Interview mit Anne Sanders alias Lea Coplin aka Alexandra Pilz auf der Lit Love in München am 11.11. 2018

Ich war letzten Sonntag in München auf der Lit Love, einer jährlichen Veranstaltung der Random House-Verlage für alle Liebhaberinnen romantischer Romane. Es war toll! Kann ich Euch echt wärmstens empfehlen! Hingefahren bin ich hauptsächlich für das untenstehende Interview mit der sympathischen Jugendbuchautorin Lea Coplin (alias Anne Sanders aka Alexandra Pilz), aber ich habe sämtliche Lesungen, Gesprächsrunden und vor allem die nette Lit Nerd-Community sehr genossen.

Die unter drei Pseudonymen publizierende Schriftstellerin aus München, die am gleichen Tag wie Jane Austen Geburtstag hat, gewährt im Interview tiefe Einblicke in die Zusammenarbeit von Autorin, Literaturagentur und Verlag, erklärt die Sache mit ihren Pseudonymen und plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen, zum Beispiel wie sie sich belohnt, wenn mal wieder eins ihrer Bücher an der Spitze der Spiegel-Bestsellerliste landet. Übrigens haben mir andere Autoren auf der Lit Love erzählt, welch dominante Rolle die Verlage spielen, zum Beispiel beim Festlegen von Titel und Cover. Wusstet Ihr das?

 

Als Anne Sanders (im Blanvalet Verlag) hat die Schriftstellerin ihre größten Erfolge gefeiert, im Bereich der romantischen Frauenliteratur. Ich liebe ganz besonders Sommer in St. Ives (2016), aber auch Mein Herz ist eine Insel (2017) und ihre jüngste Publikation Sommerhaus zum Glück (2018) sind große Erfolge. Bald wird Wild at Heart – Willkommen im Hotel der Herzen folgen.

Ihr Erstlingswerk, Zurück nach Hollyhill, erschien im Februar 2013 beim Verlag Heyne fliegt unter dem Pseudonym Alexandra Pilz. Dieses Jugendbuch ist eine Mischung aus Fantasy, Romanze und Thriller und war so erfolgreich, dass zwei weitere Bände folgten.

Im April 2018 erschien das geniale Jugendbuch Nichts ist gut. Ohne dich im dtv Verlag unter dem Pseudonym Lea Coplin. Den Folgeband Nichts zu verlieren. Außer uns (publiziert im September 2018) hebe ich mir für die Weihnachtsferien auf – ich freue mich jetzt schon darauf!

 

 

BW: Lass uns doch mit Deinen Pseudonymen starten. Du hast ja derer drei, und keines ist Dein echter Name, nicht?

AS: Ja, doch, Alexandra Pilz ist tatsächlich mein echter Name gewesen, bevor ich geheiratet habe. Als ich zu Blanvalet gegangen bin, habe ich ja quasi das Genre gewechselt. Das erste waren ja Jugend-Fantasy-Romane bei Heyne fliegt. Dann habe ich zu Blanvalet gewechselt und der Blanvalet Verlag hat gesagt, er möchte mit dem Genrewechsel einen neuen Namen. Er wollte, dass der neue Name ein bisschen internationaler klingt, also man könnte genauso gerne Anne Sanders [englisch ausgesprochen] sagen, weil es sind ja englischsprachige Romane. Bei dtv wollte ich eigentlich mit Alexandra Pilz weitermachen, weil es ist ja nach wie vor Jugendbuch, wenn auch keine Fantasy mehr. Aber die Verlage wünschen sich ganz oft, um die Bücher im Buchhandel zu platzieren, dass es etwas Neues ist, etwas Frisches, deshalb der neue Name. Also meistens sind diese Pseudonyme Verlagsentscheidungen.

 

BW: Jeanne Birdsall, die Autorin der Penderwicks, hat in einem Interview festgestellt, dass sie sich noch ganz genau erinnern könne, wie es war, Kind zu sein. Deine Jugendbücher erwecken in mir auch den Eindruck, dass Du Dich noch ganz genau daran erinnern kannst, wie es war, ein Teenager zu sein. Ist dem so?

AS: Also ich werde ja nächstes Jahr 50 und trotzdem ist Jugendbuch mein absolutes Steckenpferd. Ich habe ja nicht umsonst angefangen mit dem Jugendbuch und auch wieder dorthin zurückgefunden, weil es mir einfach total Spaß macht, die zu schreiben und ich lese auch unglaublich gerne Jugendbücher. Gerade diese Zeit mit der ersten Liebe und den vielen Dingen, die man zum ersten Mal macht… zum Beispiel weiß ich noch ganz genau, wie ich meine erste Avocado gegessen habe, ich glaube, da war ich schon vierzehn. Ich erinnere mich da noch ganz genau und diese Gefühle kann ich abrufen, dieses ganze Drama und so. Ich weiß nicht, ob das nicht in jedem steckt, dieses Coming of Age und Erwachsenwerden ist ja schon eine dramatische Zeit. Ich weiß noch sehr genau, wie das war [lacht].

 

BW: Ist das Alter der Protagonisten auch etwas, das der Verlag festlegt?

AS: Bei den Lea Coplin-Büchern sind die Protagonisten ja tatsächlich alt, 18 und 21, und da sprechen wir natürlich vorher ab, was im Jugendbuch möglich ist, aber nachdem dtv ja Colleen Hoover unter Vertrag hat, in deren Büchern ja die Protagonisten manchmal 26 sind oder so und sie auch noch bei dtv junior läuft, ist das möglich.

 

BW: An welchem Punkt hast Du entschieden, dass Du Vollzeitschriftstellerin sein möchtest?

AS: Ich glaube, möchten möchte man das immer. Ich weiß nicht, der Spaß hat nicht abgenommen mit den Jahren, aber man wird halt ein bisschen routinierter und irgendwann denkt man sich: „Okay, das ist ein Job.“ Ich schreibe jetzt gerade mein neuntes Buch, und wenn Sonntagabend ist, dann denke ich: „Okay, morgen muss ich arbeiten.“ Es ist halt auch eine Arbeit, es ist zwar eine, die natürlich schöner ist, weil ich zuhause bleiben kann bei meinen Miezekatzen. Bei meinem ersten Buch, Zurück nach Hollyhill, da saß ich zuhause und hatte Gänsehaut und wollte überhaupt nicht mehr lesen, weil mir das Schreiben so viel Spaß gemacht hat. Da habe ich noch Vollzeit gearbeitet. Ich bin ja Journalistin und war in einer Redaktion. Ich musste um 8 Uhr das Haus verlassen und bin um 5 Uhr aufgestanden, um vorher noch an dem Buch zu arbeiten, weil ich da schon einen Verlag hatte, der darauf gewartet hat. Ich wollte das einfach unbedingt. Und dann bin ich sukzessive immer weiter runter mit meinen Stunden und habe das kompensiert mit dem Vorschuss, den ich vom Verlag bekommen habe. Aber das mit Anne Sanders und nebenbei die Jugendbücher, das hätte ich dann nicht mehr geschafft, und dann war‘s ohnehin klar, dass man sich entscheiden muss. Und dann habe ich mich halt für die Schriftstellerei entschieden. So lang‘s dauert. Das weiß man ja nie, wie bei jeder Freiberuflichkeit, wenn der Verlag nicht mehr mag…

 

BW: Bespricht man im Vorfeld mit seinem Verlag, welche Ideen man hätte?

AS: Ja, in der Tat. Bei dtv habe ich 2 Ideen abgegeben. Und bei Blanvalet ist es ganz oft so, dass ich dasitze und sage: „Man könnte es so machen, man könnte es so machen, man könnte es so machen…“. Das nächste Buch heißt Wild at Heart: Willkommen im Hotel der Herzen und spielt auf einer Gezeiteninsel vor Cornwall. Diese Gezeiteninsel ist die gleiche Insel wie bei Die kleine Bäckerei am Strandweg, aber als ich das Exposé entworfen habe, da gab’s dieses Buch noch gar nicht. Und ich habe jetzt um Verlag gesagt: „Wollen wir’s wirklich machen? Nachher sagen alle: „Oh, das ist ja wie bei Die kleine Bäckerei am Strandweg, aber es hat geheißen, ich soll’s trotzdem machen. So lange liegen die halt manchmal. Ich hab das damals vorgeschlagen, aber man hat andere vorgezogen und dann kommt es irgendwann später dran.

 

BW: Hast Du ein Belohnungssystem? Wenn Du wieder mal einen Spiegel-Bestseller raushaust, kaufst Du Dir dann eine teure Handtasche oder so?

AS: Eigentlich belohne ich mich, wie man mir vielleicht ansieht, mit Essen. Wenn wir feiern gehen, dann geh ich mit meinem Mann zusammen essen, was trinken. Wir gehen sehr gerne hier in München zu dieser Kette, die The Victorian House heißt. Das ist total gemütlich eingerichtet mit Ohrensesseln und an Weihnachten immer ganz toll geschmückt, und es gibt auch sowas wie Shepherd’s Pie, nicht dass ich Fleisch essen würde, aber… es gibt auch ein englisches Ale. Das machen wir oft, um die Anne Sanders Bücher zu feiern.

 

BW: Was ist Dein Lieblingskinderbuch?

AS: Weißt Du, was echt tragisch ist? Ich kann mich daran nicht erinnern. Ich habe letztens mit meinem Mann darüber gesprochen, ob mir meine Mutter überhaupt vorgelesen hat. Ich kann mich da nicht dran erinnern. Und deswegen kann ich zu Kinderbüchern nichts sagen. Ich weiß, als ich so zehn war, da habe ich Enid Blyton gelesen und Trixie Belden hab ich komischerweise gelesen, ich glaub die Autorin heißt Julie Campbell. Ich weiß es gar nicht genau, ob man die überhaupt kennt. Das war so eine Reihe über ein mutiges Mädchen. Ihre Abenteuer waren so ein bisschen krimimäßig, für Zehn- bis Zwölfjährige, die habe ich gelesen. Aber unter diesem Alter kann ich mich echt nicht entsinnen.

 

BW: Hast Du mal so eine Krimiphase gehabt?

AS: Ich hatte die absolute Krimiphase, ich bin auch so eine Leserin, ich komm auf ein Genre und dann les ich alles in diesem Genre. Ich habe eine Zeit lang nur Krimis gelesen und irgendwann wurde mir das Ganze dann zu deprimierend. Ich glaube bei Arnaldur Indridason habe ich aufgehört, weil das einfach zu düster war. Und dann bin ich zu den Jugendbüchern gekommen. Ich glaube tatsächlich über Twilight sogar oder über Harry Potter.

 

BW: Was ist Dein liebstes Jugendbuch?

AS: Zählt Harry Potter als Jugendbuch? Dann sind es die Harry Potter-Bücher. Ich habe die damals angefangen, da war ich schon Anfang dreißig oder so, weil ich mein Englisch aufbessern wollte. Ich habe mir gedacht: „Ach, so ein Kinderbuch kannst du mal lesen“ und seitdem bin ich ein Harry Potter-Fan. Aber ich mag auch Jugendbücher von Maggie Stiefvater sehr gerne, die find ich ganz, ganz toll, auch als Gesamtkunstwerk. Sie macht auch Kunst, malt viel.

 

BW: Wie bist Du zum kreativen Schreiben gekommen?

AS: Ich bin ja Journalistin, ausgebildet auch als Redakteurin mit Volontariat und so bei der Tageszeitung. Ich habe das gemacht, weil ich immer schon schreiben wollte, nur habe ich nie an die Schriftstellerei gedacht, weil das war so absurd. Wenn man schreibt, dann wird man halt Journalistin, habe ich gedacht. Und jeder Journalist will irgendwann mal ein Buch schreiben, zumindest ist das in meiner Umgebung so. Irgendwann habe ich mich mit meinem Mann zusammen hingesetzt -er ist auch Journalist und schreibt Romane, allerdings nicht so viele wie ich, weil er noch seinen Job hat. Wir wollten uns bewerben für ein Stipendium der Stadt München für Romanautoren und haben unsere Ideen, die ersten 20 Seiten, aufgeschrieben. Und vorher hatten wir ein bisschen Literatur gelesen. Ich hatte tatsächlich nur eins gelesen – mein Mann glaub ich 7, aber ich hatte nur gelesen Wie man einen verdammt guten Roman schreibt. Das ist so ein Schreibratgeber. Aber ich glaube, man braucht diese Theorien nicht so unbedingt, denn wenn man viel liest, dann hat man diese Dramaturgie irgendwie im Gefühl, wann etwas passieren muss. Lesen ist der beste Lehrer.

 

BW: Wie viele Bücher schreibst Du pro Jahr?

AS: Ich schaffe auf keinen Fall mehr als zwei. Dadurch, dass ich jetzt zwei Verlage habe, sind es auch mindesten zwei. Die Verlage verkürzen jetzt allerdings die Abstände zwischen den Veröffentlichungen immer ein bisschen – das ist irgendwie so ein neuer Trend. Ich weiß nicht, ob, das irgendwie mit diesen Save Me, Save You, Save Dings-Büchern zusammenhängt, die im Viermonatsrhtymus erscheinen und alle auf der deutschen Spiegel-Bestsellerliste waren. Und deshalb waren es dieses Jahr tatsächlich zweieinhalb. Ich werde das eigentlich auch gar nicht so ganz schaffen. Zwei ist eigentlich die Grenze. Da geht es gar nicht so ums Geld, sondern weil die Abstände jetzt so kurz geworden sind. Die Anne Sanders-Bücher sind jährlich erschienen, jedes Jahr im Mai. Das nächste ist der Auftakt zu einer zumindest zweiteiligen Reihe, die im Mai und im November erscheinen wird. Darum ist es für mich halt auch enger. Bei den Lea Coplin-Büchern ist das erste im April erschienen und das zweite im September. Es war ganz schön aufregend, fertig zu werden. Ich meine, ich bin ja noch nicht fertig. Ich habe erst das erste von denen. Das Überarbeiten dauert ja ewig. Und dann kommt das Buch in den Satz und du bekommst nochmal die Fahnen. Die musst du nochmals überarbeiten, das nimmt kein Ende.

 

BW: War es leicht für Dich, einen Verlag für Deinen ersten Roman zu finden?

AS: Ich hatte tatsächlich ziemliches Glück, weil ich sehr bald eine Agentin hatte. Das war ja auch so ein riesen Zufall. Mein Mann ist bei der Süddeutschen Zeitung und hatte ein großes Portrait gemacht über Frau Uschtrin, die hier in Deutschland ein Buch herausgibt für Autoren mit Kontaktadressen. Das Portrait hat die Rosi Kern, die mit ihm in die Grundschule gegangen ist, gelesen. Sie hat ihn angemailt und gesagt: „ Aha, du beschäftigst Dich mit Büchern. Das las ich so, als möchtest du vielleicht auch mal eins schrieben. Falls du das machen möchtest, ich bin inzwischen Literaturagentin, lass doch mal sehen.“ Und das war genau zu der Zeit, als wir gesagt haben, wir bewerben uns jetzt um dieses Stipendium und dann haben wir das der Rosi geschickt. Weil sie für Jugendbuch zuständig ist in der Agentur, hat sie sofort gesagt sie nimmt mich gleich unter Vertrag. Da hatte ich halt einfach Glück, die 25 Seiten Hollyhill haben ihr gefallen, und mein Mann ist dann bei der Agenturchefin unter Vertrag gekommen, der schreibt genrefrei. Und dann hat sie gesagt, ich soll mehr schreibe. Dann hatte ich, glaube ich, achtzig oder hundert Seiten – das war als ich immer so früh aufgestanden bin, um 5 Uhr morgens –und sie hat’s mit zur Buchmesse genommen. Und dann läuft es ja so: Es wird Verlagen angeboten und wenn die anbeißen, also wenn einer sagt: „Ah, das gefällt mir!“, dann gehen die los und sagen: „Aha, schau mal, der Verlag hat angebissen, willst du, anderer Verlag, vielleicht auch“ und so. Es kommt zu einem Bieterverfahren, wo sich die Verlage um das Manuskript bemühen. Da hatte ich einfach Glück, dass sich viele Verlage interessiert haben für den Stoff, der damals auch echt aktuell war, mit dem Erfolg der Rubinrot-Reihe. Da muss ich sagen, ich hatte die Idee zu Hollyhill schon bevor ich von Rubinrot gehört habe, natürlich, sonst hätte ich ja keine Zeitreisegeschichte gemacht, aber ich war natürlich total langsam, weil ich noch nie ein Buch geschrieben hatte. Ich hatte zwei Jahre darüber nachgedacht, bevor ich überhaupt das Buch geschrieben habe, und da war’s dann schon draußen. Aber, Pech.

 

BW: Schreibst Du ein Buch fertig und startest dann das nächste?

AS: Eigentlich ja, aber da ich jetzt so viel zu tun habe und nicht mehr nur ein Buch im Jahr schreiben kann, überschneiden sich das Überarbeiten und das Schreiben. Das Fahnenlesen kommt zwischenrein, das muss dann abends gehen oder so.

 

BW: Mir gefällt vieles an Deinen Büchern. Besonders bemerkenswert finde ich, dass Du so eine eigene, markante Stimme hast.

AS: Das höre ich tatsächlich öfter. So ein Vertriebsmensch von dtv ist damals mit dem Leseexemplar von Nichts ist gut. Ohne dich rumgefahren, und dann hat eine das angeschaut und gesagt: „Ach, ist das Alexandra Pilz?“, obwohl das da gar nicht stand, da stand, glaube ich, nur Anne Sanders drauf auf dem Leseexemplar. Die hat das einfach am Ton erkannt, das freut mich schon irgendwie.

 

BW: Du kommst ja aus der Serien- und Medienecke und hast berühmte Persönlichkeiten interviewt.

AS: Das stimmt, ich bin Printjournalistin gewesen, aber ich habe für eine Nachrichtenagentur gearbeitet, die einen Entertainmentdienst hatte und da haben wir die Kinokritiken oder Fernsehsachen geschrieben oder halt Interviews gemacht. Ich bin beim Interview von Alan Rickman vorsichtig geworden. Ich fand den immer schon sehr toll, ich finde ihn immer noch sehr toll und finde es todtraurig, dass er gestorben ist, im gleichen Monat wie David Bowie, glaub ich, es ist schrecklich. Den [Rickman] habe ich einmal interviewt zu Das Parfum, und dann war es so, dass es geheißen hat: „Keine einzige Frage zu Harry Potter“. Und wenn jemand vorher schon so etwas sagt, das muss ja nicht sein. Ich finde das einfach doof, wenn man so etwas ausschließt. Nur Parfum-Fragen, das fand ich ein bisschen schade. Und seitdem habe ich beschlossen, dass ich Leute, die ich ganz, ganz toll finde eigentlich gar nicht treffen will. Die können dem nie standhalten. Ich hatte mal die Möglichkeit Alexander Skarsgard zu interviewen. Ich fand den so toll in True Blood, und da hab ich dann gekniffen und gesagt: „Das will ich nicht machen.“ Da hatte ich irgendwie Angst. Rosamunde Pilcher habe ich einmal getroffen. Das war ein Highlight in meiner Interview-Laufbahn. Seitdem liebe ich diese Frau. Ich finde sie so toll, sie ist ja schon über neunzig. Ich hoffe, dass meine Bücher noch irgendwann ins Englische übersetzt werden, weil ich sie ihr gern schicken würde. Ich habe ihr Hollyhill schon geschickt, weil sie bei der gleichen Literaturagentur ist wie ich. Ihr Bücher werden über meine Agentur vertrieben, und dadurch konnte ich den Kontakt herstellen, und dann habe ich ihr Hollyhill zugeschickt. Sie hat mir daraufhin geschrieben, dass sie es ins Regal gestellt hat, weil es so schön gelb ist, es aber leider nicht lesen kann, weil es Deutsch ist. Die hat ganz, ganz viel Humor, das ist eine ganz, ganz tolle Frau.

 

BW: Ich gehe davon aus, dass Du auch ein großer Jane Austen-Fan bist.

AS: Ja, auch von Elisabeth Gaskell. Aber das ist ja schon so ein bisschen altertümlich alles. Ich mach das ja so, wenn ich Jugendbücher schreibe, lese ich Jugendbücher, und wenn ich Frauenunterhaltung schreibe, dann zwinge ich mich zur Frauenunterhaltung. Ich hab jetzt das erste Buch von Petra Hülsmann gelesen, also ihr aktuelles war jetzt mein erstes, das hat mir sehr gut gefallen. Die Stieg Larsson-Bücher fand ich auch toll.

 

Yay! Und ich finde Anne Sanders / Lea Coplin / Alexandra Pilz toll! Vielen Dank für das ehrliche und ausführliche Interview!LLit Love 2018 Rosie Walsh Anne Sanders Lea Coplin Alexandra Pilz Interview Lit Love 2018 11 11 2018 Brigitte Wallinger Kinderbuchblog

 

Lea Coplin: Nichts ist gut. Ohne dich.

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦◊
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen:♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 14 Jahren

352 Seiten, TB um € 10,95

Themen: Liebe, Freundschaft, Familie, Unfalltod, München

Die Münchner Autorin „Lea Coplin“, die am gleichen Tag wie Jane Austen Geburtstag hat, hat 2018 dieses geniale Buch veröffentlicht. Seit der Geburt meiner Kinder habe ich aus den hinlänglich bekannten Gründen kein einziges Buch mehr auf einmal ausgelesen („in one sitting“, hätte Edgar Allan Poe gesagt), und gestern war es wieder soweit: Schlag 18 Uhr setzte ich mich hin und stürzte mich Hals über Kopf in _Nichts ist gut. Ohne dich._ Und als ich den letzten Satz fertiggelesen hatte, herrschte schon finsterste Nacht, mein Mann hatte die Kinder zu Bett gebracht und der Hund streckte sich genüsslich nach seinem Marathonschläfchen.

 Was für ein grandioses, gelungenes Buch! Der Plot ist vielschichtig und interessant, die Charaktere tiefgründig und faszinierend, die Liebesgeschichte zwischen den beiden Protagonisten Jana und Leander intensiv und ergreifend. Die Geschichte wird größtenteils abwechselnd aus seiner und ihrer Sicht erzählt, was spannende Einblicke gewährt.

Das Buch beginnt mit dem ersten, schockierenden Wiedersehen von Leander und Jana in der Jetztzeit. Als Kinder gut befreundet, riss ihre Verbindung sechs Jahre zuvor jäh ab, weil Janas Bruder in einem von Leander verursachten Autounfall starb. Nun müssen sich die beiden mit der schmerzlichen Vergangenheit auseinandersetzen und finden dabei mehr und mehr zueinander, was Jana in eine moralische Zwickmühle bringt (darf man den Mörder seines Bruders lieben?). Als Leanders Mutter an Krebs stirbt, gerät die zerbrechliche Liebe ins Wanken.

Jana und Leander stürzen die Leserschaft in eine emotionale Achterbahnfahrt. Steigt man am Ende aus, ist das Gehirn voller Speed und das Herz rast. Hier als kleine Leseprobe ein schönes Zitat von Leanders Mutter. Sie verspricht ihrem Sohn fünf Gründe, warum sein von Schuld geplagtes Leben lebenswert ist:

„Weil du noch nicht das getan hast, was du tun möchtest, ohne den Erwartungen anderer zu entsprechen. […] Weil du dir noch nicht erlaubt hast, glücklich zu sein. Weil du noch nie einem Mädchen ‚Ich liebe dich‘ gesagt und es aus tiefstem Herzen gemeint hast. Weil du noch nicht so geliebt wurdest, wie du es verdient hast. Weil du dir noch nicht selbst vergeben hast. Weil du noch nicht um das Mädchen gekämpft hast, das dir am wichtigsten ist. Weil du noch nicht der bist, der du sein willst. Weil jeder eine Aufgabe hat und du deine erst herausfinden musst. Weil das Schönste noch kommt, Leander.“

Für den Augenblick bin ich sprachlos. Dann habe ich das Gefühl, zu ersticken, was womöglich daran liegt, dass ich vergessen habe zu atmen. Ich sauge Luft ein, dann senke ich den Kopf und blinzle was auch immer da hinter meinen Lidern brennt in die Flucht.

„Das waren an die hundert Gründe“, sage ich schließlich.

„Du findest deine Top Fünf heraus.“ (Seite 151-152)

 

Natürlich habe ich immer wieder geheult wie ein Schlosshund und mich dann extrem gefreut, wenn Silberstreifen am Horizont dieser komplizierten Geschichte erschienen. Das Buch hat mich gebeutelt und mitgenommen. Was ich besonders herausragend an Lea Coplins Buch finde ist, dass die Autorin keinen Roman für Jugendliche als Zielgruppe geschrieben hat. Nein! Vielmehr weiß sie noch bis ins letzte Detail, wie es wirklich ist, jung zu sein und das Auf und Ab verworrener Familienbande und tiefgründiger Liebe zu erleben. Ein großer Lesegenuss! Und im September 2018 hat Lea Coplin _Nichts zu verlieren. Außer uns._ veröffentlicht, in dem es um Leanders Freund Max geht. Das ist sicher ebenfalls genial: Ich hebe es mir für die Weihnachtsfeiertage auf <3 !

Alexandra Pilz: Zurück nach Hollyhill

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦◊◊
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 15 Jahren
368 Seiten, TB um € 8,99
Themen: Freundschaft, Liebe, Zeitreise, Familie, Unfalltod, Geheimnisse, England

Die Münchner Autorin „Alexandra Pilz“, die am gleichen Tag wie Jane Austen Geburtstag hat, hat 2012 dieses tolle Buch veröffentlicht. Es ist der erste Band ihrer abgeschlossenen Hollyhill-Trilogie rund um die siebzehnjährige Zeitreisende Emily.

Die Vollwaise Emily lebt in München bei ihrer Oma, die ihr zum Schulabschluss einen Brief der Mutter aushändigt. „Ich bitte dich“, steht darin geschrieben, „nach Hollyhill zu reisen, das Dorf, das viele Jahre meine Heimat war. Es liegt im Dartmoor. Du wirst es finden.“ Ohne Umschweife macht sich die junge Frau auf den Weg dorthin. Auch wenn das Örtchen Hollyhill auf keiner Landkarte verzeichnet ist, reist Emily ins Dartmoor und steigt im Zentrum des Nationalparks aus. Zufällig trifft sie dort den gutaussehenden Matt, der sie mit dem Auto nach Hollyhill bringt. Sobald sie in dem sehr kleinen Örtchen ist, geschehen sonderbare Dinge und ein Abenteuer voller Magie und Zauber beginnt. Und natürlich bahnt sich da etwas an, zwischen Emily und Matt… Während die Münchnerin das Rätsel um das Dorf langsam entschlüsselt, wird ihre beste Freundin von einem Mädchenmörder entführt, und Emily kann zusammen mit Matt ihre neuentdeckten Kräfte einsetzen.

Mich hat dieses Buch begeistert. Ich habe eigentlich einen romantischen Roman für Mädels erwartet und war vom gelungenen, spannenden Plot rund um das Zeitreisedorf Hollyhill und die Jagd nach dem Mädchenmörder sehr angetan. Zudem macht der wundervolle Humor der Autorin dieses Buch zu etwas ganz Besonderem: „In diesem Meer aus Anzugträgern stach sie [Emily] mit ihren lila Strähnen und der pinkfarbenen Leggings heraus wie ein Zirkusclown auf einer Beerdigung“ (Seite 271). Und das Beste: Es gibt noch zwei Folgebände. Hurra!

Alexandra Pilz. Zurück nach Hollyhill. München: Heyne, 2012.

En Hanaya: Motokare Retry 1: Second Chance

Leselevel: ♦♦♦◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦◊◊
Humor: ♦♦♦◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦
Zielgruppe: Mädchen und Jungs (Frauen und Männer) ab 15
192 Seiten, TB um € 6,99
Themen: erste Liebe, neuer Versuch, Unistart, Highschoollovers, Manga, Japan

Ich wollte unbedingt mal ein Manga testen. Ihr wisst schon, diese japanischen Comics, sozusagen die Buchform der Anime-Serien, die wir in jungen Jahren guckten (Sailor Moon, Pokemon, Kickers und Digimon). Und es ist vollbracht: mein erstes Manga war En Hanayas Motokare Retry: Second Chance 1.

Mit so einem Manga taucht man echt in eine andere Welt ein. Es fängt schon damit an, dass man das Buch, wie sich’s in Japan gehört, „von hinten“ anfängt und von hinten nach vorne liest. Herrlich, wenn ein Buch schon mal vom Start weg ganz anders ist! Hat man’s mal begriffen, von rechts nach links vorzugehen, steht dem Vergnügen nichts mehr im Weg. Wie das schöne Cover schon erahnen lässt, ist der Zeichenstil sehr ansprechend.

Die Geschichte auch: Mitsu zieht frisch in ihre Wohnung am Unicampus und will ihren Nachbarn begrüßen gehen. Doch sofort gibt’s die böse Überraschung: Ihr Ex Kaede grinst raus. Das Schicksal will es haben, dass die zwei Tür an Tür wohnen, nur fünf Jahre nachdem sie an der Highschool ein Paar waren, bis sich Kaede von Mitsu trennte, weil wegen ihr seine Baseballform abnahm. In schneller Bildfolge und rapidem Wortwechsel bzw. Gedankengängen wird schnell klar, dass die beiden etwas für einander empfinden. Aber kann so eine aufgewärmte Liebe funktionieren?

Um das Hin und Her dieser Story genießen zu können, sollte man schon ein wenig mit den verwinkelten Gedankengängen der japanischen Kultur vertraut sein. Sonst fragt man sich unweigerlich ab und an mal: „Hä??“, zum Beispiel warum Kaede sich in der Highschool von Mitsu trennte und ihr dann vorwirft, ihm das Herz gebrochen zu haben, weil sie sich ganz zurückgezogen habe (er habe doch nur eine Beziehungspause machen wollen, aber sie habe ihm die kalte Schulter gezeigt). Über Gefühle wird eben weniger miteinander als vielmehr mit sich selbst gesprochen. Trotzdem ist die Geschichte ansprechend und man will unbedingt wissen, ob diese Beziehung gerettet werden kann.

Also Bonus enthält dieses Manga auch noch die Geschichte von China, die unsterblich in den wenig zugänglichen, aufbrausenden Mikami verliebt ist. Diese Story ist ein herrlicher Kontrast zu den stets zweifelnden Liebenden Mitsu und Kaede, denn von Beginn an sind die Fronten geklärt: China ist verschossen in den Typen, Mikami will nichts von ihr wissen. Ob sie diese harte Nuss knacken kann?

Definitiv eignet sich dieses Manga für Männer und Frauen (ab 15 Jahren), denn das Buch ist frei von unseren westlichen Liebesklischees und auch für Romantikallergiker geeignet. Die Geschichten sind folglich auch überhaupt nicht vorhersehbar und spannend. Übrigens gibt es von der abgeschlossenen Serie Motokare Retry sieben Teile. 3 Bände gibt’s schon auf Deutsch. Der vierte Band kommt Ende Dezember 2018 heraus. Band 5 wird im Februar 2019 folgen. Vielen herzlichen Dank an dieser Stelle an den Carlsen Verlag, der mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat und mir den Einstieg in die mir neue Mangawelt versüßt hat!

En Hanaya. Motokare Retry 1: Second Chance. Hamburg: Carlsen Manga, 2018. Übersetzt von Benjamin Rusch.

En Hanaya Motokare Retry Second Chance 1 Manga empfehlung jugendliche buchtipp Jugendbuchblog Brigitte Wallinger

Liane Schneider und Eva Wenzel-Bürger: Conni kommt in den Kindergarten

Leselevel: ♦♦◊◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦◊
Humor: ♦♦♦♦◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦◊
Zielgruppe: Kinder von 3 – 5 Jahren
24 Seiten, Lesemaus-TB um € 3,99

Themen: Kindergarteneinstieg, Mutter und Kind, selbständiger werden, Freunde finden, Spiele, Geburtstag

Conni Klawitter ist ein großer Star in der deutschen Kinderbuchszene. Ihr Alltag voller froher Abenteuer wird gezeigt in einer Buchserie namens Meine Freundin Conni (richtet sich an kleinere Kinder; hiervon gibt’s auch Pixi-Bücher). Da Conni wahnsinnig beliebt war und ist, entschied der Carlsen Verlag, die Geschichte weiterzuspinnen und Conni so wie ihre Leserinnen älter werden zu lassen. Deshalb gibt es nun auch die Buchreihen Conni & Co sowie Conni 15. Zudem eine Zeichentrickserie, Hörspiele und bis dato zwei Kinofilme (mit Emma Schweiger als Conni) sowie zahllose Conni-Ausmalbücher, Vorschulheftchen, Erstlesebücher, Rätselblocks,… Ein gigantischer Erfolg!

Das erste von über 100 weiteren Conni-Büchern ist Conni kommt in den Kindergarten aus dem Jahr 1992. Und dieser Band ist auch mein persönlicher Liebling. Er hat mich und meine zwei Töchter wunderbar begleitet auf unserem Weg von „immer zusammen“ zu „etwas Abstand durch den vormittäglichen Kindergarten“. Liane Schneider, deren eigene Tochter Conni Vorbild für die Romanfigur war, schrieb die Meine Freundin Conni-Bücher. Eva Wenzel Bürger erschuf das Bild des blonden Mädchens mit der Schleife im Haar und begeistert mit ihren süßen Meine Freundin Conni-Zeichnungen. Seit 2002 schreibt Julia Boehme die Conni-Bücher für Mädels ab sieben Jahren (mit tollen Bildern von Herdis Albrecht; Julia Boehme ist übrigens die Autorin der ebenfalls empfehlenswerten Tafiti-Bücher). Und seit 2005 gibt es die dritte Serie Conni und Co für Mädels ab 10, überwiegend geschrieben von Dagmar Hoßfeld (mit Zeichnungen von Dorothea Trust). Jüngstes Mitglied der Conni-Familie ist Conni 15 von Dagmar Hoßfeld, eine Buchreihe, in der das Leben der 15-jährigen Conni Thema ist. Diese Reihe kenne ich noch nicht: Da muss ich noch warten, bis meine Kinder älter werden :-).

Der Titel meines liebsten Conni-Buches verrät seinen Inhalt: Conni kommt in den Kindergarten. Conni wird drei, erlebt einen schönen Geburtstag und darf nun in den Kindergarten gehen. Die Vorbereitungen laufen an, Ängste werden besprochen und los geht’s. Als Mama weg ist, startet das Abenteuer so richtig: Alle möglichen Kindergartenszenarien (inkl. Klobesuch, Brotzeit, Lesekreis, Geburtstagsfest und freies Spielen drinnen und draußen) werden gezeigt, und zu guter Letzt kommt Mama wieder und holt Conni ab. Das Buch bereitet wunderbar auf den Kindergartenalltag vor bzw. bietet eine tolle Gesprächsbasis für die Erlebnisse der Kindergartenkinder. Ein ideales Buch für Kindergartenneulinge!

Liane Schneider und Eva Wenzel-Bürger. Conni kommt in den Kindergarten. Hamburg: Carlsen Verlag, 2004.

Michael Roher: Tintenblaue Kreise

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦◊
Humor: ♦♦♦◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 12 Jahren

184 Seiten, Taschenbuch um € 15,-

Themen: Freundschaft, Familie, Zusammenhalt, erste Liebe, Krankheit, Mobbing

 

In Michael Rohers Jugendroman Tintenblaue Kreise entfaltet sich die wundervolle Liebesgeschichte zwischen Biene und Philip. Während Biene eine liebevolle Familie, einen fürsorglichen Bekanntenkreis und die beste Freundin Shirin um sich hat, lebt Philip ein Eigenbrötlerleben zwischen geschiedenen Eltern. Als ein ihr bekanntes Kind mit dem Tod ringt, stellt sich Biene die Frage, wie es ist, wenn man stirbt. Philips Tante hatte eine Nahtoderfahrung, und so besucht Biene Philip. Der unglaublich talentierte Junge zeigt ihr seine Malkünste, und die Tante berichtet von ihrem beinahe Tod. Fortan treffen sich die benachbarten Teenager immer wieder. Besonders süß ist die Szene, in der Philip seinen Geheimplatz in der Au zeigt, wo Biene seinen Arm mit Kugelschreiber bemalt. Die tintenblauen Kreise sind ein Schutzzauber, ein Mutsymbol und ein Zeichen ihrer Freundschaft.

 

Irgendwann fällt sein Blick auf die lange Linie, die der Stift quer über seine Handfläche hinterlassen hat, als er mir so abrupt den Arm entzogen hat.

„Ist das auch Elfenschrift?“

„Das heißt: Tenka ist ein Arsch!“, sage ich trocken.

Philip lacht laut auf.

„Ja!“, ruft er. „Das stimmt. Aber cool, dass es sogar ein elfisches Wort dafür gibt!“

Wir lachen beide (126-127).

Dieser Tenka ist ein Klassenkollege der beiden, und er blamiert den Halbiren Philip, den er „Milchbubi“ nennt, wo er nur kann. Philip wehrt sich allerdings nie und spricht nicht mit seinen Eltern darüber, und das kann Biene so gar nicht verstehen. Sie und Shirin stellen sich bei einem dieser Mobbingfälle auf Philips Seite, doch dadurch wird alles noch viel schlimmer, und Tenka rächt sich auf hässliche Weise. Kann Philip Biene trotz dieser Blamage noch in die Augen schauen?

 

Eine rührende, herzerwärmende und sehr empfehlenswerte Geschichte über die erste Liebe, das Leben nach dem Tod und Mobbing in der Schule. Obwohl die im Buch auftauchenden Probleme keine leichte Kost sind, gelingt es Roher, einen witzigen, frohen Roman zu schreiben. Er zeigt den jugendlichen und erwachsenen Lesern, dass die Schicksalsschläge des Lebens mit Zusammenhalt, Liebe und Fürsorge bewältigt werden können. „Mut statt Wut“ könnte Biene ihrem Philip in tintenblauen Schwüngen auf den Arm gemalt haben.

 

Michael Roher. Tintenblaue Kreise. Wien: Luftschacht, 2017.

Frances Hodgson Burnett. Der geheime Garten

Leselevel: ♦♦♦♦◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦♦♦
Humor: ♦♦♦◊◊
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: ab 10 Jahren
320 Seiten, gebundene Ausgabe um € 4,95
Themen: Freundschaft, Familie, positives Denken, Garten, Natur, Geheimnis

Die Kraft des positiven Denkens wird in diesem Buch auf wundervolle Weise beschrieben. Das Waisenkind Mary wird nach Misselthwaite Manor zu ihrem Onkel Archibald Craven gebracht, wo sie von nun an leben soll. Allerdings ergeht es ihr so, wie schon zuvor in Indien, als ihre Eltern noch lebten: Niemand kümmert sich um sie. Sie bekommt zwar Essen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf, aber ansonsten ist sie auf sich allein gestellt. Natürlich bemitleidet sie sich selbst und geht ruppig mit anderen um.
Alles ändert sich, als sie einen geheimen Garten entdeckt und sich um die Pflanzen dort kümmert. Indem sie sich um andere Lebewesen kümmert, erwacht ihre eigene Lebensfreude. Sie gewinnt menschliche, tierische und pflanzliche Freunde, wird langsam netter zu den Angestellten und findet zuletzt sogar am düsteren Herrschaftshaus Gefallen.

Der zehnjährige Sohn ihres Onkels, ihr Cousin Colin, vegetiert derweil abgeschottet in einem anderen Teil des Schlosses dahin. Bei seiner Geburt starb seine Mutter, was weder er noch sein Vater je verwunden haben. Der Junge befürchtet, sterbenskrank zu sein und bucklig zu werden, und er ist ein wahrer Tyrann. Zufällig trifft er auf Mary, die beiden freunden sich an und auch ihn verändert der geheime Garten. Plötzlich hat er etwas, auf das er sich freut, ein Ziel, das der schwache und deshalb an den Rollstuhl gefesselte Junge erreichen möchte. Ihr Geheimnis schweißt die beiden und den Bauernjungen Dickon, der ihnen aufgrund seiner positiven, liebevollen, freundlichen und naturbezogenen Lebensart ein großes Vorbild ist, eng zusammen. Zu guter Letzt erliegt auch noch der depressive Onkel Archibald dem Zauber des Gartens und die Kraft des positiven Denkens und der Liebe entfaltet ihre Wirkung.

Ein wirklich empfehlenswerter Klassiker aus dem Jahr 1911, geschrieben von der Autorin des Kleinen Lord. Trotz der über hundert Jahre, die dieses Buch auf dem Buckel hat, ist das Thema des Ich-bezogenen bzw. depressiven Kindes sehr aktuell und die Lösung (ein Fleckchen Erde, das die Kinder bearbeiten) wunderbar einfach. Mary bestärkt ihren Cousin zudem mehrmals, positiv zu denken. Das ganze Geschehen spielt sich vor dem Hintergrund der englischen Zweiklassengesellschaft von 1900 ab: Die reichen Adeligen beschäftigen sich nicht mit ihren Kindern, der armen Bäuerin aus der Nachbarschaft, Dickons Mutter, gelingt es trotz knapper Finanzen, ihre Kinder zu versorgen und ihnen Liebe zu schenken. Das ist auch heute noch aktuell: Anstatt die Kinder mit Geschenken, Urlaubsreisen und Nachmittagsprogramm zu überhäufen, empfiehlt es sich, ihnen in die Augen zu schauen, mit ihnen zu sprechen und gemeinsam hinaus in die Natur zu gehen, denn es hat ja wohl kaum einer von uns einen geheimen Garten zuhause – oder vielleicht doch?

Frances Hodgson Burnett. Der geheime Garten. Übersetzt von Felix Mayer. Köln: Anaconda Verlag, 2013.

Sebastian Meschenmoser: Die verflixten sieben Geißlein

Leselevel: ♦♦◊◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦◊◊
Humor: ♦♦♦♦♦
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: 4 bis 8 Jahre – eigentlich auch alle über 8 🙂

32 Seiten, gebundenes Buch um € 13,-

Themen: Märchen (reloaded), Wolf, Geißlein, Unordnung, Saustall, Wimmelbuch

 

Hut ab vor dem kunterbunten Wunderwerk Die verflixten sieben Geißlein, witzig getextet und grandios illustriert vom Berliner Künstler Sebastian Meschenmoser.

Der Wolf hat Großes vor: sich als Geißenmutter zu verkleiden, von den sieben Geißlein ins Haus gelassen zu werden und dann ein Festessen zu genießen (die Gebrüder Grimm lassen grüßen). Doch sobald der Wolf  im Ziegenhaus ist, erlebt er sein blaues Wunder. Dort herrscht nämlich so ein Schweinestall, dass er, um die Geißlein zu finden, erst einmal aufräumen muss. In jedem Raum macht er klar Schiff, dabei gilt es für die kichernden LeserInnen, die versteckten Ziegenkinder zu entdecken. Ein Mordsspaß, doch am Ende, als er mit dem Putzen fertig ist und die Rasselbande vor ihm steht, wird es für den Wolf ernst – und für die Leser kommt der Lachhöhepunkt.

Was für ein frischer Zugang zum alten Märchen! Sebastian Meschenmosers Geschichte ist urkomisch und seine Illustrationen sind ein Hammer. Bevor die Handlung ihren Lauf nimmt, sehen wir, wie sich der Wolf Dragqueen-mäßig aufputzt und seine selbstgebastelten Hörner ansteckt. Auch die Geißlein sind detailreich gezeichnet: Jedes Kitz hat ein lustiges Outfit, was dann beim Suchen und Finden in den Wimmelbildern sehr hilfreich ist. Und welche erwachsenen Vorleser werden sich nicht augenblicklich mit dem Wolf identifizieren, der Ordnung in das Chaos bringt, während die Geißlein auf dem Staubsauger reiten oder auf den gerade erst geordneten Pfandflaschen tanzen? Das erfrischende, unerwartete Ende (es darf verraten werden, dass keinem Ziegenkind auch nur ein Haar gekrümmt wird) ist dann noch das Sahnehäubchen auf diesem bezaubernden Bilderbuch, das für den deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war.

Sebastian Meschenmoser. Die verflixten sieben Geißlein. Stuttgart: Thienemann–Esslinger Verlag, 2017.

Renate Welsh: Das Vamperl

Leselevel: ♦♦◊◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦◊◊
Humor: ♦♦♦♦♦
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: Kinder von 6 – 8 Jahren

112 Seiten, Taschenbuch um € 5,95

Themen: Freundschaft, alte Dame, Vampir, Wut, Freundlichkeit, Schullektüre

 

Das Vamperl von Renate Welsh ist das erste Buch, das meine Große für die Schule lesen „musste“.  Dieses geniale Kinderbuch ist höchst unterhaltsam, auch für Erwachsene. Frau Lizzi, eine 67-jährige, gutmütige, alleinstehende Stadtbewohnerin, findet einen kleinen Vampir, den sie mit einer Milchflasche aufzieht und heiß und innig liebt. Rundherum begegnen den beiden fiese Wüteriche (z.B. vampirfeindliche Nachbarinnen, hänselnde Kinder und karrieregeile Wissenschafler), doch das Vamperl ist die Rettung: Er beißt in den Bauch der Bösen, saugt ihnen das Gift aus der Galle und schwups sind die Zornzwerge freundliche Mitmenschen. Das sorgt natürlich für sehr lustige Momente. Ich liebe die Szene, in der ein Einbrecher eine alte Frau in ihrer Wohnung ausrauben will, aber dann saugt ihm das Vamperl das Gift aus. Sein nettes Ich trifft nun auf die resolute alte Dame, die sich zunächst ordentlich empört: „Und was wollen Sie hier? … Sie sind ja ein Dieb! … Sie sollten sich schämen“ (Seite 53). Das tut er auch. Und weil er schon mal da ist, schickt ihn die Lady gleich einkaufen, denn sie ist schon seit einer Woche krank und der Kühlschrank schrecklich leer. Herrlich!

Nach vielen lustigen Episoden verplappert sich Frau Lizzi eines Tages. Sie erzählt einem Krankenhausarzt von Vamperls Heldentaten. Der Wissenschaftler überredet Frau Lizzi, das Vamperl ins Krankenhaus zu bringen. Es wird unter einen Glassturz gesteckt und erforscht. Doch Frau Lizzi wäre nicht Frau Lizzi, wenn sie ihrem Vamperl nicht aus der Klemme helfen könnte.

Nicht nur wir Erwachsene, sondern auch unsere Kinder wünschen sich so ein Vamperl, das den bösen Leuten die Galle leert und für mehr Freundlichkeit und Wohlwollen sorgt. Dieser Blogbeitrag soll nicht nur die tolle österreichische Autorin Renate Welsh und den österreichischen Nationalfeiertag ehren, sondern im Sinne von #bookstagrammergegenrechts und #vielfaltstatteinfalt für ein freidliches Zusammenleben werben. #wirsindmehr und #mutstattwut könnten schließlich von Frau Lizzi und ihrem Vamperl stammen!

Das 1979 publizierte Vamperl gibt es übrigens als Little Vampie auch auf Englisch: Zum ersten Englischlesen oder -hören (Renate Welsh war lange Jahre als freiberufliche Übersetzerin tätig). So können die Kinder gleich in eine andere Sprache und Kultur eintauchen, ein doppelter Gewinn! Zum Vamperl gibt es auf Antolin praktischer Weise gleich zwei Quizmöglichkeiten, also doppeltes Punkteabräumen. Und es gibt noch einige Vamperl-Bände mehr, denn von Vamperl kann man einfach nicht genug bekommen!

 

Renate Welsh. Das Vamperl. München: dtv junior, 2011.

Carson Ellis: Wazn Teez?

Leselevel: ♦◊◊◊◊
Wissenssteigerung: ♦♦♦◊◊
Humor: ♦♦♦♦♦
Spannung: ♦♦♦♦♦
Gefühl: ♦♦♦♦♦
Elternvergnügen: ♦♦♦♦♦

Zielgruppe: 4 – 8 Jahre

48 Seiten, gebundenes Bilderbuch um € 16,50

Themen: Insekten, die Jahreszeiten, Freundschaft, Forschen, Abenteuer, Natur

Neuerlich hat mir eine Bibliothekarin ein extrem tolles Buch gezeigt. Vielen Dank, liebe Martina! Wazn Teez? ist bezaubernd, wunderbar, total gelungen – ja, Leute, ich bin sowas von begeistert: Die klaren, in Naturtönen gehaltenen Illustrationen sind wunderschön, die Geschichte toll, und nach dem Lesen gibt’s noch jede Menge lustigen Gesprächsstoff mit den Kids.

 

Aber fangen wir mal vorne an:

Die Story: Im Frühling sprießt ein grünes Pflänzchen aus dem Boden und viele vorbeikommende Insekten fragen sich: „Wazn teez?“ (Das heißt natürlich: „Was ist das denn?“) Erste Antwort: „Mi nanüt.“

Was? Du sprichst kein Insektisch? Kein Problem! Deine Kinder werden Dir alles perfekt übersetzen, und dabei gibt’s viel zu lachen! Man kommt natürlich auch als Erwachsene(r) in diese Fantasiesprache rein: „an Plumpse“ = eine Pflanze/Blume, „an Sprossel“ = eine Leiter, usw. Die Übersetzung der wüsten Beschimpfung der Spinne, die die Pflanze samt darauf errichteter Festung in Beschlag nimmt, ist dabei sicher ein Highlight (im Original: „SCHROXXLER! TITTI SCHROXXLER!“). Keine Sorge, schon auf dem nächsten Bild löst ein großer Vogel dieses Problem ;-). Als es schließlich Herbst wird, ziehen sich die Insekten zurück, Blume und Festung verfallen, Schnee bedeckt das Land, bis dann im Frühling…

Meine Kinder und ich hatten große Freude an den bezaubernden Bildern und unglaublichen Spaß beim Entziffern der Insektensprache. Auch danach haben wir noch weitergelacht und selbst Wörter in Insektensprache erfunden. (Ich werde wohl nie mehr eine Leiter sehen und nicht „an Sprossel“ denken!)

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Ein gewaltig gutes Bilderbuch, große Empfehlung für dieses geniale Werk! Unbedingt lesen und scheckig lachen!

 

ENDE DER LOBESHYMNE, HIER DIE NACKTEN FAKTEN 🙂

Das Buch ist nur für Menschen geeignet, die Zeit haben, es mit ihren Kindern zu besprechen. Wer ein ratz-fatz-vorlesen-und-dann-ab-ins-Bett-mit-dir-Buch braucht (und solche Bücher benötigt man manchmal auch), der ist hier falsch.

Die Insektensprache ist eine super Vorleseübung für Schulkinder, denn hier muss auf den Buchstaben genau gelesen werden, und die Kids können Wörter nicht „erraten“. Leider ist leider noch kein Quiz dazu auf Antolin abrufbar.

Und die Autorin? Carson Ellis, Jahrgang 1975, lebt mit ihrem Mann, dem Folkmusiker Colin Meloy, und ihren zwei Söhnen (sowie einer Katze, zwei Lamas, zwei Ziegen, einem Schaf, zehn Hühnern, einer Eulenfamilie und unzähligen Fröschen) auf einer Farm in Portland. Wazn Teez? ist ihr zweites Bilderbuch. Ihr erstes, Zuhause, ist auch schon auf Deutsch erschienen (also diesmal echt in Deutsch und nicht in Insektisch). Für einen Grammy war Carson Ellis übrigens auch schon mal nominiert: Sie hat 2016 ein wunderschönes Albumcover für die Band ihres Mannes, The Decemberists, kreiert.

Der Titel der Originalausgabe heißt Du Iz Tak. Das Buch hat unter anderem den E. B. White Lautlesepreis gewonnen. Ich habe ein bisschen in den englischen Originaltext hineingeschnuppert und muss sagen: Das ist das erste Buch, bei dem ich die deutsche Übersetzung noch besser finde als das Original! Hut aber vor den Übersetzern Jess Jochimsen und Anja Schöne!

Wazn Teez? war übrigens für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Gewonnen hat in der Kategorie Kinderbuch schließlich aber Megumi Iwasas Viele Grüße, Deine Giraffe (illustriert vom genialen Jörg Mühle) – und das ist auch ein klasse Buch! Aber dazu ein ander Mal mehr…

 

Carson Ellis. Wazn Teez? Zürich: NordSüd Verlag, 2018. Genial übersetzt aus dem Englischen von Jess Jochimsen und Anja Schöne.