Hank Green: Ein wirklich erstaunliches Ding

Leselevel: ♦♦♦♦♦
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦◊
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦


Zielgruppe: ab 16 Jahren

444 Seiten, gebundene Ausgabe um € 22


Themen: Berühmtheit, Star, Social Media, Außerirdische, Regierung, Likes, Shitstorm, Nerds, Freundschaft

Wenn John Greens Bruder sein Debut als Romanautor gibt, muss ich dieses Buch natürlich lesen. So wie mir dürfte es vielen Leuten gehen, denn der Roman schaffte es immerhin auf Platz 1 der New York Times Bestsellerliste. Die große Frage lautet natürlich, ob Hanks Pageturner es mit den tiefgründigen Büchern seines Bruders aufnehmen kann.

Mein Antwort: Jein ;-). Das Buch ist großartig, die Geschichte fein konzipiert und unglaublich spannend!! Also extrem toll und unbedingt lesenswert, überhaupt für ein Romandebut! Im Vergleich zu John Greens Büchern, z.B. Das Schicksal ist ein mieser Verräter, fehlt es dem Buch etwas an emotionalem Tiefgang und beeindruckenden Lebenserkenntnissen. Man kann allerdings mit Fug und Recht behaupten, dass beide Brüder Meister des Storytelling sind: Man kann ihre Bücher nicht weglegen, sonder muss(!!) immerfort weiterlesen.

Was passiert nun in Ein wirklich erstaunliches Ding? Die 23-jährige April May und ihre bester Freund Andy drehen eines Nachts in Manhattan ein Video von einer beeindruckenden Roboter-Skulptur, die April May „Carl“ nennt. Sie veröffentlichen das Video auf YouTube und es geht viral. Als sich am nächsten Tag herausstellt, dass nun auf der ganzen Welt solche Carls stehen, wird die junge Frau zur Carl-Expertin. Andy und sie stellen weitere Videos online, betreiben Recherchen. Sie wird zum Star. Doch als sich herausstellt, dass die Carls Außerirdische sind, gerät April May in einen medialen Sog aus Likes und Shitstorm. Denn einige Menschen, die sich „die Defender“ nennen, befürchten, dass die Aliens den Menschen Böses wollen.

Das Hauptaugenmerk des Romans liegt nicht darauf, dass die Carls extraterrestrische Lebewesen sind. Ganz im Gegenteil: Green verfährt ziemlich locker damit, zum Beispiel schlagen sie ihre Feinde nicht zu Brei sondern verwandeln sie in Traubengelee. Vielmehr tritt der Konflikt zwischen den weltoffenen Bürgern und dem fremdenfeindlichen Lager in den Vordergrund.

Der Social Media Hype um April May ist auch ein Kernelement des Romans. April May kreiert eine Kunstfigur, legt sich ein mediales Alter Ego zu, für das sie sogar ihre sexuelle Orientierung leugnet. Sie ist bisexuell, doch damit könnten die Leute nichts anfangen, urteilt ihre PR-Beraterin, sie solle entweder oder sein. Die fehlende Moral im Medien-Business wird auch deutlich, als aufkommt, dass April Mays PR-Agentur … Sorry! Fast hätte ich gespoilert!!

April May, die Ich-Erzählerin des Romans, spricht in jugendlicher Sprache, erzählt die Vorkommnisse witzig, smart und unterhaltsam. Dass uns ihre jugendliche Sprache überzeugt, liegt an der tollen Übersetzung von Katarina Ganslandt. Ihre deutsche Version des Romans ist durch und durch gelungen.

Auch wenn Hank Greens Debut an John Greens wunderschöne Romane nicht ganz heranreicht, ist es ein absolut gelungener Page Turner! Ein spannender Erstlingsroman, der fein einfängt, wie der heutige Social Media-Zirkus tickt.

Seit 2007 betreibt Hank Green zusammen mit seinem Bruder John den YouTube-Kanal „Vlogbrothers“, dem heute 3.180.700 Abonnenten folgen (ja, über 3 Millionen, ich habe mich nicht vertippt!). Der studiert Biochemiker und Umweltwissenschaftler hat seine Schreibkarriere mit Buchkritiken gestartet – u.A. für die NY Times, wie er hier erzählt:

In diesem Video erklärt er auch, dass Buchkritiker Bücher hervorheben sollten, die sonst unbemerkt blieben. Das ist zwar beim Debutroman eines berühmten Influencers nicht wirklich der Fall, aber ich lege Euch dieses Buch definitiv ans Herz!

Hank Green. Ein wirklich erstaunliches Ding. München: bold (ein Imprint von dtv), 2019. Übersetzt von Katarina Ganslandt.

Emma Carroll: Das Geheimnis der roten Schatulle

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦◊
Humor: ♦♦♦◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: Jungs und Mädchen von 9 – 12 Jahre (und darüber hinaus)
336 Seiten, gebundene Ausgabe um € 15

Themen: Freundschaft, arm, reich, Diebin, Wissenschaftler, Heißluftballon, Erfinder, Erfindung, die Brüder Montgolfier, Detektivgeschichte, Spannung, historischer Roman: 18. Jahrhundert

Emma Carrolls Kinderroman rund um die erste Ballonfahrt der Welt ist superspannend und handelt von der Diebin Elster, die von der zwielichtigen Madame Delacroix beauftragt wird, aus dem Hause der Erfinderbrüder Montgolfier eine rote Schatulle zu stehlen. Der Einbruch misslingt, doch die Elster rettet später Montgolfier Junior bei einem missglückten Heißluftballonversuch das Leben. Sie verletzt sich dabei und wird im Erfinderhaushalt gesund gepflegt. Dort freundet sie sich mit dem jungen Pierre Montgolfier an. Die beiden verbindet nicht nur ihr wacher Geist und das herzliche Wesen, sondern auch ihre ungewöhnlichen Haustiere: Pierre zieht mit einer Ente herum und die Elster mit einem Hahn. Als der französische König die Montgolfiers einlädt, ihren Heißluftballon in Versailles vorzuführen, hilft die ehemalige Diebin den Erfindern mit ihren Küchenbeobachtungen auf die Sprünge. Ob sie dem König ein flugfähiges Modell bringen können? Und wie wird die Elster mit den Drohungen ihrer einstigen Auftraggeberin Madame Delacroix fertig? Was will diese überhaupt von den Montgolfiers?

Der Roman bleibt spannend bis zum Schluss und zieht die Leserschaft total in seinen Bann. Der historische Hintergrund des Buches ist natürlich überaus faszinierend. In Anwesenheit des französischen Königs Ludwig XVI. ließen die Brüder Montgolfier am 19.9.1783 ihren Heißluftballon aufsteigen – an Bord befanden sich eine Ente, ein Hahn und ein Hammel, die Carroll geschickt in ihren Roman einbaut. Mit dieser achtminütigen Ballonfahrt gingen die Montgolfiers in die Geschichte ein, und noch heute nennt man Heißluftballon-Wettbewerbe „Montgolfiaden“.

Emma Carroll ist eine englische Kinderbuchautorin (Jahrgang 1970), die mit ihrem Mann und den Jack Russell Terriern Pip und Bertie in den Hügeln von Somerset lebt. Auf ihrer Homepage schreibt Carroll, ihre Bücher seien für jede(n), egal welchen Alters, auch wenn man sie im Buchhandel in der Abteilung für 9-12 Jährige finde. Das kann ich nur unterstreichen: Das Lesen dieses Buches war nicht nur für meine Tochter sondern auch für mich ein Genuss. Emma Carroll liebt übrigens Schnee und ist seit ihrem 11. Lebensjahr Vegetarierin. Mehr zur Autorin findet Ihr hier.

Emma Carroll. Das Geheimnis der roten Schatulle. Übersetzt von Cornelia Panzacchi. Stuttgart: Thienemann-Esslinger Verlag, 2019. Titel des englischen Originals: Sky Chasers.

Agnese Baruzzi: Hoppla, was kann das sein?

Leselevel: ♦♦◊◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦♦♦
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: Kinder von 2 bis 6 Jahren; robustes Pappbilderbuch um € 12

Themen: Formen, Figuren, Farben, räumliches Vorstellungsvermögen, Verwandlung, Fantasie, Wetter, Natur, Essen, Tiere, Pflanzen, Menschen, Meerjungfrau

*GEWINNSPIEL * VERLOSUNG*BUCHEMPFEHLUNG

Vor Kurzem habe ich mein Interview mit Agnese Baruzzi online gestellt. Darin erzählt die italienische Kinderbuchillustratorin, dass sich ihr Vater vor einiger Zeit für seine Druckerei eine Laserschneidanlage gekauft habe, in die sie sich Hals über Kopf verliebt habe. Seither verbringe sie unglaublich viel Zeit damit, sich ausgeklügelte Buchprojekte mit besonderen Schnitten einfallen zu lassen. Baruzzis neuster Geniestreich, Hoppla, was kann das sein?, ist das Resultat ihrer unendlichen Experimentierfreude. Hurra!

Hoppla, was kann das sein? ist ein Mischung aus Agnese Baruzzis feinen Verwandlungsbüchern, die die Kinder in ihren Bann ziehen wie die Flöte des Rattenfängers – etwa Große Überraschungen, und ihren interaktiven Büchern, z.B. Spiel mit mir!, in dem die Finger der Kids zu Beinen eines Raumfahrers, Händen eines Trommlers und vielem mehr werden. Das neuen Buch bezaubert durch seine verschiedenförmigen Gucklöcher: kleine und große Dreiecke, ein Halbkreis, Ellipsen, Kreise, etc. Auf dem Cover ist zum Beispiel die Finne eines Wals ausgestanzt. Blättert man um, wird diese Ausstanzung zu einem aufgespannten Regenschirm. Auch die folgenden Löcher verwandeln sich: kleine aufgestellte Dreiecke formen auf einer Seite einen Bergwald, auf der nächsten werden sie zum Federkleid einer Eule. Die Kinder entwickeln schnell große Freude daran zu erraten, in was sich die ausgestanzten Formen verwandeln könnten.

Das Spiel der wechselnden Hintergrundfarben und -muster ist auch Teil des großen Lesevergnügens! Dass die Kinder ihre Finger durch die meisten Löcher stecken können, die Formen be-greifen dürfen, von hinten und vorne und oben und unten bestaunen können, ist fabelhaft! Ich mit meinem miesen räumlichen Vorstellungsvermögen hätte so ein Buch als Kind gebraucht, in dem sich eine Tulpenblüte in eine Meerjungfrauenflosse verwandelt, die Blätter einer Pusteblume zum Schnurrbart eines Wanderers werden und, besonders grandios, zwei Eiskugeln zur Schnauze eines mit Eis bekleckerten Hundes werden. Was der wohl (aus)gefressen hat?…

Besonders ausgeklügelt ist, dass auf jeder Folgeseite noch ein Element der vorangehenden Illustration ist. Aus der Salatschüssel wird ein Schildkrötenpanzer, wobei die Schildkröte ein Salatblatt verspeist. Eine Margeritenblüte wird zum Kamm eines Hahns, der wiederum eine Margerite im Schnabel trägt, usw.

Dieses Buch ist so hervorragend durchdacht, so unterhaltsam und witzig, dass es die Kids begeistern wird und es auch für ältere Geschwisterkinder und die Vorlesenden viel Spannendes zu entdecken gibt. Selten gibt es dermaßen lustige und lehrreiche Kinderbücher auf dem überlaufenen Bilderbuchsektor für die Kleinsten.

Wollt Ihr dieses tolle Bilderbuch haben? Ich verlose eins! Schreibt mir einfach unten einen Kommentar und erklärt mir, was für Euch das Schönste am Frühling ist. Auf Facebook und Instagram könnt Ihr durch einen Kommentar zum Hoppla-Beitrag ein Extralos in den Topf werfen. Leider können nur Menschen mit Wohnsitz in Österreich oder Deutschland an diesem Gewinnspiel teilnehmen. Am 27. April um 6 Uhr morgens werde ich das Exemplar verlosen und die Gewinnerin oder den Gewinner verständigen. Der Gewinn kann nicht in bar abgelöst werden. Viel Glück!!!

Herzlichen Dank an den Verlag minedition (Michael Neugebauer Edition) und Gudrun Albertsmeier für das wunderschöne Rezensions- und Verlosungsexemplar!

Agnese Baruzzi: Hoppla, was kann das sein? Bargteheide: Michael Neugebauer Edition, 2019.

Interview mit Agnese Baruzzi, BCBF 2019

Auf der diesjährigen Kinderbuchmesse in Bologna habe ich am 2.4.19 die renommierte Kinderbuchillustratorin Agnese Baruzzi getroffen. Mit ehrlichen Worten gewährt sie in diesem Interview einen tiefen Einblick ins Leben einer Illustratorin, in die Zusammenarbeit zwischen Verlag und Künstlerin, in ihr künstlerisches Schaffen und die finanzielle Komponente.

Als Tochter eines Schriftsetzers und einer Bibliothekarin ist die 1980 geborene Agnese Baruzzi seit ihrer Kindheit von Büchern umgeben. Seit 2001 arbeitet sie nun schon als Illustratorin und Kinderbuchautorin, und zwar höchst erfolgreich. Ihre über 100 Bilderbücher werden in vielen Ländern publiziert. Sie lebt nahe Bologna in einem kleinen Häuschen am Land, gut bewacht von ihren Hunden Zorba und Orso.

BW: Wie entstehen Deine Bücher? Beginnt alles mit einer Idee von Dir oder kommen die Impulse vonseiten des Verlags?

AB: Jedes Buch hat seine eigene Entstehungsgeschichte. Manchmal habe ich eine Idee und gehe damit zum Verleger. Dann besprechen wir sie. Diese Gespräche sind sehr wertvoll und nützlich, zum Bespiel mit Michael Neugebauer von Minedition. Zusammen können wir ein Projekt enorm verbessern. Wenn es schnell gehen muss und ich nur Dateien an den Verlag schicke, ohne eine ordentliche Besprechung mit dem Verleger, dann fehlt dem Projekt etwas. Sich auszutauschen ist ein wichtiger Teil der Zusammenarbeit. Üblicherweise fühle ich mich besonders jenen Buchprojekten verbunden, die aus einer meiner eigenen Ideen enstanden sind. Aber es kommt natürlich auch vor, dass mich ein Verlag bittet, ein Buch zu einem bestimmten Thema zu machen und sie das Format aussuchen, etc. Natürlich ist das auch okay, aber für diese Bücher brennt mein Herz ein klein bisschen weniger.

BW: Hier auf der Kinderbuchmesse in Bologna sieht man viele IllustratorInnen, die sich an Verlagsständen anstellen, um ihre Portfolios herzuzeigen und Aufträge an Land zu ziehen. Musst Du das auch noch machen?

AB: Nein. Ich vereinbare schon vor der Messe Termine mit den Verlagen, für die ich arbeite. Ich arbeite sehr gerne für meine Verlage und hoffe, dass sie auch gerne mit mir zusammenarbeiten. An die Zeit, als ich mich noch anstellen musste, kann ich mich aber noch gut erinnern. Ich wünsche den KollegInnen alles Gute, allerdings ist es sicher schwer für die Verlage, in so kurzer Zeit so viele Illustrationen zu beurteilen. Vielleicht ist dies doch nicht die beste Möglichkeit, sich und seine Bilder vorzustellen.

BW: Hast Du immer einen Notizblock dabei, allzeit bereit, neue Ideen festzuhalten?

AB: Ja. Allerdings nicht immer einen Notizblock, manchmal auch nur irgendwelche Zettel oder Ähnliches. Aber um die Wahrheit zu sagen: Ich arbeite sehr strukturiert. Meistens arbeite ich von 8 oder 9 Uhr bis Mittag und dann wieder am Nachmittag. Nachts arbeite ich so gut wie nie. Irgendwie nicht besonders spannend: Hört sich mehr nach Angestellter an als nach Künstlerin (lacht). Aber in der Phase der Ideenfindung geht es natürlich spontan zu. Da kann es schon vorkommen, dass ich auf dem Rad sitze oder schwimme oder an der Supermarktkasse stehe, wenn mir etwas einfällt.

BW: Arbeitest Du auf Papier oder benützten IllustratorInnen heutzutage nur den Computer?

AB: Beim Ideenfinden mache ich mir immer Muster aus Papier. In dieser Arbeitsphase muss man Papier in Händen halten um zu sehen, was verbessert werden kann.

BW: Deine Illustrationen und Bücher haben immer etwas Überraschendes und Unerwartetes. Sie binden die jungen LeserInnen ein und erlauben ihnen, aktiv zu sein. Ist das Deiner Persönlichkeit geschuldet oder machst Du das vorsätzlich, vielleicht aus pädagogischen Motiven?

AB: Das sprudelt einfach so aus mir heraus. Es macht mir Spaß, Veränderungen und Transformationsprozesse zu beobachten. Und ich liebe es, das zu tun, was mir selber Spaß macht.

BW: Was inspiriert Dich? Die Natur? Oder beobachtest Du Kinder?

AB: Für mich sind die Illustrationen anderer KünstlerInnen sehr wichtig. Meiner Meinung nach erschafft niemand etwas, das es zuvor noch nicht gegeben hat. Es ist ganz normal, sich von den Werken anderer, von Büchern, von der Natur, von Filmen und von Kunst inspirieren zu lassen. Es gibt viele Inspirationsquellen, aber für mich ist der Vergleich mit den Werken anderer KünstlerInnen wesentlich. Und es ist mir auch sehr wichtig zu beobachten, was die Kinder mit meinen Büchern machen. In einem meiner Kinderkurse hat sich ein kleines Mädchen eine schlaue Verwandlung von einem Drachen in einen Fuchs einfallen lassen. Ich habe sie gefragt, ob ich ihre Idee in mein neues Buch einbauen dürfe – und ich durfte. (Anmerkung: Die Rede ist von Agnese Baruzzis neustem Verwandlungsbilderbuch Hoppla, was kann das sein?, das am 23. April im Verlag minedition erscheint. Die erwähnte Drache-Fuchs-Kombi hat es letztendlich nicht ins Buch geschafft – es gab noch besser: Regenschirm zu Walfischflosse beispielsweise.)

BW: Hast Du einen Lieblingsillustrator oder ein Lieblingskinderbuch?

AB: Maurice Sendak. Sein Buch Wo die Wilden Kerle wohnen liebe ich ganz besonders. Und als Kind mochte ich Roald Dahl sehr.

BW: Du lebst in Imola, in der Nähe von Bologna. Ist diese Messe ein Heimspiel für Dich?

AB: Ja, absolut. Früher habe ich sogar in Bologna gewohnt – jetzt lebe ich auf dem Land. Ich bin damals mit dem Rad zur Buchmesse gefahren, während die anderen MessebesucherInnen mit dem Flugzeug aus allen Teilen der Welt angereist sind.

BW: Wie viele Bücher hast Du schon veröffentlicht?

AB: Ich zähle sie nicht, aber über hundert werden es schon sein.  

BW: Deine Scherenschnitt-Bücher sind faszinierend, zum Beispiel The Beauty and the Beast (erschienen 2016 im Verlag Sterling Publishing). Machst Du solche Bücher besonders gerne?

AB: Ja, sehr gerne. Das kommt daher, dass mein Vater, der eine Druckerei hat, eine Laserschneidanlage gekauft hat. In diese Maschine habe ich mich Hals über Kopf verliebt. Ich habe damit unglaublich viel Zeit verbracht, habe mir Bücher mit dieser Technik ausgedacht. Aber leider ist es sehr teuer, solche Bücher fertigen zu lassen. Aus wirtschaftlicher Sicht waren diese Bücher kein großer Erfolg, fürchte ich. Sie kosten einfach zu viel. Aber ich bastle noch immer an neuen Projekten mit weniger ausgeklügelten Schnitten, damit die Bücher dann weniger kosten und wirtschaftlich erfolgreicher sind.

BW: Du bist eine bekannte Illustratorin und arbeitest für Verlage in Deutschland, Italien, England, Japan, Portugal, Südkorea und den USA. Arbeitest Du mit den ÜbersetzerInnen Deiner Bücher zusammen?

AB: Nein. Einmal habe ich sogar ein Buch für ein englisches Verlagshaus gemacht, das ins Italienische übersetzt wurde, aber nicht von mir. Natürlich war der Text sehr einfach, aber es wäre doch naheliegend gewesen, dass ich dieses Buch übersetze. Ich hätte die Worte gerne selbst ausgewählt. Ich bin überzeugt davon, dass das Übersetzen sehr wichtig ist. Leider beherrsche ich keine Fremdsprache gut genug, um selbst zu übersetzen, aber mir ist die Bedeutsamkeit des Übersetzens bewusst.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei Agnese Baruzzi, die sich auf der geschäftigen Messe in Bologna die Zeit genommen hat, mit mir zu sprechen. Dem Verlag minedition (Michael Neugebauer Edition) danke ich sehr herzlich fürs Einfädeln dieses Interviews und für die Gastfreundschaft auf dem Minedition-Stand! Besonders Gudrun Albertsmeier gebührt ein großes Dankeschön!

Auf meinem Blog finden sich Rezensionen zu folgenden, sehr empfehlenswerten Bilderbüchern von Agnese Baruzzi:

Spiel mit mir!

Große Überraschungen

Stephan Schlensog und Carmen Hochmann: Komm mit, wir entdecken die Weltreligionen

Leselevel: ♦♦◊◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: für Kindergarten und Grundschulkinder (ab 3 Jahren)
12 Seiten; großes Pappbilderbuch mit Klappseiten um € 12,99

Themen: Religion, Wimmelbuch, Weltreligionen, Christentum, Islam, Judentum, Hinduismus, Buddhismus, keine Religionsgemeinschaft, Religionsgemeinschaften in Deutschland, religiöse Feste, Rituale und Symbole, spielerisches Lernen

Bevor ich mich dem Eierfärben, Osterlammbacken und Hasenbasteln widme, möchte ich Euch noch dieses wunderschöne, schlaue Religionsbuch empfehlen. Die Zielgruppe von Komm mit, wir entdecken die Weltreligionen sind Kindergarten- und Grundschulkinder: Für sie ist Gott bzw. Religion zu Ostern natürlich ein großes Thema.

In diesem Wimmelbuch finden sich im Klappentext die wichtigsten Informationen zum Fest und zum Christentum im Allgemeinen, aber was dieses Pappbilderbuch neben den ansprechenden Illustrationen und den lustigen Suchaufgaben besonders auszeichnet ist, dass auch die anderen Weltreligionen, also der Islam, das Judentum, der Hinduismus und der Buddhismus genauso ausführlich vorgestellt werden. Auch Menschen ohne Religionsbekenntnis sind Teil dieses Buches.

Ich finde es schön, den Kindern schon früh zu zeigen, dass es verschiedenste Religionsgruppen und Lebensweisen gibt. Das friedliche Zusammenleben ist das Herz aller Illustrationen, und so sind auf den einzelnen Doppelseiten der Religionsgruppe nicht nur Gläubige der jeweiligen Religion zu finden, sondern immer auch Vertreter der anderen.

Auf allen fünf Doppelbildern verstecken sich ein Mädchen ohne Religionsbekenntnis, ein christliches Mädchen, ein muslimischer Junge, ein jüdischer Junge, ein hinduistisches Mädchen und ein buddhistischer Junge. Diese gilt es im Wimmelbild zu entdecken genauso wie die Feste, Symbole und Rituale, die auf den Bildrändern abgebildet sind. So gelingt es diesem besonderen Religionsbuch, dass die Kinder jede Menge Wissen aufsaugen und dabei großen Spaß erleben!

Ich wünsche Euch ein frohes Osterfest und viele bunte Begegnungen an den Feiertagen!

Herzlichen Dank an den Gabriel Verlag aus der ThienemannEsslinger Verlagsgruppe und Henrike Blum für mein Rezensionsexemplar!

Stephan Schlensog und Carmen Hochmann: Komm mit, wir entdecken die Weltreligionen. Stuttgart: Gabriel Verlag im Thienemann-Esslinger Verlag, 2019.

Martina Fuchs und Agnes Ofner: Klarissa von und zu Karies. Vom Leben und Wirken einer Bakterie

BLOGBEITRAG MIT GEWINNSPIEL

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦♦♦
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: Jungs und Mädchen zwischen 3 und 8 Jahren

26 Seiten, gebundene Ausgabe um €16,95

Themen: Karies, Zähne, Zahngesundheit, Gesundheitserziehung, Mundflora, Bakterien, Gebiss, Zahnbürsten, Zahnarzt, Gesundheitsförderung

Bald ist Ostern, und der Hase wird uns sehr viel Schokolade im Garten verstecken. Da brauchen die Kids dringend Motivation zum gründlichen Zähneputzen: Klarissa von und zu Karies muss her! Im lustigen Zahnsachbuch verrät eine Kariesbakterie den Kindern, was es gerne verspeist, was ihm schadet und was beim Zahnarzt passiert. Das Buch verrät allerlei Wissenswertes zum Thema Zähne, ohne dass von „Zahnputzteufeln“ oder der „Zahnfee“ die Rede wäre. Die Kariesbakterie Klarissa gibt einfach ihr Insiderwissen preis, es wird nichts verkitscht oder verniedlicht. Die Kinder werden auf unterhaltsame Weise informiert. Die wunderschönen, amüsanten Illustrationen von Agnes Ofner veranschaulichen den spannenden Text von Martina Fuchs perfekt. Und auch wir Erwachsene können noch einiges lernen – oder wusstest Du, dass in jedem/jeder von uns 2 kg (!!) Bakterien herumwuseln?

Einige Erwachsene schütteln sich eventuell bei dem Gedanken an ein Zahnsachbuch, aber meine Kinder sind total scharf auf diesen witzigen Band. Ich glaube, die Kinder packen den dentalen Stier gerne bei den Hörnern: Je mehr sie wissen, desto weniger Angst haben sie.Sie wollen unbedingt ganz genau wissen, was beim Plombieren passiert, wie die ersten Zahnbürsten vor 4000 Jahren so ausgesehen haben und was ein Zahnwurm ist (Letzteres weißt Du auch nicht, stimmt‘s?).

VERLOSUNG

Angesichts der großen Schokoflut zu Ostern verlose ich ein Exemplar dieses genialen Buches! Was musst Du tun?

Kommentiere diesen Blogbeitrag und verrate mir, ob Du Deinen Zahnarztterminen gelassen entgegensiehst oder davor Panik schiebst (so wie ich).

Wer über 18 Jahre alt ist und in Österreich, Deutschland oder der Schweiz wohnt, kann gerne in den Lostopf hüpfen. Das Gewinnspiel läuft bis zum 14.4.19 um 23:59. Am Montag danach verlose ich unter allen Teilnehmenden einen Band von Klarissa von und zu Karies. Der Rechtsweg und eine Barauszahlung sind ausgeschlossen. Zum Zweck des Versands werden die Daten des Gewinners oder der Gewinnerin an den Tyrolia Verlag weitergegeben. Herzlichen Dank an den Tyrolia Verlag für das Rezensions- und das Verlosungsexemplar!

Und Dir viel Glück für die Verlosung!

Deine Brigitte

Martina Fuchs und Agnes Ofner. Klarissa von und zu Karies: Vom Leben und Wirken einer Bakterie. Innsbruck: Tyrolia, 2019.

David Hockney, Martin Gayford und Rose Blake: Die Welt der Bilder: Für Kinder

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: ab 8 Jahren
128 Seiten, gebundene Ausgabe um € 19,90

Themen: Kunst, Bilder, Fotografie, bewegtes Bild, Gemälde, Kunstgeschichte, KünstlerInnen, Erfindungen, Techniken, Kinder und Kunst

Frisch von Bologna mitgebracht habe ich dieses unterhaltsame Kunstbuch: David Hockneys und Martin Gayfords Die Welt der Bilder: Für Kinder, illustriert von Rose Blake und ins Deutsche übersetzt von Claudia Koch. Das amüsante Sachbuch bringt Kindern ab 8 Jahren näher, wie Künstlerinnen und Künstler es schaffen, unsere dreidimensionale Welt auf einer ebenen Fläche abzubilden. Was wollen sie ausdrücken und wie schaffen sie das mithilfe von Szenenaufbau, Licht und Schatten, feinen Linien und großflächigen Pinselstrichen? Kinder werden diese wunderbare Einstiegsluke in die Welt der Kunst lieben, denn das Buch enthüllt das Rätsel, was ein Bild, eine Fotografie oder ein Bewegtbild zu Kunst macht, wie so ein Kunstwerk aufgebaut ist und welche Überlegungen dahinterstecken.

Zudem enthält Die Welt der Bilder: Für Kinder alles, was man von exzellenten traditionellen Kunstbüchern kennt: Es präsentiert die wichtigsten Techniken, die Meilensteine der Kunstgeschichte, die prominentesten Kunstschaffenden und die bedeutendsten Erfindungen (von Aquarellfarben und Metalltuben bis hin zu Videospielen und Smartphones).

In einfacher Sprache werden komplexe Sachverhalte spannend und faszinierend erklärt. Wenn man verstehen möchte, worum es bei Kunst geht, und einen Schlüssel sucht, der einem einen Zugang zu Kunstwerken ermöglicht, sollte man dieses Buch unbedingt lesen. Es richtet sich zwar vorrangig an Kinder, aber auch für Erwachsene ist dieses Sachbuch ein Genuss. Zum großen Vergnügen trägt nicht nur der schlaue, kurzweilige Dialog zwischen Kunstkritiker Martin Gayford und Künstler David Hockney bei, sondern auch die bezaubernden, lustigen Illustrationen von Rose Blake, die es schaffen, die unterschiedlichen Kunstwerke und Erklärungen in ein harmonisches Ganzes zu verwandeln. Völlig zurecht wurde dieses Buch auf der BCBF-Kinderbuchmesse in Bologna mit dem renommierten Bologna Ragazzi Award ausgezeichnet!

Hätte ich dieses Buch nur schon gekannt, als ich letzten Oktober zwanzig GrundschülerInnen ins Museum der Moderne begleitete ( http://www.club-der-schlauen-fuechse.at/?p=1306 ). Dort habe ich nämlich händeringend versucht, den Kindern zu erklären, was Kunst ist. Sie haben mich genauso ausdruckslos angeguckt wie eine Kuhherde einen Wanderer. Zum Schluss fiel mir ein, dass der Titel eines Kunstwerks ein super Schlüssel für dessen Interpretation sein kann. Da stand ein Mädchen auf, ging zur Beschreibung des Bildes von Marisa Merz, vor dem wir gerade standen, und las laut vor: „Ohne Titel.“ Die Museumshalle dröhnte vor lauter Lachen, und ab da war der Bann gebrochen! Es kann eben ein großes Vergnügen sein, sich Kunst anzusehen und sich darüber auszutauschen. Und darauf macht auch das Buch Die Welt der Bilder: Für Kinder große Lust.

Ich danke dem Midas Verlag sehr herzlich für mein Rezensionsexemplar!

David Hockney und Martin Gayford. Die Welt der Bilder: Für Kinder. Zürich: Midas Verlag, 2019. Illustriert von Rose Blake. Übersetzt von Claudia Koch.

Kveta Pacovska: Die Nimmtes-Nimmtes-Frau

Leselevel: ♦♦◊◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦♦♦
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: alle
64 Seiten, gebundene Ausgabe mit Silberprägung und Papierbrücken um €45*

Themen: Märchen, Nimmtes-Nimmtes-Frau (kleptomanische, nicht bösartige Märchenfigur), Bären, Suppe, Löffel, Bett, Schlüssel, Honig

Die Nimmtes-Nimmtes-Frau der vielfach preisgekrönten tschechischen Künstlerin Kveta Pacovska ist eine märchenhafte Erzählung. Das titelgebende Fabelwesen hüpft ins Haus der drei Bären, die im Wald Honig sammeln. Sie setzt sich an deren Tisch, löffelt deren Suppe aus und legt sich dann ins Bett des kleinsten Bären. Bei ihrer Rückkehr geht es den drei Bären wie den sieben Zwergen aus „Schneewittchen“, doch schwups springt die Nimmtes-Nimmtes-Frau aus dem Bett und verschwindet. Und die Bären wollen von nun an alle Fenster schließen, wenn sie in den Wald zum Honigsammeln gehen.

Natürlich geht es in Bilderbüchern von KünstlerInnen für viele Menschen vor allem um die Bilder, in Pacovskas Fall wunderschöne, fantasievolle Bilder mit kräftigen Farben und geometrischen Formen, ein Spielplatz für das Auge. Aber für mich machen genau Pacovskas gute Geschichten den Unterschied aus: Auch wenn ihre Bilder Kunstwerke sind, bekommen die LeserInnen auch eine spannende Geschichte geboten und haben nicht das Gefühl, sich zwanghaft kunstpädagogisch fortzubilden. Jedes Pacovska Bilderbuch ist auch vergnüglich und spannend. Das Publikum darf sich einfach unterhalten lassen (hurra!). Und wenn jemand das Bedürfnis hat, eine Analyse dieser wunderschönen Kunst zu machen, ist er oder sie auch gut beschäftigt.

„Ein Bilderbuch ist die erste Galerie, die ein Kind besucht“: Dieses Zitat wurde zusammen mit anderen schlauen Pacovska-Sprüchen der Nimmtes-Nimmtes-Frau vorangestellt. Im Falle meiner eigenen Kinder trifft das voll zu. Sie haben wirklich Pacovskas herausragendes Bilderbuch Blau, rot, alle gelesen, bevor wir eine Marisa Merz-Ausstellung besucht haben. Und auch alle anderen Bilderbücher, die wir zuvor noch gelesen hatten, haben ihren und meinen „Kunstsinn“ (beziehungsweise unsere Fähigkeit, Schönes zu erkennen) beeinflusst. Und, liebe Eltern, auch alle Basteleien, die wir klebstoffverschmiert und schnipselüberströmt mit unseren Knirpsen fertigen, sind feinster Kunstunterricht – mögen die entstandenen Klopapierfiguren auch noch so hässlich sein. Also einfach werken und lesen, dann erleben wir und unsere Kinder gemeinsam eine schöne Zeit!

Hier gelangt Ihr zu dem Interview, das ich 2019 auf der Kinderbuchmesse in Bologna mit Kveta Pacovska führen durfte. Ich danke dem Verlag Michael Neugebauer Edition für seine Gastfreundschaft auf der Messe, besonders Gudrun Albertsmeier, die mir dieses Interview (und noch weitere) ermöglicht hat. Minedition hat Kveta Pacovskas Die Nimmtes-Nimmtes-Frau übrigens 2018 „als Ausdruck der hohen Wertschätzung für ihr künstlerisches Schaffen […] zu ihrem 90. Geburtstag“ herausgegeben (Zitat aus Werner Thuswaldners Klappentext).

*Ein Wort zum Preis: Mit €45 ist Die Nimmtes-Nimmtes-Frau mit Abstand das teuerste Buch, das ich bislang auf meinem Blog empfohlen habe. Und ich bedanke mich an dieser Stelle sehr herzlich für das wertvolle Rezensionsexemplar des Verlages Minedition! Ich wünsche mir, dass sich nicht nur reiche Familien dieses Buch zulegen, sondern auch viele öffentliche Büchereien. Dieses Buch ist von bester Machart und wird auch den intensiven Gebrauch einer Gemeinde- und Stadtbibliothek sehr lange mitmachen.

Kveta Pacovska. Die Nimmtes-Nimmtes-Frau. Bartgeheide: Verlag Michael Neugebauer Minedition, 2018.

Interview mit Kveta Pacovska, BCBF 2019

Kveta Pacovska, die kleine, zarte, über 90-jährige Dame, sitz am Tisch des knallroten Minedition Standes auf der Kinderbuchmesse in Bologna und guckt mich wach an (es ist der 3. April 2019). Sie sieht nach Künstlerin aus, schwarze Kleidung aus verschiedenen Materialien, Metallic-Nagellack, eine wunderschöne Frau. Dass sie etwas auf dem Kasten hat ist schon klar, bevor sie den Mund öffnet. Wir sprechen Englisch, doch dann fragt mich die Tschechin auf Deutsch, ob wir das Interview in deutscher Sprache machen wollen. Überrascht strahle ich sie an. Hinter mir reihen sich sofort weitere Pacovska-Fans ein, die nach meinem Interview um ein Autogramm bitten wollen. Eine asiatische Dame vor mir hatte Kveta um ein Selfie gebeten und ihr, noch bevor sie nein sagen konnte, ein Küsschen auf die Wange gedrückt. Andere Bewunderer filmen sie beim Signieren wie einen Panther hinter Gitterstäben. Meine Ausgabe von Pacovskas jüngstem Bilderbuch, Die Nimmtes-Nimmtes-Frau, das der Verlag Michael Neugebauer Edition 2018 zu Ehren ihres 90. Geburtstags herausgegeben hat, wird auch signiert. „Für Stella und Helena“ malt Pacovska in kraftvollen Strichen mit silbernem Metallicstift auf das schwarze Papier. Die Vornamen meiner Kinder werden wohl nie mehr schöner geschrieben werden, außer von ihnen selbst.


INTERVIEW

Lene Mayer-Skumanz und Birgitta Heiskel: Ein Löffel Honig. Eine Geschichte zur Erstkommunion

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: Jungs und Mädchen von 7 – 9 Jahren
128 Seiten, gebundene Ausgabe um € 14,95

Themen: Freundschaft, Erstkommunion, Gott, Imkerei, Honig, Fels, Schule, Familie, Nachbarschaft

Ein Löffel Honig: Eine Geschichte zur Erstkommunion ist ein wunderschönes Buch über Freundschaft. Vorneweg sei gleich gesagt: Das Buch ist einfach ein toller Kinderroman! Auch wenn sich die sechs Kinder der Erstkommunionsgruppe rund um Tischmutter Ulli gerade auf das Fest der Erstkommunion vorbereiten, kann man das Buch gerne auch „einfach so“ lesen. Es fasziniert mich aber schon sehr, wie es sowohl der Autorin Lene Mayer-Skumanz als auch der Illustratorin Birgitta Heiskel gelungen ist, dem Kinderbuch auch eine spirituelle Dimension zu verleihen.

            Vordergründig aber lesen wir von sechs Erstkommunionskindern einer Vorbereitungsgruppe. Die Autorin Lene Mayer-Skumanz fängt deren Familien einfühlsam ein, spiegelt ihre Gedankenwelt wider und enthüllt ihre Konflikte und Freuden. Die sich entwickelnde Freundschaft zwischen den Kindern Julia und Stefan ist hinreißend. Sie treffen sich meistens auf einem geheimen Felsen im Wald und tauschen sich aus. Ab und an besuchen sie auch Stefans Großvater in seiner Imkerhütte und genießen einen Löffel Honig. Diese naturbezogenen Ausflüge und die tiefe Freundschaft lassen die Kinder aufblühen.

           Die schöne Geschichte eröffnet aber auch eine religiöse Dimension. Bei der Erstkommunionsvorbereitung mit Ulli und den Gesprächen zwischen Julia und dem Pfarrer werden religiöse Themen angesprochen, zum Beispiel das Gewissen, Versöhnung und einige Bibelstellen (darunter den Psalm, in dem Gott als „schützender Fels“ bezeichnet wird). Wer ist Gott, wie wirkt Gott in unserem Leben, wie verbindet man sich mit Gott, wieso lässt Gott Kriege zu? Nicht nur die ProtagonistInnen sind diesen Fragen auf der Spur, sondern wir hören (bzw. lesen) auch Gottes eigene Stimme: Gott kommentiert das Geschehen glaubwürdig, überzeugend, liebevoll. Das ist ein großer Kunstgriff, und ehrlich gesagt wundert es mich selbst, dass er gelungen ist 😉 . Ebenfalls bewundernswert ist, wie Lene Mayer-Skumanz es schafft, komplexe katholische Themen wie die Transsubstantiation in einfachen Worten, für Kinder verständlich anzusprechen und das Ganze dann auch noch in diese schöne Freundschaftsgeschichte zu packen. Wirklich toll!

Die Illustratorin dieser Ausgabe von _Ein Löffel Honig_, Birgitta Heiskel, vermag es, in ihren Bildern die Gefühle der Protagonisten wunderbar einzufangen: Julia sitzt voller Freiheitsdrang mit wild wehendem Haar auf ihrem Fels, Stefans Großvater steht gütig und entspannt im Imkeranzug da wie ein cooler Raumfahrergreis, die nervige Mirella spreizt sich verzweifelt von einem Föhrenast ab und Stefan greift mit freudig glühendem Gesicht nach Julia, um ihr ins gemeinsame Versteck zu helfen. Heiskels Illustrationen sind einfach unsagbar schön und berührend, wobei honiggelb in allen Bildern eine zentrale Rolle spielt. Zum einen natürlich weil die Zeit der Erstkommunionsvorbereitung für Julia so erfreulich ist wie ein Löffel Honig, genascht in der Imkerhütte von Stefans Großvater. Zum anderen ist dieses Honiggelb ein Symbol für Gott und Julias Beziehung zu Gott. Heiskels Bilder zeigen nicht nur Menschen, sondern immer auch wunderschön gezeichnete Tiere und Pflanzen, was die Schönheit und Bedeutung der Natur als Gottes Schöpfung unterstreicht.

           Ein Löffel Honig stammt übrigens aus dem Jahr 1994. Die Wiener Germanistin Kathrin Wexberg, die auch wissenschaftliche Mitarbeiterin der STUBE (Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur) ist, hat diese Neuauflage behutsam überarbeitet und Elemente wie den Walkman aktualisiert.

  • Lene Mayer-Skumanz, geboren 1939 in Wien, ist freischaffende Schriftstellerin. Sie ist insbesondere bekannt für ihre religiösen und historischen Kinder- und Jugendbücher. Sie ist Preisträgerin vieler Auszeichnungen, wie zum Beispiel dem Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, dem Book Award of USA and Canada und dem Kinderbuchpreis der Stadt Wien.
  • Birgitta Heiskel, 1962 in Frankfurt am Main geboren, lebt seit 1990 in Wien als freiberufliche Illustratorin und Grafikerin im Buch- und Zeitschriftenbereich. Ihre Illustrationen wurden vielfach ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis.

Lene Mayer-Skumanz und Birgitta Heiskel. Ein Löffel Honig: Eine Geschichte zur Erstkommunion. Innsbruck: Tyrolia Verlag, 2019. Bearbeitet von Kathrin Wexberg.

Ich danke dem Tyrolia Verlag für das Rezensionsexemplar!