lisbeth Zwerger macht diese Liebesgeschichte Kindern zugänglich, in einfachen Sätzen und doch in stimmig-gehobener Sprache. Ihre wunderschönen, feinen Illustrationen veranschaulichen zum einen die Handlung und Gefühlswelt der Figuren, zum anderen sind sie zauberhafte Kunstwerke, die diese Ausgabe von Romeo und Julia anderen überlegen machen. Als Sahnehäubchen hat Zwerger noch Shakespeares Originalstimme eingebaut und die berühmtesten Zitate bzw. wichtigsten Zeilen des Theaterstücks in den Text eingefügt. Was will man mehr?

Tja… also eigentlich will man noch, dass die Geschichte gut ausgeht und Romeo und Julia bis an ihr Lebensende glücklich zusammenleben. Ob Lisbeth Zwerger das möglich macht???

Wenn Ihr Eure Kinder an Shakespeares geniales Werk heranführen wollt bzw. den Kids die Romeo und Julia-Story vorstellen wollt, kann ich Euch dieses Buch nur empfehlen. Hier könnt Ihr mein Interview mit der großartigen Lisbeth Zwerger nachlesen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Michael Neugebauer (Minedition), von dem ich ein signiertes Rezensionsexemplar erhalten habe.

William Shakespeare. Romeo & Julia. Nacherzählt und illustriert von Lisbeth Zwerger. Bargteheide: Michael Neugebauer Edition (Minedition), 2016.

Interview mit Lisbeth Zwerger, BCBF 2019

Bild: Detail aus Lisbeth Zwergers Romeo und Julia (2016)

Die Wienerin Lisbeth Zwerger zählt zu den bekanntesten IllustratorInnen. Die grandiose Künstlerin erhielt schon zahlreiche Auszeichnungen, darunter vier (!!) Bologna Ragazzi Awards, zwei (!!) Hans Christian Andersen Preise und das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich. Sie hat zwei Tage und ein paar Jährchen vor mir Geburtstag und begeisterte mich auf der Kinderbuchmesse in Bologna, wo ich sie am 3. April 2019 am Stand des Michael Neugebauer Verlags interviewen durfte, mit ihrer direkten und ehrlichen Art. Hat sie wirklich gesagt, ihr falle nichts mehr ein? Warum juckt sie es eigentlich nicht, sich eine eigene Geschichte auszudenken? Die Antworten zu diesen und anderen spannenden Fragen findet Ihr hier:

BW: Diese langen IllustratorInnenschlangen an den Verlagsständen der Kinderbuchmesse in Bologna stechen einem ins Auge. Was sagen Sie dazu?

LZ: Ich musste es nie tun. Ich bin sozusagen froh, dass ich schon in einem höheren Alter bin: Ich hatte noch das Glück, eine Art Karriere zu machen. Es ist jetzt sicher schwieriger für die jungen Leute.

BW: Sie sind hochdekorierte Illustratorin und wurden unter anderem mehrmals von der New York Times ausgezeichnet, sind Trägerin von vier Bologna Ragazzi Awards, zwei Hans Christian Andersen Preisen, dem Goldenen Verdienstzeichen der Republik Österreich und vielem mehr. Hat es am Karriereanfang genauso viele Absagen gegeben?

LZ: Um ganz ehrlich zu sein, ich habe eigentlich keine Ablehnung in Erinnerung. Ich bin in die richtigen Hände gekommen, nämlich zu Neugebauer Press, zum Vater des jetzige Verlegers Michael Neugebauer.

BW: Wie läuft so eine Publikation als etablierte Illustratorin ab? Denken Sie sich nun einfach Sachen aus und geben beim Verlag Bescheid?

LZ: Früher war das so. Früher habe ich mir Sachen ausgedacht und konnte die dann illustrieren. Aber jetzt fällt mir nichts mehr ein. Ich habe schon so viele Märchen illustriert, was soll ich noch machen? Jetzt bin ich auf die Anregung der Verleger angewiesen. Und das ist dann eine schönere Herausforderung, als hätte ich die Idee schon lange mit mir herumgetragen.

BW: Sie sind ja bekannt für Ihre Märchenbücher. Juckt es Sie manchmal, ein eigenes Bilderbuch mit einer eigenen Geschichte zu machen?

LZ: Nein, weil ich nicht zu den Leuten gehöre, die gerne etwas erzählen. Ich wüsste nicht, was ich mir einfallen lassen sollte. Es fällt mir nichts ein und es würde mich, glaube ich, langweilen, meine eigenen Geschichten zu illustrieren.

BW: Ist es für Sie ein Druck, sich in eine Tradition einzureihen und einen Stoff zu bearbeiten, den auch schon andere KünstlerInnen illustriert haben?

LZ: Früher, vor vielen Jahren habe ich mich nicht getraut anderer Leute Illustrationen anzuschauen, weil ich mir gedacht habe, das würde mich ablenken oder zu stark beeinflussen. Aber jetzt schaue ich sie mir gerne an, weil diese Gefahr nicht mehr besteht.

BW: Was ist Ihr Lieblingskinderbuch?

LZ: Sofort fallen mir Die Mumins ein.

BW: Welches Ihrer eigenen Bücher ist Ihr Liebling? Oder ist Ihnen immer Ihr jüngstes Projekt am liebsten?

LZ: Ja, ich bin immer in die Neuesten verliebt, aber es gibt schon Lieblinge, zum Beispiel Der Nussknacker.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei Lisbeth Zwerger für das Interview! Leider habe ich in der Aufregung vergessen, um ein gemeinsames Foto zu bitten. Da ein Bild mehr sagt als tausend Worte, stelle ich ein Foto von einer ihrer Illustrationen ein. Darauf zu sehen sind vier Zeichnungen von zwei Rosen, die die Handlung von Shakespeares Romeo und Julia grandios zusammenfassen und sozusagen den graphischen Prolog zu ihrem Buch Romeo und Julia (2016) bilden. Hier stelle ich dieses unfassbar schöne Buch vor.

Ein großes Dankeschön an Michael Neugebauer und sein Team für die Interview-Herberge am Minedition-Stand in Bologna und an Gudrun Albertsmeier für ihre beherzte Intervieworganisation!

Clive Gifford und Paul Boston: Das große Buch der Vergleiche

Leselevel: ♦♦♦◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 6 Jahren

96 Seiten; gebundene Ausgabe um € 16,95

Themen: Natur, Naturwissenschaften, Vergleiche, Sachbuch

Als ich gerade meinen Blog gestartet hatte, hat mich eine Followerin angeschrieben und mich gefragt, ob ich nicht ein Natursachbuch kennen würde, das Kindern naturbezogene Zahlen und Fakten durch Vergleiche veranschaulicht. In etwa so: „Wenn man die ganze Weltbevölkerung gleichmäßig auf die Erde verteilt, dann leben 129 Personen auf 2,5 Quadratkilometern, das ist so groß wie ein Fußballfeld.“ Oder: „Ein Giraffenbulle wird in etwa 5,5m groß, das ist so hoch wie drei durchschnittlich große Männer übereinander.“

Ich habe damals sofort eine große Recherche gestartet, wollte meine erste Anfrage als Kinder- und Jugendbuchexpertin natürlich gut meistern. Leider fand ich nur englischsprachige Sachbücher dieser Art. Typisch: Im anglo-amerikanischen Sprachraum versteht man es, selbst Fakten in eine spannende Story zu verpacken.

Aber nun, taadaaaa: Diese tolle Neuerscheinung im Moses Verlag, dem meine Kinder und ich übrigens sehr herzlich für das Rezensionsexemplar danken. Clive Gifford (Text) und Paul Boston (Illustrationen) haben genau so ein Traumbuch verfasst, das den Kindern naturwissenschaftliche Fakten durch lustige Vergleiche vorstellbar und zugänglich macht. Na gut, die zwei kommen aus Großbritannien, aber durch die feine Übersetzung von Stefanie Kuballa-Cottone gibt es dieses schlaue Buch nun auf Deutsch. Hurra!

Das große Buch der Vergleiche: Groß wie ein Wolkenkratzer, klein wie eine Maus überrascht mit witzigen Vergleichen: Die Zunge des Blauwals ist so groß, dass 2 Fußballmannschaften darauf passen. Ein Nashornkäfer kann das 100-fache seines Körpergewichts stemmen, das ist, als würde ein Mann 1 Afrikanischen Elefanten + 1 Breitmaulnashorn stemmen. Unsere Mundspeicheldrüsen produzieren pro Jahr so viel Speichel, dass man damit 3,5 Badewannen füllen könnte (ja, das ist eklig, aber wahr!). Und all diese Zahlen werden nicht nur beschrieben, sondern auch noch bildlich dargestellt. Perfekto!

Wie sollen sich Kinder die Größe oder das Gewicht von etwas vorstellen, das sie noch nie gesehene haben, noch dazu, wenn sie eigentlich nicht wissen, wie schwer 1 Tonne oder wie hoch 100 Meter sind? Durch Vergleiche mit Dingen, die Kinder kennen, veranschaulicht dieses tolle Sachbuch interessante naturwissenschaftliche Fakten zu den Themen Mensch, Tiere, Pflanzen, Weltall, Naturkatastrophen wie Lawinen und Erdbeben, Energie, Wetter, Wasser (inkl. Ozeane und Tiefsee), Höhe (Tiere, Bäume, Gebäude, Berge), Sphärische Höhe (alle Höhenangaben erfolgen in km sowie der Anzahl übereinandergestapelter Bleistifte), das Erdinnere, Temperatur, Rekorde, Sonnensystem, Weltraum, Schwerkraft, Dinosaurier, Sport, Maschinen, Physik, die Sinne und die Geschichte der Erde. Kurz: Alles, was Kinder an naturwissenschaftlichen Informationen wissen wollen und sollen steckt in diesem Buch, und zwar so erklärt, dass man sich was darunter vorstellen kann und es sich merken kann (Das macht dieses Buch zu einem idealen Geschenk für praktisch jedeN). Und die Illustrationen von Paul Boston sind auch genial, sodass auch die Augen der Kids bestens unterhalten werden. Dieses Buch ist ein perfektes Rundumpaket, ein erstklassiges Sachbuch, das die Kinder bestens unterhält.

Der mehrfach ausgezeichnete Autor Clive Gifford legt übrigens größten Wert darauf, dass seine Bücher die jungen LeserInnen unterhalten, informieren und in Staunen versetzen. Gifford schreibt nicht nur Bestseller, sondern hat auch schon über 70 Länder bereist, als Journalist berühmte WissenschaftlerInnen und SportlerInnen interviewt und Beiträge für die Encyclopedia Britannica verfasst. Mehr zu seiner Person findet Ihr hier. Informationen zum Illustrator Paul Boston gibt’s hier.

Clive Gifford und Paul Boston. Das große Buch der Vergleiche: Groß wie ein Wolkenkratzer, klein wie eine Maus. Kempen: Moses Verlag, 2019. Übersetzt von Stefanie Kuballa-Cottone. Titel der Originalausgabe: The Book of Comparisons: Sizing up the World around You.

Elsa Mroziewicz: Wilde Tierstimmen

Leselevel: ♦◊◊◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦◊◊◊
Humor: ♦♦♦♦♦
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: Jungs und Mädchen von 1 – 3 Jahren
12 Seiten, robuste Ausgabe mit Klappen um € 12

Themen: Tiere, Geräusche, Laute, Rätselspaß, Feinmotorik, Klappen

Elsa Mroziewiczs Wilde Tierstimmen ist ein wunderschönes, farbenfrohes Bilderbuch für 1 – 3-Jährige. Seine dreieckige Form und die bezaubernden Illustrationen sind hinreißend. Zudem enthält es spannende Tierrätsel: Die Kids dürfen auf jeder Doppelseite raten, welches Tier wohl den beschriebenen Laut macht. Dann gilt es die Klappen zu öffnen und nachzusehen, ob sie Recht hatten. Die jungen LeserInnen dürfen die Tierköpfe mit 2 Klappen „auspacken“, und zwar je nach Tier mal nach oben, mal nach unten, und beim Krokodil heißt es sogar Buch drehen. Großartig! Auch für ältere Geschwisterkinder ein großes Vergnügen!

Ich wünsche Euch viel Spaß mit diesem besonderen Bilderbuch und bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Minedition für mein Rezensionsexemplar.

Elsa Mroziewicz ist eine herausragende Bilderbuchkünstlerin, die auch schreibt und Filme macht. Hier erhält man einen guten Eindruck von ihrem bunten, ansprechenden Stil, der stark geprägt ist von der Zirkuswelt, dem Theater, der Musik und ihren Reisen in Länder wie Mexiko, dem Jemen, Indien und Indonesien.

Elsa Mroziewicz. Wilde Tierstimmen. Bargteheide: minedition (Verlag Michael Neugebauer Edition): 2019.

Lauren Oliver: Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

Zielgruppe: Jugendliche ab 14 Jahren
Kategorie: Jugendbuch, junge Literatur, Young Adult Roman
Themen: Teenager-Alltag, Liebe, Schule, Freundschaft, Tod, Familie, Party, Spaß

Leselevel: ♦♦♦♦♦
Wissenssteigerung:♦♦♦◊◊
Humor:♦♦♦♦◊
Spannung:♦♦♦♦♦
Gefühl:♦♦♦♦♦
Elternvergnügen:♦♦♦♦♦
447 Seiten, Taschenbuch, € 8,99

Lauren Olivers Erstlingswerk ist einfach mega und wurde nicht umsonst 2011 für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert. Teenies, die schon mit einer Gehirnhälfte (oder 2) an die Liebe und das Partymachen denken, werden begeistert sein. Aber, liebe Erwachsene, fürchtet Euch nicht! Das Buch führt vor Augen, worauf es im Leben wirklich ankommt!

Die 17-jährige Amerikanerin Samantha Kingston ist wie ihre drei Freundinnen eines der It-Girls ihrer Schule. In Kapitel 1 erlebt sie ihren letzten Lebenstag, einen Valentinstag, als hormongesteuerter Teenie mit großer Klappe. Ich war schockiert, dass so eine Tussi die Heldin dieses Romans sein soll. Allerdings erlebt Sam diesen Valentinstag insgesamt sieben Mal, und sie nützt diese Gelegenheiten, mal ernsthaft über ihr Verhalten, ihre Freundinnen, ihre Familie und ihren festen Freund nachzudenken. Wie in Und täglich grüßt das Murmeltier wird Sam geläutert und schließlich, in Kapitel 7,… Haha, das würd ich Euch doch nie verraten!!

Das Buch nimmt vor allem ab Kapitel 2 Fahrt auf, und man kann es bald nicht mehr weglegen. Nur auf den letzten Seiten sind die Formulierungen ab und an etwas seltsam („wenn Gesang ein Gefühl wäre, wäre es das, dieses Licht, dieses Schweben, wie Lachen“, Seite 445). Aber hey, bis Seite 442 wird man gefesselt von der überzeugenden Beschreibung des komplizierten Teenager-Lebens, den coolen Sprüchen der handelnden Personen („eine verdammte Nudel hat mehr Charakter als Phoebe“, Seite 353) und den witzigen Formulierungen (sie starrt mich an, „als hätte ich gerade verkündet, ich würde die Schule schmeißen, um Schlangenmensch im Zirkus zu werden“, Seite 326). Wie treffend Lauren Oliver das erste echte Verliebtsein beschreibt ist besonders toll.

Eine klare Leseempfehlung für alle Jungen und Junggebliebenen!

Im Harperteen-Interview vom 21.4.2010 erzählt Lauren Oliver, die im wirklichen Leben Laura Schechter Parker heißt, dass sie, seit sie 5 Jahre alt war, jeden Tag schreibe. Ihr Vater, der True-Crime-Autor Harold Schechter, sei ihr diesbezügliches Vorbild. Die Leute bewundern sie dafür, so Oliver weiter, dass sie schon mit 25 Jahren ihr erstes Buch veröffentlicht habe, aber für sie sei es tatsächlich ein langer, zwanzig Jahre dauernder Prozess gewesen. Übrigens bezeichnet sie sich selbst in diesem Interview als Nerd-Teenager, allerdings sei sie auch wild gewesen und auf Partys gegangen. BTW: Die Schwester der Autorin, Elizabeth Schechter, hat am 25.11.12 auf ihrer Facebook-Seite einen Schnappschuss gepostet, der zeigt, wie Barack Obama mit seinen Töchtern Bücher von Lauren Oliver kauft – yay!

Lauren Oliver. Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie. Übersetzt von Katharina Diestelmeier. Hamburg: Carlsen Verlag, 2013.

Hank Green: Ein wirklich erstaunliches Ding

Leselevel: ♦♦♦♦♦
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦◊
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦


Zielgruppe: ab 16 Jahren

444 Seiten, gebundene Ausgabe um € 22


Themen: Berühmtheit, Star, Social Media, Außerirdische, Regierung, Likes, Shitstorm, Nerds, Freundschaft

Wenn John Greens Bruder sein Debut als Romanautor gibt, muss ich dieses Buch natürlich lesen. So wie mir dürfte es vielen Leuten gehen, denn der Roman schaffte es immerhin auf Platz 1 der New York Times Bestsellerliste. Die große Frage lautet natürlich, ob Hanks Pageturner es mit den tiefgründigen Büchern seines Bruders aufnehmen kann.

Mein Antwort: Jein ;-). Das Buch ist großartig, die Geschichte fein konzipiert und unglaublich spannend!! Also extrem toll und unbedingt lesenswert, überhaupt für ein Romandebut! Im Vergleich zu John Greens Büchern, z.B. Das Schicksal ist ein mieser Verräter, fehlt es dem Buch etwas an emotionalem Tiefgang und beeindruckenden Lebenserkenntnissen. Man kann allerdings mit Fug und Recht behaupten, dass beide Brüder Meister des Storytelling sind: Man kann ihre Bücher nicht weglegen, sonder muss(!!) immerfort weiterlesen.

Was passiert nun in Ein wirklich erstaunliches Ding? Die 23-jährige April May und ihre bester Freund Andy drehen eines Nachts in Manhattan ein Video von einer beeindruckenden Roboter-Skulptur, die April May „Carl“ nennt. Sie veröffentlichen das Video auf YouTube und es geht viral. Als sich am nächsten Tag herausstellt, dass nun auf der ganzen Welt solche Carls stehen, wird die junge Frau zur Carl-Expertin. Andy und sie stellen weitere Videos online, betreiben Recherchen. Sie wird zum Star. Doch als sich herausstellt, dass die Carls Außerirdische sind, gerät April May in einen medialen Sog aus Likes und Shitstorm. Denn einige Menschen, die sich „die Defender“ nennen, befürchten, dass die Aliens den Menschen Böses wollen.

Das Hauptaugenmerk des Romans liegt nicht darauf, dass die Carls extraterrestrische Lebewesen sind. Ganz im Gegenteil: Green verfährt ziemlich locker damit, zum Beispiel schlagen sie ihre Feinde nicht zu Brei sondern verwandeln sie in Traubengelee. Vielmehr tritt der Konflikt zwischen den weltoffenen Bürgern und dem fremdenfeindlichen Lager in den Vordergrund.

Der Social Media Hype um April May ist auch ein Kernelement des Romans. April May kreiert eine Kunstfigur, legt sich ein mediales Alter Ego zu, für das sie sogar ihre sexuelle Orientierung leugnet. Sie ist bisexuell, doch damit könnten die Leute nichts anfangen, urteilt ihre PR-Beraterin, sie solle entweder oder sein. Die fehlende Moral im Medien-Business wird auch deutlich, als aufkommt, dass April Mays PR-Agentur … Sorry! Fast hätte ich gespoilert!!

April May, die Ich-Erzählerin des Romans, spricht in jugendlicher Sprache, erzählt die Vorkommnisse witzig, smart und unterhaltsam. Dass uns ihre jugendliche Sprache überzeugt, liegt an der tollen Übersetzung von Katarina Ganslandt. Ihre deutsche Version des Romans ist durch und durch gelungen.

Auch wenn Hank Greens Debut an John Greens wunderschöne Romane nicht ganz heranreicht, ist es ein absolut gelungener Page Turner! Ein spannender Erstlingsroman, der fein einfängt, wie der heutige Social Media-Zirkus tickt.

Seit 2007 betreibt Hank Green zusammen mit seinem Bruder John den YouTube-Kanal „Vlogbrothers“, dem heute 3.180.700 Abonnenten folgen (ja, über 3 Millionen, ich habe mich nicht vertippt!). Der studiert Biochemiker und Umweltwissenschaftler hat seine Schreibkarriere mit Buchkritiken gestartet – u.A. für die NY Times, wie er hier erzählt:

In diesem Video erklärt er auch, dass Buchkritiker Bücher hervorheben sollten, die sonst unbemerkt blieben. Das ist zwar beim Debutroman eines berühmten Influencers nicht wirklich der Fall, aber ich lege Euch dieses Buch definitiv ans Herz!

Hank Green. Ein wirklich erstaunliches Ding. München: bold (ein Imprint von dtv), 2019. Übersetzt von Katarina Ganslandt.

Emma Carroll: Das Geheimnis der roten Schatulle

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦◊
Humor: ♦♦♦◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: Jungs und Mädchen von 9 – 12 Jahre (und darüber hinaus)
336 Seiten, gebundene Ausgabe um € 15

Themen: Freundschaft, arm, reich, Diebin, Wissenschaftler, Heißluftballon, Erfinder, Erfindung, die Brüder Montgolfier, Detektivgeschichte, Spannung, historischer Roman: 18. Jahrhundert

Emma Carrolls Kinderroman rund um die erste Ballonfahrt der Welt ist superspannend und handelt von der Diebin Elster, die von der zwielichtigen Madame Delacroix beauftragt wird, aus dem Hause der Erfinderbrüder Montgolfier eine rote Schatulle zu stehlen. Der Einbruch misslingt, doch die Elster rettet später Montgolfier Junior bei einem missglückten Heißluftballonversuch das Leben. Sie verletzt sich dabei und wird im Erfinderhaushalt gesund gepflegt. Dort freundet sie sich mit dem jungen Pierre Montgolfier an. Die beiden verbindet nicht nur ihr wacher Geist und das herzliche Wesen, sondern auch ihre ungewöhnlichen Haustiere: Pierre zieht mit einer Ente herum und die Elster mit einem Hahn. Als der französische König die Montgolfiers einlädt, ihren Heißluftballon in Versailles vorzuführen, hilft die ehemalige Diebin den Erfindern mit ihren Küchenbeobachtungen auf die Sprünge. Ob sie dem König ein flugfähiges Modell bringen können? Und wie wird die Elster mit den Drohungen ihrer einstigen Auftraggeberin Madame Delacroix fertig? Was will diese überhaupt von den Montgolfiers?

Der Roman bleibt spannend bis zum Schluss und zieht die Leserschaft total in seinen Bann. Der historische Hintergrund des Buches ist natürlich überaus faszinierend. In Anwesenheit des französischen Königs Ludwig XVI. ließen die Brüder Montgolfier am 19.9.1783 ihren Heißluftballon aufsteigen – an Bord befanden sich eine Ente, ein Hahn und ein Hammel, die Carroll geschickt in ihren Roman einbaut. Mit dieser achtminütigen Ballonfahrt gingen die Montgolfiers in die Geschichte ein, und noch heute nennt man Heißluftballon-Wettbewerbe „Montgolfiaden“.

Emma Carroll ist eine englische Kinderbuchautorin (Jahrgang 1970), die mit ihrem Mann und den Jack Russell Terriern Pip und Bertie in den Hügeln von Somerset lebt. Auf ihrer Homepage schreibt Carroll, ihre Bücher seien für jede(n), egal welchen Alters, auch wenn man sie im Buchhandel in der Abteilung für 9-12 Jährige finde. Das kann ich nur unterstreichen: Das Lesen dieses Buches war nicht nur für meine Tochter sondern auch für mich ein Genuss. Emma Carroll liebt übrigens Schnee und ist seit ihrem 11. Lebensjahr Vegetarierin. Mehr zur Autorin findet Ihr hier.

Emma Carroll. Das Geheimnis der roten Schatulle. Übersetzt von Cornelia Panzacchi. Stuttgart: Thienemann-Esslinger Verlag, 2019. Titel des englischen Originals: Sky Chasers.

Agnese Baruzzi: Hoppla, was kann das sein?

Leselevel: ♦♦◊◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦♦♦
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: Kinder von 2 bis 6 Jahren; robustes Pappbilderbuch um € 12

Themen: Formen, Figuren, Farben, räumliches Vorstellungsvermögen, Verwandlung, Fantasie, Wetter, Natur, Essen, Tiere, Pflanzen, Menschen, Meerjungfrau

*GEWINNSPIEL * VERLOSUNG*BUCHEMPFEHLUNG

Vor Kurzem habe ich mein Interview mit Agnese Baruzzi online gestellt. Darin erzählt die italienische Kinderbuchillustratorin, dass sich ihr Vater vor einiger Zeit für seine Druckerei eine Laserschneidanlage gekauft habe, in die sie sich Hals über Kopf verliebt habe. Seither verbringe sie unglaublich viel Zeit damit, sich ausgeklügelte Buchprojekte mit besonderen Schnitten einfallen zu lassen. Baruzzis neuster Geniestreich, Hoppla, was kann das sein?, ist das Resultat ihrer unendlichen Experimentierfreude. Hurra!

Hoppla, was kann das sein? ist ein Mischung aus Agnese Baruzzis feinen Verwandlungsbüchern, die die Kinder in ihren Bann ziehen wie die Flöte des Rattenfängers – etwa Große Überraschungen, und ihren interaktiven Büchern, z.B. Spiel mit mir!, in dem die Finger der Kids zu Beinen eines Raumfahrers, Händen eines Trommlers und vielem mehr werden. Das neuen Buch bezaubert durch seine verschiedenförmigen Gucklöcher: kleine und große Dreiecke, ein Halbkreis, Ellipsen, Kreise, etc. Auf dem Cover ist zum Beispiel die Finne eines Wals ausgestanzt. Blättert man um, wird diese Ausstanzung zu einem aufgespannten Regenschirm. Auch die folgenden Löcher verwandeln sich: kleine aufgestellte Dreiecke formen auf einer Seite einen Bergwald, auf der nächsten werden sie zum Federkleid einer Eule. Die Kinder entwickeln schnell große Freude daran zu erraten, in was sich die ausgestanzten Formen verwandeln könnten.

Das Spiel der wechselnden Hintergrundfarben und -muster ist auch Teil des großen Lesevergnügens! Dass die Kinder ihre Finger durch die meisten Löcher stecken können, die Formen be-greifen dürfen, von hinten und vorne und oben und unten bestaunen können, ist fabelhaft! Ich mit meinem miesen räumlichen Vorstellungsvermögen hätte so ein Buch als Kind gebraucht, in dem sich eine Tulpenblüte in eine Meerjungfrauenflosse verwandelt, die Blätter einer Pusteblume zum Schnurrbart eines Wanderers werden und, besonders grandios, zwei Eiskugeln zur Schnauze eines mit Eis bekleckerten Hundes werden. Was der wohl (aus)gefressen hat?…

Besonders ausgeklügelt ist, dass auf jeder Folgeseite noch ein Element der vorangehenden Illustration ist. Aus der Salatschüssel wird ein Schildkrötenpanzer, wobei die Schildkröte ein Salatblatt verspeist. Eine Margeritenblüte wird zum Kamm eines Hahns, der wiederum eine Margerite im Schnabel trägt, usw.

Dieses Buch ist so hervorragend durchdacht, so unterhaltsam und witzig, dass es die Kids begeistern wird und es auch für ältere Geschwisterkinder und die Vorlesenden viel Spannendes zu entdecken gibt. Selten gibt es dermaßen lustige und lehrreiche Kinderbücher auf dem überlaufenen Bilderbuchsektor für die Kleinsten.

Wollt Ihr dieses tolle Bilderbuch haben? Ich verlose eins! Schreibt mir einfach unten einen Kommentar und erklärt mir, was für Euch das Schönste am Frühling ist. Auf Facebook und Instagram könnt Ihr durch einen Kommentar zum Hoppla-Beitrag ein Extralos in den Topf werfen. Leider können nur Menschen mit Wohnsitz in Österreich oder Deutschland an diesem Gewinnspiel teilnehmen. Am 27. April um 6 Uhr morgens werde ich das Exemplar verlosen und die Gewinnerin oder den Gewinner verständigen. Der Gewinn kann nicht in bar abgelöst werden. Viel Glück!!!

Herzlichen Dank an den Verlag minedition (Michael Neugebauer Edition) und Gudrun Albertsmeier für das wunderschöne Rezensions- und Verlosungsexemplar!

Agnese Baruzzi: Hoppla, was kann das sein? Bargteheide: Michael Neugebauer Edition, 2019.

Interview mit Agnese Baruzzi, BCBF 2019

Auf der diesjährigen Kinderbuchmesse in Bologna habe ich am 2.4.19 die renommierte Kinderbuchillustratorin Agnese Baruzzi getroffen. Mit ehrlichen Worten gewährt sie in diesem Interview einen tiefen Einblick ins Leben einer Illustratorin, in die Zusammenarbeit zwischen Verlag und Künstlerin, in ihr künstlerisches Schaffen und die finanzielle Komponente.

Als Tochter eines Schriftsetzers und einer Bibliothekarin ist die 1980 geborene Agnese Baruzzi seit ihrer Kindheit von Büchern umgeben. Seit 2001 arbeitet sie nun schon als Illustratorin und Kinderbuchautorin, und zwar höchst erfolgreich. Ihre über 100 Bilderbücher werden in vielen Ländern publiziert. Sie lebt nahe Bologna in einem kleinen Häuschen am Land, gut bewacht von ihren Hunden Zorba und Orso.

BW: Wie entstehen Deine Bücher? Beginnt alles mit einer Idee von Dir oder kommen die Impulse vonseiten des Verlags?

AB: Jedes Buch hat seine eigene Entstehungsgeschichte. Manchmal habe ich eine Idee und gehe damit zum Verleger. Dann besprechen wir sie. Diese Gespräche sind sehr wertvoll und nützlich, zum Bespiel mit Michael Neugebauer von Minedition. Zusammen können wir ein Projekt enorm verbessern. Wenn es schnell gehen muss und ich nur Dateien an den Verlag schicke, ohne eine ordentliche Besprechung mit dem Verleger, dann fehlt dem Projekt etwas. Sich auszutauschen ist ein wichtiger Teil der Zusammenarbeit. Üblicherweise fühle ich mich besonders jenen Buchprojekten verbunden, die aus einer meiner eigenen Ideen enstanden sind. Aber es kommt natürlich auch vor, dass mich ein Verlag bittet, ein Buch zu einem bestimmten Thema zu machen und sie das Format aussuchen, etc. Natürlich ist das auch okay, aber für diese Bücher brennt mein Herz ein klein bisschen weniger.

BW: Hier auf der Kinderbuchmesse in Bologna sieht man viele IllustratorInnen, die sich an Verlagsständen anstellen, um ihre Portfolios herzuzeigen und Aufträge an Land zu ziehen. Musst Du das auch noch machen?

AB: Nein. Ich vereinbare schon vor der Messe Termine mit den Verlagen, für die ich arbeite. Ich arbeite sehr gerne für meine Verlage und hoffe, dass sie auch gerne mit mir zusammenarbeiten. An die Zeit, als ich mich noch anstellen musste, kann ich mich aber noch gut erinnern. Ich wünsche den KollegInnen alles Gute, allerdings ist es sicher schwer für die Verlage, in so kurzer Zeit so viele Illustrationen zu beurteilen. Vielleicht ist dies doch nicht die beste Möglichkeit, sich und seine Bilder vorzustellen.

BW: Hast Du immer einen Notizblock dabei, allzeit bereit, neue Ideen festzuhalten?

AB: Ja. Allerdings nicht immer einen Notizblock, manchmal auch nur irgendwelche Zettel oder Ähnliches. Aber um die Wahrheit zu sagen: Ich arbeite sehr strukturiert. Meistens arbeite ich von 8 oder 9 Uhr bis Mittag und dann wieder am Nachmittag. Nachts arbeite ich so gut wie nie. Irgendwie nicht besonders spannend: Hört sich mehr nach Angestellter an als nach Künstlerin (lacht). Aber in der Phase der Ideenfindung geht es natürlich spontan zu. Da kann es schon vorkommen, dass ich auf dem Rad sitze oder schwimme oder an der Supermarktkasse stehe, wenn mir etwas einfällt.

BW: Arbeitest Du auf Papier oder benützten IllustratorInnen heutzutage nur den Computer?

AB: Beim Ideenfinden mache ich mir immer Muster aus Papier. In dieser Arbeitsphase muss man Papier in Händen halten um zu sehen, was verbessert werden kann.

BW: Deine Illustrationen und Bücher haben immer etwas Überraschendes und Unerwartetes. Sie binden die jungen LeserInnen ein und erlauben ihnen, aktiv zu sein. Ist das Deiner Persönlichkeit geschuldet oder machst Du das vorsätzlich, vielleicht aus pädagogischen Motiven?

AB: Das sprudelt einfach so aus mir heraus. Es macht mir Spaß, Veränderungen und Transformationsprozesse zu beobachten. Und ich liebe es, das zu tun, was mir selber Spaß macht.

BW: Was inspiriert Dich? Die Natur? Oder beobachtest Du Kinder?

AB: Für mich sind die Illustrationen anderer KünstlerInnen sehr wichtig. Meiner Meinung nach erschafft niemand etwas, das es zuvor noch nicht gegeben hat. Es ist ganz normal, sich von den Werken anderer, von Büchern, von der Natur, von Filmen und von Kunst inspirieren zu lassen. Es gibt viele Inspirationsquellen, aber für mich ist der Vergleich mit den Werken anderer KünstlerInnen wesentlich. Und es ist mir auch sehr wichtig zu beobachten, was die Kinder mit meinen Büchern machen. In einem meiner Kinderkurse hat sich ein kleines Mädchen eine schlaue Verwandlung von einem Drachen in einen Fuchs einfallen lassen. Ich habe sie gefragt, ob ich ihre Idee in mein neues Buch einbauen dürfe – und ich durfte. (Anmerkung: Die Rede ist von Agnese Baruzzis neustem Verwandlungsbilderbuch Hoppla, was kann das sein?, das am 23. April im Verlag minedition erscheint. Die erwähnte Drache-Fuchs-Kombi hat es letztendlich nicht ins Buch geschafft – es gab noch besser: Regenschirm zu Walfischflosse beispielsweise.)

BW: Hast Du einen Lieblingsillustrator oder ein Lieblingskinderbuch?

AB: Maurice Sendak. Sein Buch Wo die Wilden Kerle wohnen liebe ich ganz besonders. Und als Kind mochte ich Roald Dahl sehr.

BW: Du lebst in Imola, in der Nähe von Bologna. Ist diese Messe ein Heimspiel für Dich?

AB: Ja, absolut. Früher habe ich sogar in Bologna gewohnt – jetzt lebe ich auf dem Land. Ich bin damals mit dem Rad zur Buchmesse gefahren, während die anderen MessebesucherInnen mit dem Flugzeug aus allen Teilen der Welt angereist sind.

BW: Wie viele Bücher hast Du schon veröffentlicht?

AB: Ich zähle sie nicht, aber über hundert werden es schon sein.  

BW: Deine Scherenschnitt-Bücher sind faszinierend, zum Beispiel The Beauty and the Beast (erschienen 2016 im Verlag Sterling Publishing). Machst Du solche Bücher besonders gerne?

AB: Ja, sehr gerne. Das kommt daher, dass mein Vater, der eine Druckerei hat, eine Laserschneidanlage gekauft hat. In diese Maschine habe ich mich Hals über Kopf verliebt. Ich habe damit unglaublich viel Zeit verbracht, habe mir Bücher mit dieser Technik ausgedacht. Aber leider ist es sehr teuer, solche Bücher fertigen zu lassen. Aus wirtschaftlicher Sicht waren diese Bücher kein großer Erfolg, fürchte ich. Sie kosten einfach zu viel. Aber ich bastle noch immer an neuen Projekten mit weniger ausgeklügelten Schnitten, damit die Bücher dann weniger kosten und wirtschaftlich erfolgreicher sind.

BW: Du bist eine bekannte Illustratorin und arbeitest für Verlage in Deutschland, Italien, England, Japan, Portugal, Südkorea und den USA. Arbeitest Du mit den ÜbersetzerInnen Deiner Bücher zusammen?

AB: Nein. Einmal habe ich sogar ein Buch für ein englisches Verlagshaus gemacht, das ins Italienische übersetzt wurde, aber nicht von mir. Natürlich war der Text sehr einfach, aber es wäre doch naheliegend gewesen, dass ich dieses Buch übersetze. Ich hätte die Worte gerne selbst ausgewählt. Ich bin überzeugt davon, dass das Übersetzen sehr wichtig ist. Leider beherrsche ich keine Fremdsprache gut genug, um selbst zu übersetzen, aber mir ist die Bedeutsamkeit des Übersetzens bewusst.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei Agnese Baruzzi, die sich auf der geschäftigen Messe in Bologna die Zeit genommen hat, mit mir zu sprechen. Dem Verlag minedition (Michael Neugebauer Edition) danke ich sehr herzlich fürs Einfädeln dieses Interviews und für die Gastfreundschaft auf dem Minedition-Stand! Besonders Gudrun Albertsmeier gebührt ein großes Dankeschön!

Auf meinem Blog finden sich Rezensionen zu folgenden, sehr empfehlenswerten Bilderbüchern von Agnese Baruzzi:

Spiel mit mir!

Große Überraschungen